# 008/ Lichte Verbrechen


Die Revolten der Belle Epoque

Francis Carco, Montmartre, die inneren »Redlichkeitsinseln«.

 

Das Paris der »Belle Epoque« fasziniert noch heute als Nährboden für neue Leidenschaften, Verbrechen und ein neues Antibürgerliches Denken. Zahlreiche Filme zehren von der pittoresken Qualität des Montmartre, wo sich echte Gauner und falsche Dichter, grosse Poeten und kleine Gangster trafen. Der wichtigste Cicerone in diese Unterwelt am »Märtyrerberg« war Françis Carco. Wie kein zweiter ist er in beiden Milieus zuhause. Es könnte sogar sein, daß zwei Milieus für sein Leben nicht ausreichten, dessen wichtigste Seiten wir nicht kennen - wir können sie allenfalls erahnen, wenn wir seine Romane lesen.

François Marie Alexandre Carcopino-Tusoli wurde am 3. Juli 1886 in Nouméa, Neu-Kaledonien, geboren. Er ist das erste von fünf Kindern. Die Mutter, Marie Tusoli, stammt aus Nizza, der Vater, Jean-Dominique Carcopino ist der neue Inspektor der Staatsgüter der Insel. Er ist Korse, ein aufbrausender Mann, seinem eigensinnigen Sohn gegenüber äußerst gewalttätig, auch wenn er mit Empörung die ungerechte und harte Behandlung der Zwangsarbeiter der Sträflingsinsel sieht. Neu-Kaledonien, damals französische Kolonie auf Melanesien, liegt zwischen dem Pazifischen Ozean und dem Korallenmeer, östlich umgrenzt von einer Inselkette namens Isles Loyauté (»Redlichkeitsinseln«). Zwangsarbeiter sind hier vor allem die Verlierer der letzten Revolution, also ehemalige Kommunarden, die »Rote Jungfrau« Louise Michel hatte man ein Jahr vor Ankunft der Familie begnadigt. Im Jahr 1897 kehrt die Familie nach Europa zurück und läßt sich in Châtillon-sur-Seine nieder, der Vater hat einen Posten als Hypothekenbeamter gefunden, für den elfjährigen Françis beginnt eine Zeit der Domestizierungsversuche durch die Schulen der französischen Provinz, »unterstützt« von häufigen Prügelstrafen des Vaters.

Es ist die Zeit, da eine ganze junge Generation sich mit den Poètes maudits identifiziert. Um die Jahrhundertwende stehen sich die Gesellschaften der beiden »Erbfeinde« Frankreich und Deutschland an Heuchelei und Geldgier in nichts nach. Für die französische Seite bezeugt Jean Paulhan: »Anscheinend war die französische Gesellschaft vor den Kriegen ganz besonders widerlich und zugleich verweichlicht: abstoßend und wie von sich selbst angeekelt.« Wer sich nicht unterordnet, wird Verbrecher oder Dichter. Das ist die gesellschaftliche Wahrheit, die hinter dem Phänomen der Bohème steht, abzulesen an zahlreichen Künstlerbiographien, an literarischen Topoi (»Vatermord«), mal pathetisch, mal kabarettistisch verkündet, durch die Vagantenlyrik eines Erich Mühsam oder die Gedichte der jungen Expressionisten, ein antibürgerlicher Zug der Literatur, der sich in Frankreich bis zu Jean Genet radikalisiert. 

Die Abneigung gegenüber dem nationalen Bürgertum führt zu Fluchtbewegungen in die Gefilde des edlen Wilden, kulturelle Gesten, die manchmal skurrile Züge annehmen. Ein Beispiel ist die Verehrung des Wilden Westens seit der Europa-Tournee von Buffalo Bill´s Zirkus kurz vor der Jahrhundertwende. Bald verbreitet sich eine Amerikanophilie, die in betont kühlem Verhalten (Félix Fénéon) sowie in zahlreichen englisch klingenden Pseudonymen ihren Ausdruck findet: Willy (Henry Gauthier-Villars) und einer der engsten Freunde Carcos, Pierre Mac Orlan (Pierre Dumarchey) sind nur zwei Beispiele unter vielen.

