# 007/ Captain Morgenstern


Neuer Einstieg („Weiter Achtern“ nach vor und zurück)

Freuen darf man sich auch über Christian Steinbachers (des Luftikuss 2015) poetologischen Brief nebst Klang- und Textproben aus Tief sind wir gestapelt: Gedichte sowie über seine mit Norbert Trawöger und Brigitte Mahlknecht veranstalteten Luftikusse. 

 

NEUER EINSTIEG („Weiter Achtern“ nach vor und zurück)

Ach-tern oder En-tern? … Ah, vom „Captain Morgenstern“ sollte die Rede sein in der jüngsten Karawane, wurde von der Redaktion verlautbart. … Und ganz egal, ob ich erst  spät davon erfahren oder es nur verschlafen habe: Darauf wird die Antwort lediglich in Sternen stehen bleiben können („in allen aber, also auch in Morgensternen“, ließe sich reichlich äffisch in Klammer nachplumpsen (was somit leider schon geschehen ist)). … Nein, diese Fährte da soll sich – zumindest vorerst? – nicht aufs Beschnuppern von Gestirnen einlassen, sondern auf das eines capitano (in Lüften wie in Gewässern!): Ein Problem war, als dann plötzlich ein zweiter Kapitän da war in ihrem Verein; kam von weither zur Gruppe dazu, aus einer ganz anderen Mentalität auch, aber bei dem gut bezahlten Posten, der da ausgeschrieben war, konnte der schwer Nein sagen, und schon waren es ihrer also zwei (eine Kapitänsvermehrung wie im Märchen, aber die Crew wusste es sich zu richten). Oder auch: „Piloten ist nichts verboten“ ist in Hans Albers’ bekanntem Fliegerlied zu hören, das nicht nur dem H. C. Artmann, sondern auch einem Bekannten von früher, der damals gerne Hirsche in seinen Zeichnungen, doch halt da!, halten wir uns bitte mehr im Zaum mit ’nem Ausscheren, und so manche Zeilen, und Perspektiven, säuberlich auseinander: 1) Im Summen eines Liedes während des Spaziergangs dieses mit einem neuen Text zu versehen ist eines, und wohl auch keine schlechte Möglichkeit für das eine oder andere Mal (sollte man wohl mal ins Auge fassen). 2) Bei Jacob Baldes Poemen habe ich das etwas anders bewerkstelligt, und auch wenn dort ebenso das Metrum der Vorlagen beibehalten wurde, und das stets sehr genau, um im selben Korsett umso mehr ganz woanders hinzugelangen. 3) Was, wenn selbst ein Pfauenrad (also Gebiete abseits etwelcher Schifffahrt) zu achtern wüsste? 4) Wo kommt „morgen“ vor, wo „stern“, wo „kapitän“? … Auf diese letzte Frage hin ließe sich feststellen, dass in den Balde-Umdichtungen in meiner aktuellen Publikation Tief sind wir gestapelt: Gedichte (erschienen vergangenen Herbst im Czernin-Verlag in Wien) eigenständige „Sterne“ zwar in den zugrundeliegenden Folien vorkommen, nicht aber in meinen diese ergänzenden Gegen- und Neudichtungen, wo das Suchprogramm die Buchstabenfolge s-t-e-r-n ausschließlich als Wortteil findet. So etwa (was passend aber auch fürs Fortkommen mit ’nem Boot oder auch Luftschiff sein mag) in „Kanistern“. Also Vorhang auf für die 23. und 24. Strophe aus der alkäischen Ode An einen Esel, bis er’s käut: „Mit schöner Schwärze, faulig’s Salatblatt du, / löst du, von frischen Sonnen zerteilt, dich auf, / liegst abseits du von den Kanistern, / zögre nicht länger, ergreifen wollen // wir nun die lichten Zügel des milden Föhns, / so auch Geknicktes wollt mehr beachtet sein, / gäbe als Seilschaft ihrer Brücken / Raum Eseleien das fürs Brillieren.“ … Doch auch auf „Fenstern“ oder „Flüstern“ ließe sich zurückgreifen im Revier dieser Neudichtungen. Im andern Revier, also auf Seiten der von Max Wehrli aus dem barocken Latein ins Deutsche übertragenen Dichtungen, die diesen „Umschriften“ als Folie zugrundeliegen, findet das Suchprogramm wie gesagt dagegen auch eigenwertige Sterne: so in An Sabinus Fuscus aus Tirol die Formulierung „Lauf der Sterne“, wozu genau an der Parallelstelle in meiner Umschrift schlicht der Viersilber „sowieso stets“ zu lesen ist. Und dort, wo in einer weiteren Balde’schen Folie ein „Wolkentragende, rührt an die Sterne“ als Vers zu stehen kommt, kommt an der Parallelstelle in der „Umschrift“ mit dem Titel Sichtverschnitt, bleib gewogen! ein „nicht die Zargen allein riefen wach es“ zu stehen. (Und