# 008/ Lichte Verbrechen


Brian Catling - Aureolen

 

Brian Catling

 

[Texts in English]

 

aus: DIE HEILIGEN

 

Deinonychus (schreckliche Kralle) war ein hoch entwickelter, schnell laufender Dinosaurier aus den letzten Tagen ihrer Vorherrschaft: ein zweimannhohes Wunderwerk auf zwei Beinen, das die alte mit der neuen Welt verband.

 


 

 

I

 

Glanz von
Schutt und Asche
Räucherknochen unter
Thetis’ Ozean

                                               Kessel
                                               Magma
                                               Chrom
                                               Schaubude, Münzenherz
                                               klaubt der Ebbe Stanzen.
                                               Zick sägt Calcium, polaroidet
                                               das Mark.

Tragen müssen wir
diesen Mantel
Staub
ein Zwicken in unseren klammen Gelenken
ohne ihn ist der trübe Garten
despotisch, Sperma
siech und tot
eingeflößt jeder Frucht.

 

 


 

 

II

 

Deinonychus; Kind der Sonne
  derselbe Wechsel kulinarischer Massen
  Feuer unbändiger Hitze 
  Herz und Lunge
  weiten sich, verschlingen Sauerstoff und Fleisch.
   
  Dieser Ahne Christi setzt seinen Schnitt
  tief und geheim rings ums Wort.
  Wissen ist nur Geschwindigkeit
  Blut satt an Informationen 
  ins Gehirn zu pressen.
   
  Kralle, Pfeil, Speer ist er,
  Knochenwerkzeugbox der Barbarei.
Deinonychus  bestiege keine Visionenarche.
  Er wird weiter nach dem Regen schnappen & 
  den Wanst der Springflut zerfleischen.
   
  Es ist Satans Arroganz
  die Zerstreuung seiner Knochen zu verschmähen
  oder ihre Rettung in einem morbiden Dogmazoo.

 

 


 

 

III

 

Man konnte Adam nicht sehen
in jenem vulgären Kulturenpark.
Doch dort war er, versiegelt
die Gartenmitte.
An der bewussten Grenze
stubst eine gehörnte Truckmentalität
an unsichtbare Drähte
die eine frische Wunde
aufreißen, im inneren
Gedächtnis,

                   stockendes Angeln
                   die äußeren Bestien brauchen seinen Ruhm.
                   aber nur um erneut
                   ihre Protein-
                   Gloriolen
                   zu waschen.

Ein anderer
Prototyp
ist Deinonychus.



 

 


 

 

IV

 

Thetis’ Werk
abgetaucht
auf Rippen
begraben, Lehmflanke; wir können
das Persikop nicht hoch genug stoßen;
der Nacken des Protoplasmas
neigt zu Gemeinschaftswärme

                                              Prä-Mamma-Nippel
                                              Fiktion im Mineral
                                              befestigt in einer Salzhöhle.

Ozean versunken
der Tempel ist
ein Körper,
unermesslich
sauber gepflückt und gepufft durch Ernährung
geomantisch strukturiert
gepresst
vom Mondhandschuh
geballt &
abgeworfen

                                              hierdurch
                                              peitscht die massive Sex-
                                              gier der Sonne
                                              Welle um Welle,
                                              doch dringt nicht
                                              zu tiefen Gezeiten-
                                              Innereien hart
                                              vor schwarzen
                                              mikroskopischen Lüsten.


 

 

Aus: GESCHRIEBENE RÄUME UND VERBRECHEN MIT BLEISTIFT

 

xxiv

Die Aureolen erschienen zum ersten Mal am Ende eines schwelenden Sommers, der Flecken und Narben tief in die Gehwege der Stadt garte; Menschen-, Pflanzen- und Tiersäfte kochten rasch auf dem schlaflosen Splittraster der Straßen fest.