Carco reißt oft von zuhause aus, verbringt manche Nacht in den »geschlossenen Häusern« von Villefranche-sur-Rouergue, wo die Familie seit 1901 wohnt. Dort lernt er früh die käufliche Lust kennen, er weiß »wie man mit den Frauen zu reden hat« (Colette). Mit sechzehn trifft er den Landstreicher Gal, der ihn mit der modernen Poesie bekanntmacht: Jules Laforgue, Tristan Corbière, Arthur Rimbaud, Francis Jammes — alles Dichter, die in der Anthologie des Poètes d´aujourd´hui zu finden sind, herausgegeben von Adolphe Van Bever und Paul Léautaud. Als Achtzehnjähriger stattet er jeden Donnerstag dem greisen Romantiker Charles de Romairols einen Nachmittagsbesuch ab, um sich von ihm in der Verskunst unterweisen zu lassen. Seit dem Tod seiner Tochter verläßt der Adlige nicht mehr sein Haus. Was die beiden vereint, ist neben der Liebe zur Poesie ein gewisser Lebensekel, wobei der des jungen Draufgängers durchaus diesseitige Gründe hat: nach jeder Bestrafung durch den Vater schreibt er ein Gedicht. 

In der Folge entwickelt sich Francis bereits in der südfranzösischen Provinz zu einem Dandy, der sich in seinem Äußeren als junger Gauner stilisiert, dessen Gedichte allerdings die Natur besingen, die Kleinstadt im Regen, die Gärten.[1]  Zusammen mit Tristan Derème und Robert de La Vaissière gründet er 1907 in Rodez die École Fantaisiste, allein in der Namensgebung auf der Höhe der Zeit, die einen individuellen Stil jenseits des Symbolismus sucht. Dieser drückt sich in klaren, aber doch verspielten Versen aus, kleinen gereimten Botschaften, die man den Mädchen zuflüstern kann, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Bei der zweiten Gründung der »Phantastischen Schule« im Paris des Jahres 1911 sucht sich Carco Paul-Jean Toulet (1867 - 1920) als Mentor, für dessen zerbrechliche, raffiniert gereimte Miniaturen (»Gegenreime«) sich freilich zu Lebzeiten kein Verleger findet.[2]  

Paris (im argot: Paname, Pampeluche oder Pantin) ist seit dem Zusammentreffen mit Gal das Mekka des jungen Carco. Zwar stilisiert er sich als Apache, aber vielleicht nicht ganz als »Jesus«, wie es in seinem Roman Jesus-la-Caille (Jesus Schnepfe) beschrieben ist: Schiebermütze, enge Hose, Schmachtlocke, ein Schönheitsfleck, der mit Öl auf die wunde Haut aufgetragen wird und auf schmerzhafte Weise erneuert werden muß. Endlich der väterlichen Autorität entronnen (die ihn in eine Beamtenlaufbahn zwingen möchte), stürzt sich Carco in die bunte Welt der Bohème, die dort am Rand der Gesellschaft das ereignisreiche Leben zwischen Hunger und Verschwendung führt. Bald wird sie als ästhetisches Phänomen (Avantgarde) in den Mittelpunkt der Welt rücken, in dessen Nachbarschaft eine Folklore (Montmartre, musette, Moulin Rouge) zu besichtigen ist. Das 20. Jahrhundert wird sich immer wieder mit diesem einen Ort beschäftigen, die gebildeten Stände mit der neuen Ästhetik und »Lieschen Müller« mit dem Milieu als Vorlage für zahlreiche Schmachtlieder, Musikfilme, Liebesromane. Namen wie Guillaume Apollinaire, Eric Satie, Pablo Picasso, Maurice Utrillo stehen für die klassische Moderne, die Initialzündung einer weltweiten Bewegung in Literatur, Kunst und Musik. Mit ihnen allen war Carco befreundet, besonders nah standen ihm jedoch der genial-bizarre Max Jacob, der komödiantische Mac Orlan und der chaotisch-tragische Amedeo Modigliani. 

