Christian Morgenstern

geb. 1871 in München, wuchs nach dem frühen Tod seiner Mutter in Internaten und bei einem Verwandten in Breslau auf. Sein Abitur legte er nach Stationen in Landshut und Sorau in Breslau ab und nahm ein Nationalökonomie- und Jura-Studium auf, das er bald aus gesundheitlichen Gründen (Lungenleiden) abbrach. 1894 siedelte er nach Stationen in München und Breslau nach Berlin über, wo er sich mit Publikationen im Feuilleton und Sketchtexterei fürs Kabarett zu finanzieren versucht. Im Jahr darauf publiziert er sein Debüt »In Phantas Schloss« und arbeitet als Lektor und Übersetzer für die Verlage von Samuel Fischer und Bruno Cassirer. Morgensterns Begeisterungsfähigkeit vergegenwärtigt sich mensch anhand des Umstands, dass er sich autodidaktisch gut genug Norwegisch beizubringen vermochte, um Ibsen, Strindberg und Hamsun ins Deutsche zu übersetzen. Morgenstern war außerdem als Lektor u.a. einiger Romane Robert Walsers tätig.
Kennzeichnend für Morgensterns Lebensstil ist die stete Bereitschaft, sich selbst zu überfordern (persönlich und beruflich), bis zur Erschöpfung zu reisen und das Ungenügen an sich selbst, bei einer angenehm auffälligen Abwesenheit von Larmoyanz, und dieses Ungenügen für eine rege und stilistisch glänzende Briefkorrespondenz zu verwerten – alles in allem das Gegenteil eines aus einer Entourage oder Gruppe heraus strahlenden und vom Literaturbetrieb verhätschelten Narziss (Morbus Rilke). Es handelte sich im Fall von Christian Morgenstern, will man seinem Biographen Jochen Schimmang folgen, um den raren Typus eines liebenswerten und beliebten Dichterkollegen.
Bekannt geblieben ist Morgenstern vor allem durch seine satirische Poesie, die nicht selten als albern-infantil geringgeschätzt oder missverstanden wird. Morgenstern zählt zu den innovativen und prachtvoll verschrobenen, gleichzeitig populären deutschen Dichtern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; letzteres unterscheidet ihn von den historischen Avantgarden, von DADA bis Expressionismus. Ihn aufgrund der Verweigerung elitärer Gesten süffisant als leichtfüßigen Humoristen und Verseschmied geringzuschätzen, das würde der Bedeutung dieser Dichterpersönlichkeit indessen nicht gerecht. Wie im Fall von Kurt Schwitters MERZ-Kunst handelt es sich im bei Morgensterns Poesie um eine erst noch angemessen zu würdigende Dichtungskonzeption.
Christian Morgensterns poetisches Werk ist in einer frühen Phase der Lebensphilosophie Friedrich Nietzsches verpflichtet. Seinem bekanntesten poetischen Zyklus »Galgenlieder« (erstmals 1905 publiziert) ist nicht von ungefähr ein Motto Nietzsches vorangestellt: »Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.«
Ab 1909 verschreibt sich Morgenstern der umstrittenen anthroposophischen Ideologie; begleitet Rudolf Steiner, den charismatischen Guru dieser esoterischen Bewegung, auf dessen Vortragsreise durch Europa. Große Teile seines Werkes haben für Morgenstern selbst nach der anthroposophischen Epiphanie keinen Bestand mehr, was sich auf die posthume Rezeption des poetischen Werks nachteilig ausgewirkt haben könnte. Christian Morgenstern starb im März 1914 in einem Sanatorium in Meran.

Werkausgaben (Auswahl)
  • Alle Galgenlieder (Galgenlieder – Palmström – Palma Kunkel – Ginganz). Berlin: Verlag Bruno Cassirer 1932 (1.-20. Tausend)
  • Kommentiere Ausgabe der Werke und Briefe in neun Bänden, hrsg. unter der Leitung von Reinhardt Habel. Stuttgart: Verlag Urachhaus 1987ff.
  • Galgenlieder und andere Gedichte/ Gallow Songs and Other Poems, übers. von Max Knight. Basel: Schwabe Verlag 2010

Literatur zu Christian Morgenstern (Auswahl)
  • Helmut Gumtau: Christian Morgenstern (Reihe: Köpfe des XX. Jahrhunderts). Berlin: Colloquium Verlag 1971
  • Ernst Kretschmer: Die Welt der Galgenlieder Christian Morgensterns und der viktorianische Nonsense. Berlin: Walter de Gruyter 1983
  • Anthony T. Wilson: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns. Würzburg: Königshausen & Neumann 2003
  • Jochen Schimmang: Christian Morgenstern – Eine Biographie. St. Pölten u.a.: Residenz Verlag 2013


ÄsthetIn Kuhlnis

»ÄsthetIn Kuhlnis verlässt Terrasse um Terrasse, und hält erst mitten aufm Meer neben Captain Morgensterns Üboot inne (innen). Ein Jahreskontext der Genitivmetwaffe zur Eindämmung postmoderner Albernheit süffisanten Lehms.« Zusammengestellt von Konstantin Ames und präsentiert von Norbert Lange.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954


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