# 005/ Babylonische Leiter


Babylonische Leiter

Stefan Ripplinger über William Bronks Gedicht »Civitas Dei«.

 

Die Gedankenlyrik unterscheidet sich vom Gedanken dadurch, dass sie sich vollzieht. Zwar lässt sich kein Gedanke vorstellen, der sich nicht vollzöge, aber den Vollzug denkt sich der Denker als die Leiter, die er erst besteigt, dann wegstößt. Seine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher ihn versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.

Die Gedankenlyrik ist aber nicht nur die Leiter, sie bleibt die Leiter. Die Gedankenlyrik besteht aus den Sätzen, auf denen wir emporsteigen, aber will sie nicht überwinden. Sie hält den Aufstieg fest, den der Gedanke hat nehmen müssen, um Gedanke zu werden, aber gewährt den Ausblick nicht. Sie hält die Zeit fest, mag sich der Gedanke auch als zeitlos gerieren. Sie hält den Unsinn fest, der der Sinn war, ehe er gerann. In ihr bleibt der Gedanke in statu nascendi. Sobald die Aussicht erreicht ist, ist es mit dem Gedicht vorbei.

Deshalb mag der Gedanke die Gedankenlyrik nicht. Sie zeigt ihm, dass er eine Leiter nötig gehabt hat. Sie zeigt seine niedere Abkunft, seine Kontingenz und Sprachgebundenheit. Und manchmal widerruft sie ihn sogar; widerruft ihn, indem sie ihn entwickelt.

CIVITAS DEI

When it was plain that there was never to be
the City of God; after the line was clear
that there was no line and none ever to be made;
when it was plain that nothing at all was plain,
we looked from side to side, we turned back,
and no way there either, and here we were.

Yes, and here we are. Nowhere to go.
Already here because such as cities are
is such as the city of god can ever be
or, if there is meaning, such as was meant to be.
Hocus pocus, here is what there is:
one side of the street looks at the other side.

Among the magniloquent monuments of once joys
we walk with our long familiars: dread, disdain.

(Life Supports. New And Collected Poems. San Francisco 1981, S. 125)

 

CIVITAS DEI

Als klar war, dass da nie die Stadt
Gottes gewesen sein konnte; nachdem die Zeile geklärt war
wonach es keine Zeile gab und es nie eine zu machen galt;
als klar war, dass überhaupt nichts klar war,
schauten wir seitwärts, wir wandten uns um,
und auch da kein Weg, und hier waren wir.

Ja, und hier sind wir. Nirgendwo, nirgendwohin.
Allhie, denn so wie die Städte sind
ist so wie die Stadt Gottes allzeit beschaffen sein könnte
oder (Bedeutung einmal unterstellt) so wie sie sein sollte.
Hokuspokus! Hier ist, was da ist:
Eine Straßenseite betrachtet die andere Seite.

Inmitten wortgewaltiger Monumente einstiger Freuden
wandeln wir mit unseren engen Vertrauten Verachtung, Angst.

(Deutsch von Konstantin Ames)

 

Das Gedicht erschien zuerst in der Sammlung That Tantalus (1971). Seine bis zum Extrem einer Selbstzerstörung gesteigerte Sach-Aversio am Anfang erinnert an Emily Dickinsons »Finding is the first Act« (»... Fourth, no Discovery – / Fifth, no Crew – / Finally, no Golden Fleece – / Jason – sham – too«) oder an »Complete Destruction« von William Carlos Williams (»... those fleas that escaped / earth and fire / died by the cold«). Aber Bronk beschreibt nicht wie Dickinson oder Williams, er entwickelt, er verschiebt. Er setzt keinen Anfang des Endes, sondern verschiebt ihn in das Davor des Gedichts. Sein Anfang liegt vor der ersten Zeile, man rekonstruiert ihn als die Situation, in der noch etwas plain and simple da war, als von etwas noch die Rede sein konnte, als es noch eine wahre Rede gab.

Ein metaphysischer Scherzbold, Typ Buster Keaton, steigt sehr flink eine Leiter hoch. Sobald er eine Strebe betritt, bricht sie entzwei, er rettet sich auf die nächsthöhere, sie bricht entzwei, immer schneller steigt er nach oben, bis wir sehen, dass da gar keine Leiter mehr ist, seine Füße stoßen verzweifelt ins Leere, schon plumpst er auf den Boden.

Mit dem Sturz springt das Tempus ins Präsens, wir befinden uns im Jetzt und Hier, doch nur um zu erkennen, dass – »hocus pocus« – das Hier so gut wie das Da ist, dass es gar kein Da mehr gibt und darum auch kein Hier. Es gibt keinen Weg, keinen Ausweg, also auch keinen Ort mehr. Begeben wir uns also auf Wanderschaft.