das „an“ des „rührt an“ sei, wie sich nun rückblickend feststellen lässt, unbetont zu lesen gewesen.) Aber auch als erst zu extrahierender Wortteil lässt sich manch stern auf der Seite des Balde/Wehrli’schen Reviers bemerken: so in An den Schlaf in Strophe 1 zu Beginn des 4. Verses: „Ruhende Finsternis“ (im Gegengedicht An einen Haushalt ebenso in Strophe 1 zu Beginn des 4. Verses heißt es dann „Steingut, kein Satz jetzt, bis“), und in der vorletzten Strophe in Vers 3 desselben Gedichts: „Und lind zu hören sei das Flüstern“ (und im Gegengedicht an der Stelle: „zu klappen auf, ja abgemacht ist’s“). Das „Und lind zu hören sei das Flüstern“ findet sich in dem Zweierpack übrigens auch auf der Seite der Neudichtung, und das noch dazu auch dort dann so wie im Ausgangsgedicht erweitert um denselben Folgevers. In jeder dieser „Umschriften“ ist aus der Folie ja nicht nur ein Zitat, das neue Gedicht färbend, vorangestellt, sondern auch ein weiteres unmarkiert in den Lauf integriert (und hier ist dies Zitat eben das Verspaar „Und lind zu hören sei das Flüstern / zitternden Hauchs unter der Platane“). Aus Dem Stoiker Christoph Immola ist es der Vers „Mich zeigend: ‚Dieser ist es!‘ Die Vorstadt mag“, der sich in beiden Revieren strecken darf. Und auch in der Immola-Folie, also im Balde/Wehrli-Gedicht dieses Dopplers, ist stern als Wortteil, und das ganz so wie im vorigen Beispiel, enthalten, nämlich: „Des Ruhmes sich verbreitend Flüstern“, das an der Parallelstelle im Gegengedicht zu einem „rück ab zu lang ’nen Alibert ein“ umgemodelt wird. Wer ist es, der ’nen Alibert zu lange ab-rückt? Ein „Aladin“ ist’s, erfahren wir nach dem Sprung der Zeile. Im Ausgangsgedicht findet sich dort jedoch nur ein „Soll ich mich“ an der passenden Stelle dieser neuerlich alkäischen Taktung. … Weiter: Nicht nur im Wissen um den Bau der asklepiadeischen Ode, sondern auch im Rückschluss aus der Parallelstelle im Zotentänzchen, nämlich dem dortigen Vers „lasst ihn endlich mal aus, ödet den an der See“, lässt sich dann feststellen, dass in Baldes Totentanz in dem Vers „Doch uns leuchten ja auch Sterne, die unser sind“ das „auch“ zu betonen sei! … Jetzt noch ein zweistrophiges Beispiel aus einem Beispiel für die dritte der bekanntesten Odenformen, die sapphische: An die Göttliche Jungfrau zur Waldrast, gnadenreich einem hohen Berg der Tiroler Alpen. Als der Verfasser sie aufsuchte findet sich, diesmal zur Gänze samt Untertitel zitiert, als Titel dieses Balde’schen Gedichts, was im Gegenzug, und obzwar auch dort ein Untertitel prangen darf, wesentlich kürzer ausfällt mit An ’ne nicht lichtscheue Altlast. Als das Alphorn mich ansprang. Die ersten zwei Strophen der Waldrast-Folie: „Göttin, die dich hier in dem weiten Raume / Ringsherum der waldige Baum umwächst und / Mit den Ästen über den Wolken hoch die / Sterne dahinfegt: // Freudig seh ich, Ragende, dich bewohnen / Würdgen Sitz! Wenn neblige Felsen schon dich / Gürten, trieb mich dennoch die Liebe hin zum / Hohen Gebirge.“ Und nun die beiden Strophen im späteren Alphorn: „O Reflex, du wanderndes Unterfangen, / das ein eignes Bild sich im vollen Hüftschwung / vorgespiegelt hätte, für wie vergänglich / hältst du Gedrungnes? // Freudig seh ich, Ragende, dich bewohnen / würdgen Sitz. Wenn neblige Felsen schon dich / küren, wie erst, wenn alles eitel Wonne, / Sohle wie Scheitel!“ In der sapphischen Ode An die Göttliche Jungfrau kommt dem Vers 3 der ersten Strophe ein „Sterne wideratmen, die Bahn verzögernd,“, dem Gegengedicht An den redlichen Fluss dagegen an der parallelen Stelle ein „dass noch jedes Häubchen dich Schellfisch wärme“. Und um’s komplett zu machen auch mit den Sapphischen: Auch Zur Vigil von Mariae Himmelfahrt verfügt über Sterne. Diese lassen wir jetzt aneinanderprallen mit der hier unmittelbar an die betreffende Balde/Wehrli-Zeile gefügten Parallelzeile des Gegenstücks (so, dass wir über diesen Knoten aus beiden Revieren das ganze Areal verlassen dürfen): „und entschwebtest über die Sterne, Jungfrau“ / „wüsste sich dein Sprenkeln auf andre Welten“ –

