# 003/ Leichte Geografie


Algerische Weise

Timo Berger

 

 
Boogie in Bougie

Keinen blassen Schimmer von Bougie, wusste nicht mal, dass da eine Stadt ist, auf der anderen Seite des Meeres. Die Wasserträger vor dem Ganzkörperscanner der Botschaft säuselte Algerien gleich Sahara ohne Ende. Wüstensand, der Tuareg, das Dromedar. Mais maintenant, ich in persona in Bougie, der Duft von Jasmin, ein Keularoma, Mücken mit ihren Sarazenensäbeln und die aufgetakelte Gottesanbeterin, die auf meinen Notizen notlandet und der gewandte Gecko unter der Zimmertür hindurch, moi, vor dem überzuckerten Espresso auf dem erhobenen Platz mit Blick auf die Kasbah, je rapelle a mon père, Vaters Gedächtnis aus einer Zeit vor meiner Zeit. Depuis de la Révolution Algerienne, nach dem Triumph über nasale Vokale, gegen 1962 – Franz Fanon sei dank – kurvte er, mon père – der mit seiner schwarzen Mähne und dem dunklen Teint aussah wie ein Berber – in einem Porsche-Prototypen durch Rot, durch Schwarz. Asche und Quarz. Die holprige Piste über den Atlas, ein Anlass für perfekte Pirouetten an der Grenze zu Mali. Doch so weit kam ich – beileibe – nicht. Unerreichbar meine genetische Vorhut. Als wir in Bougie in einem Theater auftraten, dem größten der Stadt, ein Säulengang unweit der phönizischen Hafenfeste, ein verfallener Bau, der für den Publikumsverkehr geschlossen, gabs kein Licht, und die Sonne, jener flatterhafte Kompagnon, zog es vor, in den Tiefen des Mittelmeers nach Perlen zu tauchen. Wir lasen Verse gegen voranschreitende Dunkelheit. Der bauchige Mond war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Von draußen grunzte jemand humanitär, wir pfiffen zurück. Ja, Bougie, Beyaia, war mehr als ein Buchladen in der Neustadt, die kolonialen Gebäude, die sich in die Berge fraßen. Bougie war ein Geschmack an Schwertfischfilet, reife Bananen und gefüllte Artischocken oder so was wie die Sehnsucht nach den Mädchen, die noch nie Schleier trugen, oder den Affen, vor denen an der Serpentinenstraße über der Bucht Schilder warnten. Obwohl man den Ausstand feierte, defilierten die Meerkatzen auf der Bordüre, starrten in die Digicams, als wären sie und die ganze Mischpoke überbezahlte Mannequins.

 


 

Bougie de Bougie

Jamais entendu parler de Bougie. Je ne savais même pas qu’il existait une ville là de l’autre côté de l’Atlantique. On m’avait dit Le Sahara sans fin. Désert, sable, chameaux. Bien, mais maintenant que j’y suis vraiment, à Bougie, que le parfum du jasmin m’anéantit, que les moustiques me piquent, qu’une mante religieuse se pose en catastrophe sur mon calepin et qu’un lézard encore jeune se glisse sous la porte de ma chambre d’hôtel et que je sirote un espresso sucré sur une place qui donne sur la casbah, je me souviens, de mon père, peu après la révolution, la victoire sur les voyelles nasales des Français, donc peu de temps après 1962, ses longs cheveux noirs et son visage vite basané le faisaient ressembler à un Berbère de ce temps-là, comme il prenait les virages dans une Porsche prototype à travers les étendues de sable rouge et noir, la piste cahoteuse à travers l’Atlas, la parfaite pirouette à la frontière du Mali – je n’ai sûrement pas été jusque là. Inaccessible, mon prédécesseur génétique. Pourtant, quand à Bougie nous avons lu dans le plus grand théâtre de la ville, non loin de la casbah, rénové mais sans lumière, le soleil, ce compagnon inconstant, a préféré disparaître dans les profondeurs de la Méditerranée. Nous avons lu nos poèmes dans l’obscurité montante. La pleine lune donnait une faible lumière. Et grognait, humanitaire, en retour nous l’avons sifflée. Oui, Bougie, Béjaïa, c’était plus que la librairie du faubourg, plus que les bâtisses coloniales érigées par les Français, Bougie, c’était une nouille en forme de grain de riz, un filet d’espadon, une banane mûre, peut-être un artichaut farci ou quelque chose comme une envie de filles qui jamais encore ne se sont voilées, ou bien de singes contre qui, face au ciel – au-dessus de la baie de Béjaïa – des panneaux indicateurs mettent en garde. Ce qui ne les empêche pas de défiler sur la bordure, les yeux fixés sur les caméras, en prenant des poses de mannequins surpayés.
Traduit de l’allemand par Rose-Marie FRANÇOIS.