Ob Carco hier auf der Suche nach dem wilden Leben Neukaledoniens ist, weiß man nicht. Jedenfalls ist seine Nähe zum kriminellen Milieu größer als die der anderen Bohèmekünstler, außerdem gibt es unter den zahlreichen Erinnerungsbüchern und Milieu-Studien aus seiner Feder auch ein Neukaledonien-Buch (Madame Petitdoigt, 1932), das den Verdacht nahelegt, daß ihm jeder Aufenthaltsort zum exotischen Abenteuer verhalf. Sein erster Gedichtband trägt jedenfalls den vielsagenden Titel »Instinkte« (1911). Darin versammelt er Prosagedichte, Miniaturen, die einigen Örtlichkeiten (die Bar, der Boulevard, das Cabaret) und Typen (die nackte Tänzerin) gewidmet sind, andere Titel lassen den Einfluß von Apollinaire vermuten (Halluzination, Alkohol). Insgesamt sind es außergewöhnliche Gedichte, stimmungsvoll, präzis in der Beobachtung, durchaus eigenwillig in der Metaphorik, die in einigen Betrachtungen der städtischen Natur in seinem Roman Jesus Schnepfe anklingen. Carcos Selbstaussage über die Zeit der Bohème: »Wir lebten von wenig Geld und viel Hoffnung, unsere Gedichte kamen uns nicht übertrieben bedeutend vor …«, findet in der beiläufigen Haltung und der Lakonie dieser Texte ihre Bestätigung.

Als Ort der edlen Wilden, einer elementaren Gegenwelt mit ihren tragischen Gestalten und käuflicher Liebe, ist Paris gewiß dem vitalistischen Ideal Carcos näher als die französische Provinz. Während der Apollinaire der Alcools und Calligrammes in der Großstadt das Magische in der modernen (technischen) Welt aufspürt (Zone), beschäftigt Carco eher die körperliche Wahrheit der Leidenschaften und Laster. Beispielhaft hierfür mögen auch die Chansons aigres-douces (1913) stehen, in denen anstelle des fremden Blicks auf die Stadt nun die Auseinandersetzung mit dem volkstümlichen Lied der Cabarets steht. Solche »bitter-süßen Lieder« sind durchaus nach dem Geschmack des Publikums der zahlreichen Cabarets und Bühnen, das seine eigene Auffassung von einer Ästhetik des Bösen hat. Das Quartier gibt mit seinem ursprünglichen Namen als »Märtyrerberg« einen makaberen Hintergrund ab. Diesen nutzt man in der Szene durch Wortspiele nach Art von Louis Chevalier, der ein Buch mit dem Titel Montmartre du Plaisir et du Crime verfaßte.

Sein großes Gespür für das im Milieu verborgene Potential an Tragik wie Exotik beweist Carco dann in seinem ersten Roman Jesus Schnepfe. Im Jahr 1913 während eines halbjährigen Aufenthalts in Nizza geschrieben, erscheint er 1914 zuerst in der Zeitschrift Mercure de France (Heft 398-399), anschließend als Broschur im selben Verlag. Obwohl von der Presse ungnädig aufgenommen, ist das Buch sofort ein großer Erfolg. Man hält Carco gewisse Ähnlichkeiten zu bereits erschienenen Melodramen aus dem Apachen-Milieu vor, etwa Tigre et Coquelicot von Charles-Henry Hirsch. Carcos Roman ist jedoch unvergleichlich durch die Kenntnis des Milieus, seine konsequente Verwendung von argot-Dialogen und den unerschrockenen Blick auf sexuelle Besonderheiten. 

Nicht zuletzt durch die Schlagzeilen über große Kriminalfälle der Zeit (1902 die dramatische Geschichte um Casque d´or, »Das Mädchen mit dem Goldhelm« und 1914, kurz nach Erscheinen von Jesus Schnepfe, der Skandal um Georgette Fourel, die ihren Liebhaber Henri Charrière im Gefängnis niederschießt, um ihn zu befreien) ist das Interesse am Verbrechen als Gegenstand der Literatur gewachsen. Der eben erwähnte Roman von Hirsch, einige frühe Kriminalgeschichten in Apollinaires Erzketzer & Co (1910), vor allem aber die erste Romanserie mit dem Titelhelden Fantomas, verfaßt 1911-1913 von Pierre Souvestre und Marcel Allain, zeigen, daß Carco sich nicht als einziger mit dem Genre beschäftigte. 

Jesus Schnepfe ist eine melodramatische Liebesgeschichte aus der Unterwelt im Paris der Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Ihr Held ist ein Strichjunge, »eine Schnepfe«, der sich auch als Bettgefährte (»Jesus«) von Mädchen aushalten läßt, die es sich leisten können. Das Drama beginnt mit der Verhaftung von Bambus, des Gefährten von Jesus Schnepfe. Die selbstbewußte Fernande hat ihren gewaltätigen Zuhälter, den Korsen, satt, sie beginnt eine Affäre mit Jesus Schnepfe, die zu festen Formen findet, als der Korse ebenfalls kurz darauf verhaftet wird. Da Jesus Schnepfe sie aus Angst vor dessen Rache zu schlagen beginnt, geht Fernande einem Spitzel auf den Leim, der in der Szene um den Montmartre seine eigene Machtpolitik betreibt. Die Affäre endet tragisch, am Ende des Romans hat Fernande ihren Geliebten umgebracht.

