# 007/ Captain Morgenstern


Cap Poetry begins



ZU DEN CAPTAIN POETRY-GEDICHTEN UND IHREM AUTOR

bpNichol, das Ying & Yang der beiden ersten Lettern steht für Barrie Phillip, ist ein Buchstabenspieler gewesen, das zeigt zumindest der Blick in die kurze Sequenz aus seinen Captain Poetry-Gedichten. Der Spieltrieb darin scheint sich früh abgezeichnet zu haben, etwa als die Eltern Nichol mit den drei Kindern nach Winnipeg zogen, wo der häufig von einem Ort an einen anderen versetzte Vater, ein Angestellter der kanadischen Eisenbahn, ein Haus in der Wohnsiedlung Wildwood Park mietete, deren Adressen man in Buchstabenabschnitte unterteilte. Das Haus der Familie lag im Abschnitt H: „Ich wusste, H folgt auf G  und I kam als nächstes, also musste ich, wenn ich bei I ankam, zuweit gegangen sein“, erinnert sich Nichol fast 40 Jahre später. Das I seiner Erinnerung ist zu dem Zeitpunkt bereits mehr als ein Ort. Die Reminiszenz hat daraus einen poetischen Wohnsitz gemacht, an dem der Mensch wohnt, nunmehr als Buchstabe. Und hier liegt möglicherweise ein poetologischer Hinweis verborgen - auf ein Ziel von Nichols Schreiben, wie er es in Notizbüchern und Gedichten festgehalten hat: Das H ist interessant, weil in ihm zwei Is eine Einheit bilden, verbunden mit einem Strich. Dieser Strich zwischen zwei Individuen könnte eine Kommunikation andeuten. Für den Dichter, der mit Anfang 20 die Not spürte, psychotherapeutisch betreut zu werden, und der dabei zugleich eine rund zwanzig Jahre währende Betätigung als Therapeut fand, wäre diese Interpretation nicht abwegig. So sagt Nichol etwas vergleichbares in dem ihm von Michael Ondaatje gewidmeten Film, wenn er von den Lautgedichten Hugo Balls sagt, ihr Zweck sei, den Menschen zu heilen. Das Kind Barrie Phillip, zwischen den kanadischen Küsten sowie einem abwesenden Vater und einer depressiven Mutter hin- und hergeworfen, entdeckte seine ersten Traumwelten in den Comicheften, die von der kanadischen katholischen Kirche für die kleinen Gläubigen in Umlauf gebracht wurden. Dort fand  er die ersten Superhelden, die seine Phantasie beflügelten, Josef, Johannes und Jesus, geriet aber bald auf die Spur des Schnüfflers Dick Tracy, mit dem er durch die weschelnden Vororte des unsteten Lebens der Nichols striff. Das wird den beginnenden Dichter Nichol später zu seinem Captain Poetry angeregt haben. Bps gockelhafter Held erblickte das Licht der Welt jedoch erst, nachdem Nichol das Gedichte-Schreiben zugunsten visueller Gedichte aufgegeben hatte; konkreter Poesie, für die er selbst das Wort IDEOPOMES prägte, begonnen, wie es in einem Interview heißt, um die Arroganz des narzistischen Gedichte schreibenden Autors aus seinem Leben zu verbannen. Erst die Begegnung mit Linda Hadley-Smith, einer Melanie Klein-Schülerin, und das Leben auf der Farm Therafields, die in den 60er und 70er Jahren zu einer Art Kommune mit therapeutischen Gruppen und Kursen wurde, scheint Nichol wieder zum Schreiben konventionellerer Gedichte angeregt zu haben. Das heißt, konventionell sind diese Gedichte nur insofern sie nicht mehr nur Lautmaterial oder konzeptuelle Wortlisten verwenden. Sie zeigen nun, wie Nichol seine früheren visuellen Arbeiten kombiniert mit lyrischen Gedichte aus Zeilen, die aus leichten Buchstabenverrückungen anderer Zeilen enstehen. So entsteht eine Mischung aus Text, Comic und konkreter Poesie, die ein hinreissend  schlichter, fast naiver Ton durchzieht. Dieser Ton läßt sich als Reaktion auf eine Tendenz lesen, die Nichol selbst in einem Interview beschrieben hat, wo er von kanadischen Dichtern als Kraftmeiern spricht: „the specific stimulus was an attack on the macho male bullshit tradition in canadian poetry where if you were male & wrote poems you had to make damn sure you could piss longer, shout harder, & drink more than any less obviously effete on this national block.” Der Dichter als Holzfäller, der die Arme auf die Theke legt, liest, zwischendrin ein Bier kippt, dabei das weiche Mark seiner Gefühle hinter diesem oder jenem ästhetischen Panzer versteckt. Demgegenüber liest sich Nichols Langgedicht, die „Martyrology”, von dem neun Bände erschienen und das durch seinen Tod am 25. September 1988 unabgeschlossen geblieben ist, als Versuch, die eigene Person offenzulegen und nach den Möglichkeiten einer Gemeinschaft zu suchen. Sein Martyrium gerät zur mythischen Selbstbeschreibung und zur Therapie mit den Mitteln des experimentellen Gedichts. Captain Poetry, das Buch mit den Abenteuern des Helden mit dem Gockelkopf und seiner Nemesis Madame X, 2014 wiederaufgelegt von Bookthug, bildet das Zwischenstück, das Nichols fühere IDEOPOMES mit seinem späteren Langgedicht verbindet. Dort ist aus dem Superhelden eine Vielzahl Heiliger geworden, die es im katholischen Kirchenkanon ebensowenig gibt, wie den mit wehendem Cape am Himmel davonsegelnden Captain, die man sich aber mit Blick auf Figuren wie St. rike, St. and oder St. upid, als Religionsstifter und Gewährsmänner des Glaubens wünschen würde. Ein oder zwei Sätze zu meiner Übersetzung: Das Übersetzen von Nichols Gedichten gleicht dem Bild seines selbstgedruckten Pamphlets Ganglia, wo Cap Poetry mit dem UNMÖGLICHEN ringt, verstrickt in die Tentakel eines schier ungleichen Kampfes. Dieser Unmögliche ist leider auch ein wenig die Übersetzung selbst. Sie kommt hier wie der Schurke auf Krücken, die hoffentlich nicht allzuschnell umknicken.

 

 

N. Lange, 21.01.15



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954