 



Algerische Weise

Ach könnt ich einer dieser Geckos
sein, mal starr wie ein Toter
mal mit einem Meter pro
Sekunde die Wand hinauf

Mimese, Mimikry, Moneten
was soll's: Solange die Maden
im Mund, ist der Gourmet
gezügelt; Heuschrecken
kommen soutiert auf den
Teller, den Spinnen wird
nachgesetzt im blauen Dampf
Bad oder ganz entspannt auf
dem Parkplatzpoller
aufgelauert.

Ach, könnt ich einer dieser Gecken
sein, im schillernden Schuppenfrack
mit diesen Basedowschen Augen
ohne Wimperschlag, diese Leichtigkeit
ich meine nicht die Lamellen,
mit denen sie kopfüber an Glas anhaften
ich meine ihren Stil, dieses Techno
tänzelnde, dieses plötzliche Innehalten
in Denkerpose.

Ach könnt ich El Greco sein
ich würd' nicht den Großinquisitor malen
mir genügten diese Echsen
in grellen Farben, die über die Leinwand
flitzen und jeder Fliege etwas zuleide
tun.

 


 

Auf dem Weg nach Algis

    Die Kalaschnikow über dem
Schulterblatt, keine Augen

    weiden, aber am Kreis
verkehr macht sich's so

    eine gute Figur, wie aus
Zufall zeigt der Lauf

    auf meinen Unterleib
wer hat eigentlich das Wort

    Kontrollposten erfunden?
Diese jungen Komparsen

    die jede Bewegung
so perfekt ausführen

    als parodierten sie sich selbst.
Man wird übergeben, Agaven

    knospen und Schüler
in weißen Kitteln queren den Rasen

    Freibeuter dunkler Internetcafés
der Innenstadt bleiben im Schatten

    die Palmenhaine haben keine
Datteln für dich, wir fahren

    durch in Granit getriebene
Bauwerke, als wären wir in den Alpen

    doch das Meer kündigt
sich mit Meerkatzen an.


 

Der Surubí

Con Aníbal, mi querido domador de elefantes, él, que en una de sus anteriores encarnaciones atravesó los Alpes, ahora, lejos de las montañas, en Las Carmelitas, pide dos cervezas en un bar de esos de moda y me recomienda un pez milenario del menú. Símbolo del símbolo, un filete de surubí. Erase una vez un gusto inusitado a tierra y agua a la vez. Paraguay es un pantano, el surubí, la carpa del nuevo continente, o más bien un predador que ataca otros peces, ni pienses en los dientes apreciables de un piraña sino en escaparte por la bahía asunceña y llegar cerca, pero muy cerca, de la República Argentina, pero no, yo me defiendo acá mismo, con tenedor y cuchillo, pido otra ronda de cerveza, dos Pilsen, y mi amigo Aníbal aplaude con la sola mirada, afirmando que acá no se trata de pescar los peces más gordos sino de que el sabor cuente la tentación del sexo, el perfume de los modelos peces desfilando en la semana de la moda de Asunción.

 


 

Der Surubí

Mit Hannibal, meinem lieben Elefantendompteur, der in einem seiner früheren Leben die Alpen überquerte, bin ich jetzt weit von den Bergen entfernt, in Las Carmelitas, in einer dieser angesagten Bars, er bestellt Bier im Champagnerkübel und empfiehlt mir einen Tausend Jahre alten Fisch von der Karte. Das Symbol des Symbols: ein Surubí-Filet. Es war einmal ein ungewöhnlicher Geschmack, nach Erde und Wasser zugleich. Paraguay ist ein Sumpfland, der Surubí, der Karpfen des neuen Kontinents oder eher ein Raubtier, das andere Fische attackiert, denk gar nicht erst an die berechenbaren Zähnchen des Piranhas, sondern direkt daran, über die Bucht von Asunción zu entfliehen, sehr, sehr nah an der Grenze zur Argentinischen Republik. Aber nein, ich verteidige mich direkt vor Ort, mit Messer und Gabel bestelle ich noch eine Runde Bier, zwei Pilsen, und mein Freund Hannibal applaudiert allein mit seinem Blick und bestätigt, dass es hier nicht darum geht, die dicksten Fische zu fangen, sondern dass der Geschmack von der sexuellen Verführung erzählt, das Parfum der Fischmodells auf dem Catwalk während der Modewoche von Asunción.

 


 