 

ZURÜCK ZUM ACHTERN: Bestes Achtern zum Neunten heißt ein Gedicht aus einer anderen Rubrik des „Tiefstapel“-Buchs. Mit „(im Freigang, apportierend)“ ist es untertitelt, weil nach der strikten Metrik von davor im Hauptteil dieses Gedichts nun 6 Hebungen Vers für Vers sehr unterschiedlich befüllt werden. Und „apportierend“, weil nach dem Ausufern im Hauptteil dann mehrere Schlüsse alternativ (eben zum Wiederherbeiholen, sprich: zum „Apportieren“) angeboten sind: 9 Acht-Zeiler als alternative Schlüsse beenden das Gedicht. Man mag wählen. Der Zufall wollte, dass bei den Präsentationen in Linz und in Wien das Publikum dieselben Ziffern wählte, und auch dieselbe Abfolge: 4–7–2. Jene, die gerne Schlüsse aus so etwas ziehen, mögen dies, aber bitte ohne viel Aufhebens, tun. Ich erlaube mir die drei Erwählten hier bloß zu zitieren:

 

4| Nein, absolut gilt nach wie vor: „Kein Schliff

– kein Bruch!“ Drauf speckt das Übel wieder … ab?

Noch alles? (Oder überhaupt noch etwas

nach so viel Überstreckung hier?) Im Wecken,

nicht anders als im Recken, reifte bald

„Na spei’s schon aus“. Nicht nur vor Harmonie

fällt der ins Knie, die stachelt an, was sich

zur Neigung eignet wie zur Stückelung.