Die Aureolen waren damals nicht sichtbar, einziges Anzeichen war ihr kreisendes Negativsurren: ein Ring aus Stille, abgezapft von der unausgesetzten Strapaze des Lärms. Die gleitende Abwesenheit war auf einen Ort begrenzt und so rein, sie konnte ihren Abdruck ohne jeden Laut auf der zitternden Oberfläche eines Trommelfells hinterlassen. Auf dem Stab, den diese winzigen Nachbrände in beiden Ohren formten, ließ sich der Geist nieder. Die von der Gabe gezeichnet waren, durchdrang die Loslösung Lazarus’; achtsam lauschten sie, wie sich die Welt von der Menschheit fortspann, nervös erhoben zum Flug.

Die Aureolen zeigten sich, als sich das Licht in den Herbst sengte. Kinder und Ausgestoßene erblickten sie zuerst; ihre Panik und das Gelächter lockten Pilger in die Gassen, verfallenen Parzellen und geheimen, bislang unbeachteten Ecken der Stadt.

Sie schwebten an gegen Schwerkraft und Materie, offenkundig Substanzen, aber eine Geisterversion; respektlose Atome, die sich außerhalb ihrer Erinnerung gebärdeten. Führte man eine Hand durch sie hindurch, wäre sie für ein, zwei Sekunden fein bepudert, ohne einen Hauch ihrer Form zu verändern.

Die Angst griff um sich, als man den flüchtigen, wirbelnden Staub identifizierte. Man fand Kokain, Valium, Morphine, Amphetamine, Heroin – sämtliche Extrakte und Tinkturen des Vergessens, der Kontrolle und chemischen Einflüsse. Jede Aureole eine Droge, jede in ihrem eigenen giftigen Orbit.

Dealer und Rezepteschreiber vermochten sie nicht zu schnappen, bei all ihren Gnaden; die Süchtigen konnte ihr Gift nicht krönen, noch waren sie imstande, sie nach Bedarf zur Ader zu lassen. Die Gespenster blieben fern und unteilbar, in Distanz zu den Scharen ihrer Jünger. 

Als der Tourismus nachließ, wurden die Phänomene für die Behörden zu einer peinlichen Angelegenheit. Sie errichteten temporäre Schirme, bald schon splittrig durch das Gestichel der Neugier; sie schufen bemannte Barrikaden, bald abgetragen von Finanzwesen und Langeweile. Schließlich mauerte man sie ein, Wände und Bunker verdeckten die unerschöpfliche, bedrückende Lumineszenz. Die Versiegelungen bescherten der winkeligen Stadt eine organisch verwachsene Gestalt. Frühere Hauptverkehrsadern, nun blockiert, erzwangen die Erschließung neuer Straßen und Orte. Im Inneren der Metropole wuchs eine andere Landkarte; sie zeichnete ihre eigene Vorgängerin; ein weitausholender Kreis wieder ersonnener Chausseen und gewundener Richtungen.

Dann und wann entfernte man einen Ziegel, um Kontinuität zu garantieren, was gelang – und die eherne Verzweiflung stieg weiter. Irgendwo, tief in ihrem Inneren, begann die Bevölkerung, die Gleichgültigkeit der Aureolen zu verstehen. Sie wussten, diese Spuren, schillernd in ihrer Schuld, würden sie und ihre Wohnungen überdauern; sie würden, an ihrer Statt, über die Trümmer gleiten, selbst in die Asche und das Vakuum.

 

übersetzt von Sonja vom Brocke 

und Norbert Lange

 


 

 

 

Fotos/Photos: David Tolley

 


 

Brian Catling

 

[deutsche Übersetzungen]

 

 

from: THE SAINTS

 

Deinonychus (terrible claw) was a sophisticated, fast-moving dinosaur from the last reign of their kingdom. This twice-man-sized, erect marvel was a mid-point between the old and the new worlds.

 

 


 

 

I

Gloss of
oblivion
smoked bones under
Tethys ocean

                      cauldron
                      magma
                      chrome
                      side show, coin heart
                      picks low tide pressings.
                      Zig saws calcium, polaroids
                      the marrow.

We must wear
this cloak of
dust
pinching at our wet joints,
without it the sullen garden
is oppressive, every fruit
injected with sick dead
sperm.