Die letzte Strophe ist dann unterwegs mit alten Vertrauten, wandelt vorbei an den »magniloquent monuments« der einstigen Freuden. Ein gespenstisches Pilgern im Nichts. Der Leser Bronks denkt an die unlesbaren Monumente von Machu Picchu (»The New World«, Vectors And Smoothable Curves. Collected Essays. San Francisco 1983). Andererseits: »once joys«? Die Monumente der Inka sind ja erhaben gerade, weil sie weder von Leiden noch von Freuden sprechen. Sie sprechen eben überhaupt nicht, sind also nicht »magniloquent«, also »großsprecherisch«. Welche Bauwerke meint Bronk? – Keine anderen als die, auf die wir immer blicken, jedoch blicken wir sie je anders an, bevor und nachdem »the line was clear«.

Die Proportionen der Strophen fallen sehr unterschiedlich aus, zwei wuchtige Blöcke werden von zwei resümierenden Schlusszeilen gefolgt. Die Orientierung am elisabethanischen Sonett ist aussagekräftig gerade darin, wo das Gedicht von ihm abweicht. Das klassische Sonett, etwa Shakespeares, hat drei Quartette, die hier zu zwei Sextetten angeschwollen sind, zwei tektonischen Platten, die sich aneinander reiben:

and no way there either, and here we were.
Yes, and here we are. Nowhere to go.

 

Es ist ein Sprung in Tempus und Deixis, von »were« zu »are«, von »there« zu »here« und »nowhere«, ein Bruch, eine scharfe Kante, an der sich die beiden Sextett-Blöcke spiegeln. Klassisch bleibt das Couplet am Ende, das eine Erklärung des Ganzen gibt, aber hier noch eine andere Funktion hat: Es stellt sprechende Monumente gegen die stumme Such-Bewegung der beiden Sextette; eine Bewegung, die sich fortsetzt, walking:

Among the magniloquent monuments of once joys
we walk with our long familiars: dread, disdain.

 

Der Aufbau ließe sich auch so beschreiben: Nichts des Verfahrens, Nichts der Situation, Nichts der Erinnerung. Oder so: Nichts der Zukunft, Nichts der Gegenwart, Nichts der Vergangenheit. Die complete destruction verläuft also doch anders als die von Williams, der am Anfang wenigstens einen eiskalten Tag hat, den Kadaver der Katze, ihre Holzkiste, den Hof, die sterbenden Flöhe, und nur am Ende gar nichts mehr. Bronk dagegen setzt unmittelbar mit der Negation ein: Klar, dass es keine Stadt Gottes gibt, klar, dass nichts klar ist. Und so, indem er von Negation zu Negation eilt, ergibt sich dadurch, in der Verwerfung, das Negierte als Gegenstand. Wir wissen am Ende, was es gegeben hat und gegeben haben könnte.

Dieser Film läuft rückwärts: Buster Keaton strampelt in der Luft, plötzlich findet er Halt auf einer Strebe, wunderbarerweise findet sich eine zerbrechende Leiter unter ihm ein, wunderbarerweise fügt sie sich unter ihm zusammen, er steigt hinunter auf den Boden. Endlich sehen wir die ganze Jakobsleiter, die straight in den Himmel führt. »Gott ist tot« ist ein religiöser Satz.

»Civitas Dei« ist ein religiöses Gedicht. »When it was plain that there was never to be / the City of God« ist ein seherischer Satz, dieses »when« eine negative Offenbarung. Denn mit der City of God verschwindet ja nicht nur eine Hoffnung, verschwinden nicht nur »once joys«, sondern überhaupt alle Feststellungen, Punkte und Einschnitte. Dieser kapitale Einschnitt markiert das Ende aller Einschnitte, aller Oppositionen und Orientierungen. Von nun an keine Aussicht, keinen Weg, keinen Ort, kein Sprechen über die Aussicht, kein Sprechen über den Weg, kein Sprechen über den Ort. Aber das Gedicht spricht.

Das Gedicht spricht, ohne ein »magniloquent monument«, ohne geschwätziges Gebäude zu sein, denn es steht nicht, es geht. Es streicht seine eigene Rede durch. Aber es spricht. John Ernest (Sagetrieb, 3 / Winter 1988) glaubt nicht, dass »Bronk has tried to give expression to the silence which lies at the heart of the world; rather, I think he has simply tried to contain the noise of his understanding.« Verstehen macht Geräusch; eine weitere Definition der Gedankenlyrik. Es ist das Geräusch der zugleich sinnvollen und sinnlosen Sätze. Bronks Sätze sind sinnvoll und bestreiten doch allen Sinn, nein, ärger noch, sie lassen die Möglichkeit des Sinns offen, sagen lässig: »if there is meaning«. Sie fingieren sogar die Möglichkeit eines anagogischen Sinns – indem sie ihn bestreiten. Er manifestiert sich in der allegorischen »City of God« in der ersten Strophe und in der konkreten »city of god« in der zweiten.