 

7| Wohin das führen mag, wenn minder offenherzig

wer sich mit Streckungen umgibt? Nicht vorgetäuscht

solch Tausch! Einer jedoch, der keinen Ausgang kennt,

ihn gar nicht kennen will, so du nicht unterbrichst

das jetzt mit Ritze-ratze oder rasch auf die-

sem tiefblauen Tep-

pich, von dem gesagt wird, dass hin-

gerissen man sei – na wär da dran was just jetzt? –

 

2| „O die kennst du nicht?“ heißt es dann, aber auch: „Aber auch

den Pandurensteig nicht!“ Der doch hätte geführt dran vorbei,

an solch Hang. Nur, so manchen Wortes Herkunft verbleibt

ungewiss, und so lässt du ihn als Markierung dabei,

diesen krummen schwarzen Säbel auf feurigem Rot,

und den Stein drin im Korb, bis er losgehn will, der Appell

für mehr Schotter: „Los, schwenkt!“ wird angestimmt, weiter hell,

weg vom Entern zum Achtern hin neunmalklug ohne Lot.

 

Und hier ein tönerner Hinweis, und zwar auf Gesprochenes

(aus der Aufzeichnung der Präsentation in Linz am 13. Oktober 2014): >>>>>>> 

 

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Nun aber ziehen wir uns zurück von dem „Stapeln“, lassen aber auch ab von „Fähnchen“. Nämlich denen des ‚Gedichts‘ Das letzte Fähnchen draußen lassen. Die, um von ihnen ablassen zu können, zuvor aber auch ausgespielt werden müssen. Und so sei’s: Im Zuge der Erarbeitung der „Luftikusse“-Publikation entstand dieses ‚Gedicht‘ zu einer Flötenimprovisation des Musikus Norbert Trawöger. Ganze 22-mal hat der Flötist eine Phrase aus immer gleich vielen Tönen an die Luft gebracht, wobei er mal zwei, mal drei, mal vier der Phrasen gebündelt antreten ließ. Und nach einem Bündel ließ er stets einen anderen Modus kurz erklingen: kein Werfen, sondern ein Bedenken des zuvor Geworfenen. In diesem Bild hängen geblieben, erinnerte ich ein Spiel aus der Kindheit, das wir „Figurenwerfen“ nannten: Man nahm einen Mitspieler an den Händen, drehte sich im Kreis und ließ ihn dann los, und so, wie er zum Stillstand kam, stellte er eine in Bewegung erstarrte Figur dar, die die anderen zu deuten hatten. Nun also 22 Flöten-Würfe. Oder auch bloß 8, wenn man von den durch das nachfolgende Räsonieren je umgrenzten, somit wurfwertigen, Bündeln ausgeht. Oder sollte man das nicht? Könnten die „Würfe“ im Poem sich in der getakteten Gleichschaltung ja auch von innen heraus entwickeln haben lassen (sodass der letztlich beschließende Mast nicht nur ein im Draußen zu verortendes Ende einer Entwicklung aufruft, sondern auch den Abschluss einer Inversion einer bestimmten Folge ausschließlich gleichzeitiger Substitute evoziert). Falsch spekuliert. Denn nicht 8, sondern 10 Silben bzw. Töne sind es, die da jeweils „geworfen“ wurden.

Und diesen ganzen weiteren Hinweis auf Töne verstärkt nun die passende Flöte

(Improvisation „Luftikus“ Nr. 10): >>>>>>>

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DAS LETZTE FÄHNCHEN DRAUSSEN LASSEN: Strecke einen nach dem andern hier aus // Hisse mein Gefieder leicht so wie so // Scher so bald ein Sortiment übern Kamm // Bin ein etwas eitler Tropf in dem Stoß // Halt mich mehr an Vorgegebenem an // Mach den Pfau als Strickwerk auf Schlich für Schlich // Streck als Kindchen aus den Finger auf dich // Mehrmals darf das Fähnchen raus auf den Mast“ (aus: Trawöger, Steinbacher, Mahlknecht: Luftikusse, Buch + Vinyl, Wien: Edition Krill 2014) … Wie immer: Gleichzuschaltendes zeigt sich, sei’s als Tonschwarm, als Trittbrett, als barocke Folie, für ein Gleichsein im Anderssein. Und: Bei einem anderen Gedicht, einem ersten Einstieg in eine neue Arbeit an Gedichten, ist das trotz Gleichschaltung in Beginn und Ende nicht so sehr so. Und so hat es vielleicht gar nicht Bestand in der jetzigen Version. Als flüchtig wird aber auch dies Medium hier benannt. Und so gebe ich dieses jüngste „Achtern“ (einer etwas anderen Art abseits unseres Themas?) dazu hier, obzwar als Folie ein Begräbnis eines Freundes dient, das die Leserschaft dieser Einschaltung ja nicht kennt. Aber die Aufhebung und die Aufhebung der Aufhebung hätten sich konkret und abstrakt zu geben. Oder: Das Wort Gitarre habe ich tunlichst bisher immer gemieden. Nun ist es da, nachdem einige Töne des Instruments die Verabschiedung durchaus stimmig eingeleitet haben:

