Am Ende meines Tages

Hannes Becker

 

Es gibt für mich einigen Grund, hier zu beginnen. Es waren wohl Dinge, es gab wohl Dinge, die mich auf den Weg brachten; ich folge ihnen, aber erst, seit sie hinter mir liegen, ist es überhaupt von Bedeutung, dass sie da sind, ich verliere sie aus dem Blick. Nichts davon berührt mich. Meine Augen müssten geschlossen sein, alles schläft, und vor meinen Augen spüre ich den Raum. Ich darf sie nicht berühren, mein Blick darf sie nicht sehen, mein Atem fehlt. Mein Blick also, mein Atem, dort im Raum. Der Raum ist mir zugewandt. Ich muss andere Schritte finden, einen neuen Gang. Mehrmals sehe ich wieder die Fenster, obwohl ich der Tür entgegensehe. Jetzt bin ich hindurch, dann habe ich das kleine Gefäß gesehen; es liegt verborgen unter den Lanzen und Schüsseln und den Dingen, die gleich geholt werden. Ich muss mich jetzt beeilen, muss jetzt schneller sein, ich hebe es nicht auf, schneller, ich nehme es nicht mit mir fort, es liegt bereit. Ich beruhige mich wieder. Jetzt begleitet mich der Gedanke an meine Handgelenke, wie sie hoch über dem Boden des vollbesetzten Raums so sehr gezittert haben. Unter mir, das wusste ich, könnte jederzeit der erste erwachen, da wäre ich schon fort. Jenseits des Gedankens, im Raum, bleibe ich ruhig.

Da hebt sich in einem anderen Raum stumm ein langsamer Körper.

Ich will jetzt etwas zu mir nehmen. Ich habe gestern keine Nahrung gefunden, ich habe vorgestern nichts erworben, es ist aber in der Zwischenzeit wohl etwas hergebracht worden. Sie da gehört jetzt niemandem. Ich lasse sie liegen. Dann bin ich hier, stehe so davor, und nehme es auf, und in meiner Tasche vergesse ich es, nein, es ist zu schwer. Es ist unmöglich. Es gelingt mir nicht, auch wenn sein Gewicht nicht zu spüren ist, ungewohnt für seine Größe, ungewohnt dafür, was sein Äußeres vermuten lässt, sein unvergessliches Äußeres. Darauf kann ich nicht antworten. Ich muss verzichten, ich sage nichts.

Aber eine Meinung habe ich schon.

Die Tür ist verschwunden, nein. Ist sie also offen, eine Öffnung, oder geschlossen, nicht verschlossen, ohne Grund. Keine Tür, ein zusammenhängender Abschnitt. Ich weiß es schon; aber in diesem Moment fehlt mir noch jeder Gedanke, der es mir jetzt erklärt. Es kommt darauf an, ob ich noch einen Moment länger warten darf. Ich will es nicht riskieren. Ich denke nicht, es muss zu Ende sein. Erst als ich am Tisch Platz genommen habe, tue ich es, und erst als ich mit gesenktem Kopf, die Augen geschlossen, vor mir auf die Tischplatte schaue. Da schaue ich. Um mich her ist das graue Licht, in dem soviele Dinge enthalten sind, so vieles, das darin gestanden hat, der Eukalyptus aus der Ferne gesehen, am Berghang, ein menschlicher Schatten, das Tischbein. Der Fuß. Ich spüre einen Krümel unter meiner Zunge, der eben noch vor mir auf der Tischplatte gelegen hat, ich sehe ihn nicht. Es fehlt etwas darin. Das Holz, die Blüte des Eukalyptus, selbst das Licht trägt noch die Spuren der Messer, um die es geht, auch wenn sie, und das ist vielleicht das einzige, was ich tun konnte, schon fortgenommen sind, dennoch, sie gehen vielleicht eben jetzt nach ihnen suchen und verbergen sich und warten, vielleicht jetzt schon nicht mehr, in diesem Moment, bald, ich weiß nicht, was schlimmer wäre. Es war schlimm,

den Uferweg hinaufzugehen, ohne einen Gedanken an das dunkle Haus, das ich verlassen hatte und in dem alle geblieben waren, die ich täglich gesehen und mit denen ich auch gesprochen hatte, und wie ich stehenblieb in geringer Entfernung, um die Lichter des neuen Hauses auf dem Hügel blitzen zu sehen, von dem ich aber wusste, dass niemand darinnen war.
Es ist schlimm, in einem der Container unter dem Licht der Flutlampen zu liegen und zu schlafen, wenn es gelingt. Besser, wenn es niemals gelänge.
Was schlimm ist, wäre besser gut.
Es muss schlimm sein, jeden Tag auch nur einmal denselben Anblick zu haben wie alle Tage zuvor.
Schlimm, darauf zu warten, schlimm, danach zu suchen, und  schlimm ist es, hinterher zu gehen.
Schlimmer als alles aber scheinen mir die Momente, die vor diesem Moment jetzt liegen. Jede Vorstellung dieses Moments, die in den früheren Momenten enthalten war, wird von diesem Moment jetzt verwüstet und enttäuscht werden, aber ich verschließe mich vor ihm.
Es muss zuende sein; ich denke nicht daran.

Unten im Flackern der Lichter läuft eilig auf allen Vieren ein Mensch. Wenn er hinfällt, bäumt er sich auf, bis er wieder ein Stück weitergekommen ist und in einer anderen Dunkelheit links von der ersten Dunkelheit, die seinen Ausgangspunkt enthält, verschwindet.

Für mich führt kein Weg dorthin zurück, aber ich muss immer fürchten, dass ich eingeholt werde und dann alles zurückfällt und ich ohne es bleibe, nur ich. Ich frage mich, wie ich bis zu diesem Moment in allen diesen Momenten zuvor hatte leben können, und die Erschöpfung holt mich wieder ein. Ich öffne ein Auge zur Hälfte, mit einem Zittern der Lider, ich lasse das Zittern zu und sehe wirklich ein Blitzen, für den kurzen Moment, bevor das Auge sich schließt, ganz so, als hätte nicht ich es geschlossen, sondern als sei es von außen geschlossen worden. Durch eine Hand, aber welche. Dass ich jetzt hier bin und weitergehe, langsam weitergehe, muss doch bedeuten, dass ich ihnen entgangen bin.

Dann öffnete ich die Tür, am Ende aller Tage, die Tür, hinter der ich schnell verschwand. Etwas Rotes hat schon vom Boden aus nach mir geschnappt –

ich sehe nichts

und auch wenn sie jetzt weiter hinter mir her sind,

und alle Gefahren, die hinter mir liegen, lägen noch vor mir, und ich wüsste, dass sie da sind, aber ich wüsste nicht wo,

Hinweise, offensichtlich, hier entlang, jetzt hier, da entlang und auf
diese Weise,
oh, diese fremden Lieder,
diese Augen,

ich schließe sie.
Und denke nicht daran





Schwieg








und zog ein Bein an und wartete











sagte er, schwieg wieder
   














und entkam ihnen so