Die »City of God« ist das himmlische Jerusalem, das mit einem Mal, man weiß nicht, wie, unmöglich geworden ist. Die »city of god« ist die philosophische Möglichkeit eines Gottesstaates, so wie ihn Augustinus in De civitate Dei entwirft. Bronks Verwerfung von Stadt oder Staat Gottes ist in der ersten Strophe apriorisch, in der zweiten aposteriorisch. In der ersten hören wir nur, dass es sie nicht gibt, niemals geben wird, in der zweiten fragt er, sich umblickend, was damit gewonnen wäre, gäb es eine »civitas Dei« inmitten oder neben der »civitas terrena«.

Das Scharnier zwischen diesen beiden Verwerfungen bilden die Orientierungsverse: »we looked from side to side, we turned back, / and no way there either, and here we were. // Yes, and here we are. Nowhere to go.« Es sind Desorientierungsverse. Der Gottlose läuft im Kreis. (Ps 12,9) Nicht um eine ewige Seligkeit ist es ihm zu tun, sondern um einen Ausweg. Er sucht nach einer Gegenwelt. Gott ist das Andere, aber Gott gibt es nicht. Es gibt nur diese eine Welt, die nicht zu fassen, nicht einmal zu begreifen ist.

Das Einfachste wäre es, nichts anderes zu kennen als die jeweils gegebenen Fragmente der jeweils gegebenen Welt, ihre Erscheinungen und Schatten. Das Einfachste wäre, nach Anderem, Auswegen, Hinaus niemals zu fragen. Das Einfachste wäre es, das Elend hinzunehmen, sich in ihm automatisch einzurichten, es als die einzige Wirklichkeit und die beste aller Ordnungen anzuerkennen. Das ist der Highway ins Glück. Bronk befährt ihn nirgendwo. Im Gegenteil sieht sich dieser Dichter vor die Schwierigkeit gestellt, weder Da noch Hier zu haben, weder über ein Jenseits noch über ein Diesseits zu verfügen. Das ist sein Thema, sein einziges Thema.

Bronks Gedichte schildern ein Leben in der Welt, die kategorisch fremd bleiben muss. Wenige Dichter haben den Erkenntniszweifel so weit, bis zu einem mürrischen Solipsismus, getrieben wie er. Dieser erkenntnistheoretischen Seite von Bronks Agnostizismus hat sein Freund George Oppen eine brillante und übrigens komische Analyse gewidmet. Sie findet sich im achten Abschnitt von »A Narrative«:

But at night the park
She said, is horrible. And Bronk said
Perhaps the world
Is horror.
She did not understand. He meant
The waves or pellets
Are thrown from the process
Of the suns and like radar
Bounce where they strike. The eye
It happens
Registers
But it is dark.
It is the nature
Of the world:
It is as dark as radar.
(New Collected Poems. Hg. v. Michael Davidson. Manchester 2003, S. 153f.)

 

Dieses Tappen im Dunkeln – »no way there either« –, diese Abenderkenntnis kehrt in »Civitas Dei« wieder, ein radarhaftes Registrieren der Welt, wenn sie auch, »perhaps«, Horror ist. Denn sie ist auch nur »perhaps« da, dank der Sprache. Sprache »means to say what we don’t know. It creates the world as if the world were.« (Vectors, S. 48) Das erklärt das erste Sextett von »Civitas Dei«: Was klar war, was plain and simple da war, war nicht das Werk des Glaubens, sondern der Sprache. Sie hat den Gottesstaat fingiert, as if it were here.

Zugleich fällt die Sonderstellung dieses Gedichts auf. Denn Bronk spricht hier nicht, wie sonst fast überall in seinen Gedichten, von einem irrenden Ego, sondern von einem irrenden Nos. Es geht ihm auch nicht wie sonst fast überall um einen erkenntnistheoretischen, sondern um einen metaphysischen Zweifel. Nicht um einen Weg, sondern um einen Ausweg geht es ihm, nicht um ein Hin-zur-Welt, sondern um ein Aus-ihr-Heraus. Zurück zum zweiten Sextett:

Yes, and here we are. Nowhere to go.
Already here because such as cities are
is such as the city of god can ever be
or, if there is meaning, such as was meant to be.
Hocus pocus, here is what there is:
one side of the street looks at the other side.