 

LICHT ZUM LETZTEN ACHTERN (Im Gedenken an L. D.)

 

»Das Skelett des Karubenbaums, der sich nackt

vom schläfrigen Azurblau abhebt,

das Klingen von Stimmen, die Reihe

der Silberfinger über den Schwellen.«

     Eugenio Montale, übersetzt von Christoph Ferber,

     Altru efetto di luna/Anderer Mondeffekt

 

„Licht in einer Nacht hilft als reich-

haltigeres Drehtanz-Kleid“, wispert,

singt sie, die Gitarre, ihr Klang

löst sich auf in wehendes Licht. Bald,

heißt’s An einem Tag im November,

heißt’s: Ein Arpeggione vorm Wender,

der uns aber abhält wohlweislich.

Von ’ner wieder weiteren Wendung?

 

Nein, kein Überdrehen der Wirbel,

wenn’s doch weiter draußen schon flattert,

während wir vorm Schacht uns erst umsehn.

Auch kein neues Wenden des Laubfalls,

will’s doch, dass wir weiter uns halten,

wo herinnen konnten gut lachen

wir erst jüngst, doch halten nichts fest so,

dass nun nicht nur wir gut und gerne

 

hätten es gewusst, welch ein Schwindel,

wird die Schwerkraft fallen gelassen,

will sie einspringen nicht, nein, nicht zieht sie

an an etlichen Fingern und Fransen und… na

bitte woran denn? „Lockten improvisierte

Engelsbrücken, Nackenkissen, Hofeinfahrten

auswärtige Rahmen durchaus? Liebreiz

inneren Ereiferns necke höchstens Ab-

 

nabelung, Reinigung Derwische.“ So in etwa

schwirre das herum da, und aus. Aber dabei

bitte doch nicht gleich auch ab!! „Limikolen

induzierten Einzelstücke nebelfreien Huschens,

am Riedgras Drosseln. Lind instruiertes Ehe-

dem: ‚Nur herein!‘ Außenbezüge, Rameau’sche

Drehkreuze, Leuchten in endenden Nachen,

Herbarien – ausgemacht reife Datteln?“

 

„Lacht ihm Eifer, nickt’s, hüpft’s als Rascheln:

Drifterschließung ‚Largo‘, ihr Eiland,

näher hockten Astern rasch dürstend…“

Und dann? Was nun? Ja sind wir denn in-

zwischen draußen? Seit wann? Und: Seit wann

genau? Wozu? Um’s gar aufzufetten erneut?

Mehr braucht’s halt nicht, sich zu bequemen?

Wovon was übernehmen magst du zwar, aber

 

übernimm dich dabei bitte nicht! Denn das will

sicher niemand hier, beruhigen Zuspruch wie Glimpf,

bis es dann auch schützen könnte als mehr und mehr wa-

ckeliges Scherzen vor ungerufenen Nieten wie immer:

„Sei’s doch egal, ob wen es / kümmern mag, dies Blatt,

ob sich das Blatt, worauf wir hock- / ten, doch nicht krümmt’,

ob überhaupt schon etwas hockt’ / auf  diesem Blatt,

ein Flageolett legt’ ein ich / für das Gold vom Blatt.“

 

Und sonach: „Haben fast getanzt, fest, zu dritt,

ist es doch bekannt, dass, wird ab-

geschminkt, ein Tänzchen eben doch

sogleich draufhin nicht nur versinkt.“

Und sein Flageolett legten wir

derartig uns selbst übers Knie?