 

 

 

 


 

 

II

 

Deinonychus; child of the sun
  the same exchange of culinary mass
  fire beyond heat,
  heart and lung
  expand, swallowing oxygen and flesh.
   
  This ancestor of Christ holds surgery
  deep and secret around word.
  Knowledge is only velocity
  blood thick with information
  to be squeezed in the brain.
   
  He is claw, arrow, spear,
  bone tool box of savagery.
Deinonychus would not enter any ark of vision.
  He remains to snap at the rain &
  rend the belly of tidal wave.
   
  It’s the arrogance of satan
  refusing to let his bones be scattered
  or saved in a morbid dogma zoo.

 

 


 

 

III

 

Adam could not be seen
in that vulgar culture park.
But he was there sealed in
its garden centre.
At the conscious perimeter
a horned truck mentality
nudges the invisible wires
pulling a fresh wound
open in the inner
memory,

                        stagnant fishing
                        the outer beasts need his fame.
                        but only to rewash
                        their protein
                        haloes.

Deinonychus
is another
prototype.


 

 

 


 

 

IV

 

Tethys craft
submerged
upon ribs
buried, mud flank; we cannot force
the periscope high enough;
the neck of protoplasma
inclines to community warmth

                                             pre-mammary nipple
                                             a fiction in mineral
                                             cleated in a salt cave.

Ocean sunken
the temple is
a body,
vast
picked and nudged clean by nutrition
geomantically structured
by pressure,
clenched &
dropped by
moon gauntlet

                                            through it
                                            the sun’s massive sexual
                                            greed flays
                                            wave upon wave,
                                            but cannot reach deep tidal
                                            entrails solid
                                            with black
                                            microscopic lusts.


 

from: WRITTEN ROOMS AND PENCILLED CRIMES

 

xxiv

The haloes first started to appear at the end of an acrid summer, which cooked stains and scars deep into the pavements of the city. Human, vegetable and animal fluids boiledfast to the insomniac grit screen of streets.

The haloes could not be seen at that time, their circular negative hum was the only sign: a ring of silence drawn off from the continual ache of noise. The floating absence was localised and so pure it could print itself in stillness on the quivering surface of an eardrum. These minute afterburns in both ears constructed a rod on which the mind would perch. Those stigmatised by the gift became impregnated with the disengagement of Lazarus; carefully hearing the world spin away from humanity, poised nervously for flight.

The haloes became visible as the light singed into autumn. Children and derelicts found them first; the panic and laughter drew pilgrims to the backstreets, waste lots and previously ignored penetralia of the city.

They hovered against gravity and matter, obviously substance, but a ghost version; irreverent atoms performing outside their memory. A hand passed thorugh them would be subtly powdered for a second or two without causing any disintegration of their form.

Fear hit when the transient spinning dust was identified. Cocaine, valium, morphine, amphetamines, heroin, all the extracts and tinctures of oblivion, control and chemical interference were found. Each halo composed of a single drug, each in its own orbit of poison.

Dealers and prescriptionists could not steal it with their nibs; the users could not be crowned with its intoxication nor could they bleed it away for their needs. The spectres remained aloof and uncuttable, distant to their tribes of disciples.

After tourism faded the phenomena became an embarrassment to the authorities. They erected temporary screens that soon became splintered by the picking of curiosity; they built and manned barricades that became worn away by finance and boredom. Finally they bricked them in, walls and bunkers hiding the inexhaustible, dismal luminescence. The sealings gave the angular city a distortion of organic growth. Previous arteries now being blocked forced new roads and spaces to be opened. A different map was growing inside the metropolis, it was drawing its own ancestor; a vast circle of reinvented causeways and curving directions.

Occasionally a brick would be removed to confirm continuity, it did – and increased the solidity of despair; the populace began to understand, somewhere deep inside, the indifference of the haloes. They knew these traces, vivacious in their guilt, would outlive them and their home; that they would glide in their place over the rubble, even in the cinders and the vacuum.

 

 

 




Secondary menu

KARAWA.NET ERSCHEINT ZWEIMAL JÄHRLICH / ISSN 2192-1954