»Am Montmartre habe ich in einem Milieu gelebt, das mir genügend Inspiration für Jesus Schnepfe bot. Damals sagte man schon nicht mehr ›Tunten‹ und ›Luder‹. Diese jungen Leute nannten sich untereinander ›mein Jesus‹. Obwohl sie recht diskret waren, hatten die Wirte der musette in ihren Ballhäusern Schilder aufgehängt, auf denen in großen Buchstaben stand: ›Die Herren werden gebeten, nicht miteinander zu tanzen!‹ Natürlich verkehrte ich in den bals. Aber diese Epheben traf ich erst nach Mitternacht in den Bars an der Place Blanche und der Place Pigalle. Von einer vorübergehenden Geliebten, die sich als Mann verkleidete, hatte ich gelernt, nicht über alles zu staunen: sie machte mich mit einem blonden Jungen bekannt, der den Spitznamen Schnepfe trug und in Wirklichkeit Lucien B … hieß. Man nannte ihn auch die Lucienne, und an manchen Abenden hörte ich, wie er mit einem tiefen Ekel von einem Alten sprach, der sich um ihn bemühte, dadurch gewann er meine Sympathie …

Drei Jahre später lernte ich Katherine Mansfield kennen. In einer ihrer Erzählungen schildert sie mich als jungen Romancier und legt mir folgendes in den Mund:

›Ich will mir einen Namen als Schriftsteller einer verborgenen Welt machen. Aber nicht so, wie es andere vor mir getan haben. O nein! Sehr naiv, mit einer Art zarten Humor und von innen heraus, als wäre alles ganz einfach, ganz natürlich.[3]‹ 

War es so einfach? Jedenfalls bleibe ich bei meiner Aussage: ›Jesus Schnepfe - das bin ich!‹«

Soweit Francis Carco in seinem kurzen Text Das wahre Gesicht von Jesus Schnepfe. Von ihm selbst gibt es zahlreiche Erklärungen über die Entstehung des Romans und die seltsamen Namen seiner Hauptfiguren. Daraus kann man ersehen, daß auch für das französische Publikum der Titel irritierend war.[4]  Offenbar gilt das noch heute, denn der eben zitierte Text ist statt eines Vorworts in der aktuellen Ausgabe abgedruckt. Vermutlich wurde Carco auch häufig die Frage gestellt, ob sein Held wirklich ein »Tralala« sei oder nicht. Das dementiert er, wobei er immer bemüht scheint, die Abgrenzung nicht allzu deutlich geraten zu lassen, wie im obigen Zitat. In seinem Roman sind die Vorlieben gemischt, und die Zuweisung der Geschlechter ist oft mehrdeutig. Es ist, als käme es nicht so sehr auf die sexuelle Orientierung an, sondern darauf, daß die Inszenierung gelungen, das styling künstlich genug ist. Ob ein Junge ein »Tralala« oder ein Mädchen eine »Tasse« ist, hängt mitunter auch von den materiellen Umständen ab. Auffällig jedenfalls, daß der verdeckte Ermittler Pépé-la-Vache mit einem weiblichen Wappentier als Spitzname ausgestattet wurde.

Die Pariser Unterwelt mit ihrer eigenen Sprache, dem argot, ihren je nach Viertel unterschiedlichen Bräuchen, ist für den damaligen Leser eine exotische Welt, die von elementaren Bedürfnissen (Geld, Prestige, Leidenschaft, Rausch) regiert wird. Sie erscheint zwar fremd, aber nach einem tieferen Blick doch nur allzu bekannt, die Kopie einer eigenen, dunklen Innenwelt, etwas pubertär gefärbt (es gibt in ihr wahre »Apachen«, denn so heißen in den Zeitungen der Jahrhundertwende plötzlich die jungen Gangster von Paris), auch wenn sie besonders kinderfeindlich ist. 