„Nein, selbst so gedieh’ noch vorm Nie

weiter auch kein Immer!“ Und doch:

 

„Licht in einer Nacht hilft als reich-

haltigeres Drehtanz-Kleid“, lispelt,

singt sie, die Gitarre, ihr Klang

 

Die Trauer achteraus wegblasend, lässt uns ein Hans Carl Artmann (der das „Such dir die schönste Sternenschnuppe aus“ aus dem Albers’schen Fliegerlied in seinem alternativen Befüllen einer Melodie dann durch „wir sind so braun vom kupfersonnenschein“, durch „wir reißen ihre kokospalmen aus“, durch „moskito durch gestirnte nacht sich schwingt“ und zuletzt durch „der satan grinst aus gehrock oder frack“ ersetzt hat) nun, nach unseren Ausflügen zu „Kapitän“ und „Stern“ und anderem „Achtern“ (Montale vermochte bekanntlich nicht nur kein Auto, sondern auch kein Fahrrad zu fahren!), kurz noch in ein keimendes „morgen“ blinken, und zwar mit einer seiner ‚Quatrainen‘: „erwarte mich im frühling / um die morgen zeit: / wenn dann die amsel uns aus tau / und rosen schreit / tu meinen käfig ich – und du / den deinen auf / daß herz an herz sich finde / ohne gitter kleid“. 4 Zeilen zu 6 Jamben werden zu 8 Halbzeilen gebrochen, wobei die 2 äußeren Halbzeilen die beiden inneren durch ihre andere Art an Bruchstelle „umfassen“. So scheinbar schlicht können Poeme sein, und das fasziniert nicht nur zur Morgen-Stunde (ist’s eine? und nur das, was man selbst nicht vermag, sei das Faszinierende? die wenigen Wörter in den ‚Quatrainen‘? ja seit wann bist du heut wach? …)  … Oder auch von Sternen und Luftschifffahrt durch ’nen Morgen-Himmel zurück in die Kombüse (wohl Kajüte?) ein neues achtstrophiges Original zum aktuellen Karawa-Thema fürn Kollegen Lange:

 

Frei überm Hosenboden fährt aus das Boot:

Peilt an das Ziel den Kapitän / weiß der sich kaum zu helfen, schwimmt’s / ihm weg: „Den, der ein Ziel anpei- / len wollt, möcht’s wohin reiben nicht?“ // Erweiterung errängen doch / auch wir, von Fratz bis Fortsatz, morst / sein Förderband ein „o“, ein „ts“. / Ich hab’s: „Bye-bye, Drucksteigerung!“ // Drucksteigerung im Technikraum? / Lässt’s ausgereift verschleppen es? / Ausgreift so gern ein Co-Pilot. / Doch Doppelung nicht immer spricht! // Wen an? Baba sei weniger / noch unerträglich als Baba- / tschi: Ha, was wird das! Wohl kein Flop / für unseren Ahoi-Konvoi? // Der Kapitän, er trägt kein Beil, / ein Fortsatz nur, das Beinkleid selbst / hätt auch ein Bein, doch weder Fuß / noch Hand. „Bye-bye, mein Fähnchen Flynn.“ // Nicht eingebettet aber sitzt / sein Boden ihm, gesteigerter Druck, / das Beistelltischchen jubelt schon. / Im Boudoir bloß Öffnungen. // Beliebt’ die Trepanation / am Grundbuch nicht zu weiden sich? / Ja wie denn nun? Klein Beigege- / benes? O, nein, der Haken hängt! // Mein Bücher-Bord zum Buchscheit drängt: / „Bei Kapitän!“, und nicht etwa / beim „Backe-backe-…“. Baedeker? / Das Beistelltischchen jubelt schon.

(Spitzfindiges P. S.: Nimmst du nur 8 der 11 Silben, wird „fährt“ betont, nimmst du 9, fährt „fährt“ unbetont. „Aha!“)



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954