Rede über den Schlachthof

Ich möchte ein bisschen über Gefühle sprechen. Über meinen Freund César Sáenz. César stellt für mich die emotionale Verbindung zu dem Viertel Mataderos in Buenos Aires dar. Eine Verbindung, die vor zehn Jahren entstanden ist, als ich das Seminar »Theorie und Analyse ›C‹« mit Jorge Panesi belegte. Wir lernten uns auf den Treppenstufen der Philosophischen Fakultät in der Calle Puán kennen. César arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft für ältere Damen in der Calle Alberdi Ecke Leguizamón in Mataderos.
Ich möchte ein bisschen über Gefühle sprechen, über Leidenschaften, weil es mir wesentlich erscheint, um, heute über Mataderos, zu sprechen.
Cecilia Pavón hat zu mir gesagt: »Wir Argentinier sind leidenschaftlich«.
Entweder bist du auf meiner oder auf der anderen Seite. Dazwischen gibt es nichts.
Der Andere – Mataderos. Das peronistische Viertel. Die Pampa, die sich eine Bresche in die Stadt schlägt.
Die Barbarei und / oder das Wesen der Nation. Das Folkloristische. Der Nachhall eines lang vergangenen Arbeiterwiderstands. Die Auswirkungen der Privatisierungen in den neunziger Jahren unter Menem.
Es ist der politische Kitsch, würde ein chilenischer Dichter sagen, der vor einigen Jahren in Buenos Aires lebte, der die Menschen in Argentinien – Bürger, Anwohner, Betroffene, Berufsdemonstranten - wegen sonstwas auf die Straße treibt:
Der Tod Alfonsíns, der Konflikt mit dem Agrarsektor 2008, die peronistischen Massenversammlungen auf der Plaza de Mayo, die Kochtopfkonzerte im Barrio Norte, die Straßenblockaden an der Ruta 3, die Ehrenrunde der Fans von San Lorenzo, das Dengue-Fieber, das Konzert von Elmatoaunpoliciamotorizado, das Heiligtum von Santa Gilda …
Kehren wir zu den Gefühlen zurück. Im Schlachthof in Mataderos gibt es keine Frauen außer denjenigen, die in der Verwaltung arbeiten. Das Personal des Matadero geht immer über kleine Brücken, die an Stege an der Küste erinnern über die Kühe hinüber, oder sie reiten hoch zu Pferde. Von oben verkleinern sich die Dimensionen der Rinder. Ein Schlechtdenkender würde sagen: auf die Größe einer Ratte.
Es sind die Kontraste die einem zuerst ins Auge springen, die Herbstsonne die immer noch blind macht, die weiß gestrichenen Gehege, die sich unter uns erheben: Wir sind an einem Ort zwischen Himmel und Erde, in einem Zwischenraum. Der Zwischenhölle.
Über uns, argwöhnen wir, die Verwaltungsbüros, die Hallen wo die großen Viehzüchter sich gegenseitig empfangen, die unsichtbare Hand, die alles bewegt, und unten, die Kühe, Kälber und Jungstiere, dicke und dünne Kühe (wie in dem Traum des Pharaos …)
Jakob erklär uns, was bedeutet das: Weiter unter uns, aber noch über den Kühen, befinden sich die Gauchos, die aber keine Gauchos sind, wie sie uns sagen; sie werden nur so genannt.
Und wo ist der Stier? Der Stier aus Echeverrías Erzählung, der durchdrehte und hinundherrannte und der ganze Schlachthof heftet sich an seine Hufe?
Einmal, erzählt ein Nachbar, ist ein Jungstier über die Calle Alberdi ausgebrochen und das ganze Viertel rannte ihm hinterher.
Als ich 14 Jahre alt war, erzählt der Kellner des Restaurants El Cedrón, besetzten die Peronisten das Kühlhaus Lisandro de la Torre.
Man erzählt sich, dass früher, als auf dem Schlachthof noch gearbeitet wurde, hier sieben Zuglinien mit Kühen gestorben, (ver/ge)endet sind.
Sie erzählen, dass die Tramlinie 48 in der Innenstadt, am Paseo Colón, losfuhr und an der Calle Alberdi Ecke Murguiondo endete, nein, nicht endete, sie machte am Schlachthof eine Runde und fuhr wieder zurück ins Zentrum.
Echeverría erzählt, wie die Leute im Schlachthof wütend wurden und voll Tötungslust einen Engländer, dann einen Stier und letztendlich einen jungen Unitarier bei den Hörnern packten…
Der Taxifahrer, der mich zurück ins Zentrum fährt, spricht mit mir von Leidenschaft. Er spricht von der Stute da oben, die man stürzen sollte. Er nennt sie nie beim Namen … Er spricht von Cristina Kirchner, der Präsidentin Argentiniens.
Aber es bleiben Fragen offen:
Wie erklären die Leute die Veränderungen, die sie in den vergangenen Jahren erlebt haben?
Und wer wohnt wirklich in Palermo Chico? Man hat uns gesagt, dass dort die großen Rinderbarone ihre Villen haben – nein sie wohnen nicht auf dem Land, das Land ist öd und leer und sie müssen dort sein, wo ihr Vieh versteigert wird…
Stimmt es, dass die »großen Familien«, die, wie man sagt, keine besonderen Gourmets sind, nur Steak und Salat essen?
Wer bewegt die Fäden im Fleischbusiness? Und was denken Sie über die Versojasierung der Wirtschaft des Landes?
Fressen die argentinischen Kühe Sojapaletts (die Pressrückstände) wie ihre europäischen Kollegen?
Letzte Hypothese:
Die nationale Folklore ist nicht auf der Höhe der realen Produktion –
Wo sind die Soja-Dichter?



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954