Die »civitas Dei« ist in der Konzeption von Augustinus nicht allein das himmlische Jerusalem, das Bronk in der ersten Strophe ausradiert hat. Diese »civitas Dei« ist vielmehr mit der »civitas terrena«, dem irdischen Staat, »verwirrt und vermengt« (De civitate Dei, XI, 1; Übersetzung von Wilhelm Thimme). Wie uns bekannte Städte oder Staaten existieren, so könnte auch die Stadt Gottes oder der Gottesstaat existieren, und zwar einzig aus dem Grund, dass es Menschen gibt, die Bürger dieses Staates sein wollen, indem sie in Gott leben. Und in Gott leben, heißt nichts anderes, als nicht in der Welt zu leben. Aber wie sollte es möglich sein, zugleich in der Welt und außerhalb ihrer zu leben? Das ist nicht vorstellbar.

Wir, die wir im Gottesstaat leben wollten, sagt das Gedicht, sind »already here«, weil wir niemals irgendwo anders waren oder sein können. Daraus ergibt sich die hypothetische Frage: Angenommen, es gäbe die »civitas Dei«, wie sähe sie aus? In Übereinstimmung mit Augustinus antwortet das Gedicht: Sie sähe nicht anders aus als die »civitas terrena«, denn sie gäbe dem Gegebenen nur einen andern Sinn. »If there is meaning«, ist das auch gar nicht anders gewollt.

Wenn das aber so ist und so gewollt ist, wenn diese kategoriale und kritische Distinktion hienieden entfällt, dann ist Hier so gut wie Da, Diesseits so gut wie Jenseits. Und es gibt, da es kein Jenseits gibt, auch kein Diesseits mehr. Unterschiede, die jetzt noch denkbar sind, sind zu vernachlässigen. Eine Straßenseite schaut auf die andere, die ganz genauso wie sie aussieht. Ganz ähnlich wie in Bruce Naumans Installation Indoor Outdoor Seating (1999): Eine Sitztribüne steht einer anderen direkt gegenüber, statt einer Offenbarung sieht das Publikum nur ein anderes Publikum.

Ist das nun die aus der US-amerikanischen Lyrik, gerade aus der der Objektivisten, bekannte emphatische Diesseitsbezogenheit? Zurück zu den Sachen? Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen? Alles andere als das. Bei Bronk sieht man vielmehr, wie sich Dinge und Orte für den auflösen, der sie nur intensiv genug betrachtet. In diesem Dreizeiler scheint sich Bronk in seinem Ort geradezu einzuigeln:

Ultimate reality has its own
zip code: 12839.
This is all it is. Write to me. Here.
(Life Supports, S. 201)

 

In Wahrheit gibt er ein Gefühl für die Auswechselbarkeit aller Orte. 12389 ist die Postleitzahl von Hudson Falls, dem Ort im Staat New York, in dem er geboren worden ist und den er zeitlebens selten verlassen hat. Er erzählt in einem Gespräch (Sagetrieb, 3 / Winter 1988), dass ihm, als er einmal an einer Allergie litt, sein Arzt geraten habe, nach Texas zu ziehen. Dort würden die Symptome der Allergie bald abklingen – bis eben Symptome irgendeiner der Allergien auftreten, die in Texas grassieren. »It doesn’t make a hell of a lot of difference whether ist’s 12839 or 75064: wherever you are, the realization is that this is what there is.« 75064 ist die Postleitzahl von Josephine, Texas.

Die Orte unterscheiden sich in den Allergien, die einer gegen sie entwickelt. Am Ende ist eine Allergie so lästig wie die andere. Here is what there is. Alles ist leer, alles ist gleich, alles ist. Aber das Gedicht »Civitas Dei« ist mehr als bloß eine weitere Begehung dieses Grundgedankens. Gerade indem es die unausweichliche, vollkommene und vollkommen sinnlose Immanenz so energisch betont, springt es aus ihr heraus.

Die vertrackte Operation des Gedichtes besteht darin, dass es, indem es alles Andere, Jenseitige, Klare vom Tisch wischt, auch alles Identische, Diesseitige, Geheimnisvolle wegreißt, und selbst vom Tisch bleibt nicht viel übrig. Das »hocus pocus« ist also nicht bloß sarkastisch, hier wird ein Zauberkunststück vollführt: Nimm das Da weg, dann gibt es auch kein Hier mehr, denn Hier definiert sich durch das Da, und alles, was hier war, könnte nun auch da sein und umgekehrt.

