# 001/ Hugo Ball


Christian Bök spricht Hugo Ball

Wer hört wie Christian Bök (ausgesprochen: Christian Book) die »Seepferdchen und Flugfische« oder den »Zug der Elefanten« performt, wird darin kaum die im Kirchenstile rezitativartig gesungenen Vokalreihen wiedererkennen, von denen Ball in Die Flucht aus der Zeit gesprochen hat.

Aber nur auf das erste Hören dürften die Aufnahmen für den Ball-Kenner eine Irritation darstellen, gewinnen sie doch Impulse aus einer Vokalmusik-Tradition, die ihre Anregungen wiederum den historischen Avantgarden verdankt, unter deren führenden Protagonisten Ball in vorderster Reihe steht. Böks Performance ist deshalb mehr als die Hommage an eine der eigenen lautpoetischen Quellen denn als annähernde Stimmenrekonstruktion des ballschen Sounds zu verstehen. Die Erwähnung Mike Pattons, und hier der Hinweis auf Daniel Gloger und David Moss, sind vor einem so breiten Rahmen willkürlich. Sie sollen aber helfen, einen wenn auch nur kleinen Eindruck davon zu geben, worum es hier geht.

Auf ganz einzigartige Weise treffen sich Balls und Böks ästhetische Programme in einem von Bök mit einigen Wissenschaftlern angestrebten Projekt: Das »Xenotext Experiment« sieht die Manipulation der DNA von Deinococcus radiodurans vor. Dieses jedem Umwelteinfluss trotzende (extremophile) Bakterium soll mit einem in eine DNA-Sequenz übersetzten Gedicht Böks programmiert werden, um als organische Textmaschine das Gedicht über die folgenden Bakterien-Generationen zu speichern. Gleichzeitig wird Deinococcus radiodurans ein Protein herstellen, dessen Zusammensetzung vom Text des Bök-Gedichts beeinflusst wird, das aber für sich genommen einen neuen Text darstellen soll. Ein ähnliches, den Text eines englischen Kinderliedes in den genetischen Code des Bakteriums einschleusende Experiment wurde von US-Informatikern unternommen; noch nach etwa hundert Bakteriengenerationen liessen sich die Strophen von »It’s a Small World« in unveränderter Form mit üblicher Sequenziertechnik wieder auslesen. Welche Anwendungsmöglichkeiten für ein solches, sich selbst in redundanter Menge reproduzierendes Speichermedium gegeben sein könnten, bleibt jedem selbst überlassen. Balls imperativische Forderung für die Poesie, sich in die innerste Alchemie des Wortes zu begeben, dürfte hier aber eine völlig neue, Ball beim Wort nehmende Variante gefunden haben. Bök selbst deutet das in einem Interview so an:

»Postmodern life has utterly recoded the avant-garde demand for radical newness. Innovation in art no longer differs from the kind of manufactured obsolescence that has come to justify advertisements for 'improved' products; nevertheless, we have to find a new way to contribute by generating a 'surprise' (a term that almost conforms to the cybernetic definition of 'information'). The future of poetry may no longer reside in the standard lyricism of emotional anecdotes, but in other exploratory procedures, some of which may seem entirely unpoetic, because they work, not by expressing subjective thoughts, but by exploiting unthinking machines, by colonizing unfamiliar lexicons, or by simulating unliterary art forms.«

 

Seepferdchen und Flugfische ( Typoskript von Hugo Ball)

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Karawane (Typoskript von Hugo Ball)

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Totenklage ( Typoskript von Hugo Ball)

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Quelle der Tonaufnahmen: PennSound.

Die Typoskripte stammen aus der Hugo-Ball-Sammlung in Pirmasens. 

Kommentar: Norbert Lange



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