Die religiöse Lehre hält man gern für eine Beruhigerin und Bewahrerin. Sie ist in Wahrheit ein großer Negator. Was sie von der Schöpfung berichtet, besagt, dass die Welt einmal nicht da war. Was sie von der Erlösung berichtet, besagt, dass die Welt einmal nicht mehr ist. Zugleich hebt sie in ihrem Wir alles Individuelle und Isolierte auf. Die kritische Idee des Augustinus vom Gottesstaat, der als Fremder die »Welt durchpilgert«, besteht in der Widerrufung alles Identischen, kurz der »Selbstliebe«.

Von Identität kann bei Bronk genau deshalb nicht die Rede sein, weil er die Möglichkeit einer sprachlich eingeführten Alterität ausschließt. Es gibt keine »line« mehr zwischen Ego und Alter, es gibt keine »side« mehr, deshalb schauen wir von Seite zu Seite und sehen keinen Unterschied. So erklärt sich nebenbei, weshalb einerseits die Auferstehung, die »City of God«, ausgeschlossen sein muss, andererseits jene Lebensweise, die Paulus denen nahe legt, die nicht glauben: »Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.« (1 Kor 15,32) In diesem Gedicht kann sich keiner zum Mahl niederlassen. Der Ort ist abgeschafft und damit auch der Ausweg, der Tod ist abgeschafft und damit auch das Leben. Was es noch gibt, ist ein danteskes ewiges Wandern.

Doch steht nicht die Entfremdung eines Einzelnen gegen die Eingespurtheit der Vielen. Die Aufhebung von »Civitas Dei« und sprachlichen Definitionen ist fait social. Nicht einer, sondern viele, Ungezählte sind aus Gottesstaat und Sprache entlassen und haben sich auf aussichtslose Pilgerschaft begeben. Es ist ihr Antrieb und seltsamer Sinn, dass sie keinen Sinn mehr haben. Begleitet werden sie von »long familiars: dread, disdain«. Da außerhalb der Welt nicht zu existieren ist, aber auch nicht in ihr, gibt es diese beiden Haltungen gegenüber der unmöglichen Welt: ängstliche Unterwerfung und stolze Überhebung, Furcht und Hochmut. Sie markieren die beiden Extreme der Weltzerfallenheit. Furcht und Hochmut sind die beiden Allergien, die nicht aufhören, zwischen Wir und Welt zu trennen, dieses Jucken hält die Pilger davon ab, ihr Lager aufzuschlagen.

In der anti-stoischen und anti-platonischen Affektelehre des Augustinus werden »dread, disdain« jeweils ganz gegensätzlich gewertet. Die Furcht, »dread«, ist eine Empfindung, die auch Bürger des Gottesstaates befällt, eine »keusche Furcht« soll sogar in der künftigen Welt fortdauern. Sie »hält an einem Gut fest, das nicht verlorengehen kann.« (XIV, 9)

Damit kann die Furcht, die Bronks Pilger begleitet, allerdings nicht gemeint sein, denn da sie nichts haben, können sie nichts festhalten, also nichts verlieren. Ihre Furcht ist weder die des In-der-Welt-Seins noch die des Aus-der-Welt-Gefallen-Seins, sondern eines unsicheren, unbequemen Dazwischen. Dagegen könnte »disdain« genau den »Hochmut« meinen, der allen Übels Anfang ist; »radix enim omnium malorum est cupiditas« (1 Tim 6,10). »Was aber ist Hochmut anders als Streben nach falscher Hoheit? Denn das ist falsche Hoheit, vom Urgrund sich zu lösen, dem der Geist eingewurzelt sein soll, um gewissermaßen sein eigener Urgrund zu werden und zu sein. Das geschieht, wenn der Geist sich selbst zu sehr gefällt.« (XIV, 13)

Bei Bronk hat sich der Geist für immer vom Urgrund gelöst, doch gewiss nicht, um zum eigenen Humus zu werden, und noch viel weniger, um sich selbst zu gefallen. Er folgt durchaus dem Ruf des Propheten: »Fliehet hinweg aus Babylons Mitte!« (Jes 48,20; vgl. XVIII, 18) Doch bleibt er unentwegt im Staat New York. Stets im Aufbruch begriffen, stets die Leiter besteigend, die unter ihm zusammenbricht, kommt er doch nie dazu, die Aussicht zu genießen oder sich darin zu gefallen, die Welt richtig zu sehen, denn – waves? pellets? Wellen oder Teilchen? – alles Wissen ist bloß Stückwerk (XIX, 18; vgl. 1 Kor 13,9),  und das Gedicht endet nie.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954