Freilich sind die drei großen Romane Jésus-la-Caille, Les Innocents (1916) und L´Homme Traqué (1922) vor allem Sittengemälde, in denen Dreh- und Angelpunkt der Handlung das Laster und die sexuelle Abweichung darstellen. Sie beschäftigen sich also nicht mit dem gewaltsamen Zusammenstoß beider Welten in der Tat des »Verbrechers«, sondern dem Zusammentreffen in meist friedlicher Absicht, geleitet durch das sexuelle Interesse. Der Blick auf das Milieu erweist sich in doppelter Hinsicht als intim. Durch die Selbststilisierung (Aneignung einer antibürgerlichen Position) und den begehrenden Blick des Freiers. Dieser ist bei allem Ausbeutungsinteresse mehr auf die Person des Anderen ausgerichtet als der des Bürgers oder Schriftstellers auf den Übeltäter, dessen trivial-mythischer Charakter durch den Namen Fantomas bereits ausreichend charakterisiert ist. Allerdings kann es vorkommen, daß das Objekt der Begierde auf eine Weise zurückblickt, die nach seiner Auffassung der Erwartung des Kunden entspricht. Gerade davon erzählt Carco in Jesus Schnepfe durch die schillernde Figur des Blenders (truqueur), der sich als »Jesus« zurechtschminkt, um homosexuellen Kunden zur Verfügung zu stehen, aber ebenso den von ihren Zuhältern angeödeten Prostituierten.

In den letzten Monaten des Jahres 1913, noch vor Erscheinen des Romans, begegnete Carco durch Vermittlung seines Freundes John Middleton Murry der Schriftstellerin Katherine Mansfield. Eine Affäre begann, über die bis heute der an sensationellen Fragestellungen interessierte Teil der Literaturwissenschaft rätselt, angestachelt durch Spekulationen über die literarische Verarbeitung in Die Unschuldigen von Carco und Je ne parle pas Français und Eine indiskrete Reise von Katherine Mansfield. Mit Jesus Schnepfe war aus dem Dichter der »Phantastischen Schule« plötzlich ein Schriftsteller geworden, der sich durchaus dokumentarischer Mittel bediente. Auch Katherine Mansfield zeichnet ein großes Interesse für die (oft irrationale) Innenwelt ihrer Figuren aus, mit denen sie die moderne englische Kurzgeschichte erneuerte. Sich als Schriftsteller »einer verborgenen Welt« einen »Namen zu machen« wie es in Je ne parle pas français heißt, könnte man letztlich auch als Absichtserklärug der Autorin selbst nehmen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Carco immer mehr zur folkloristischen Figur auf dem sagenumwobenen Montmartre. Außer einem Roman über den Straßenräuber und Dichter François Villon veröffentlichte er zahlreiche Erinnerungsbücher und Memoiren (auch über verflossene Geliebte: Quelques-unes, 1931), wurde Mitglied der Académie Française und der Académie Goncourt. Wie seine Freundin Colette gehörte er zu den auflagenstärksten Autoren. Die Vorreiterrolle der Avantgarde hatten längst die Surrealisten übernommen, die mit seiner Generation hart ins Gericht gingen.

Bezieht sich Carcos Roman auf eine reelle Figur, hat Carco Jesus Schnepfe wirklich getroffen, wie er in seinem Text behauptet? Viele Schriftsteller aus seinen Kreisen waren bemüht, ihre Romanfiguren als echt anzupreisen, um den Anteil an Imagination kleinzuhalten, der ganz der Poesie vorbehalten bleiben sollte (noch gut zehn Jahre später hat Philippe Soupault zu der Schutzbehauptung gegriffen, seine Romane seien reine temoignages, Erfahrungsberichte). Auch ob Carco, wie er selbst angibt, das Vorbild für Raoul Duquerre in Kathrine Mansfield Je ne parle pas français abgab, ist letztlich ungewiß. Einen Romancier gibt es allerdings, der Carco einen eindeutigen und vielsagenden Auftritt verschaffte: Yvan Goll in seinem Roman Sodom Berlin (1929). Seine Hauptfigur Odemar, als deutscher Glücksritter nach dem Weltkrieg mit allen mystischen Wassern gewaschen, reist mit seiner neuen Bekanntschaft Irmelinde nach Paris.

»Für den Abend hatte er Irmelinde eine abenteuerliche Entdeckungsreise in die Niederungen von Paris versprochen. Um mit Sicherheit ein paar echte ›Apachen‹ zu treffen, ohne sich in allzugroße Gefahr zu begeben, telefonierte er mit Francis Carco, wobei er vorgab, er wolle seine Werke ins Deutsche übersetzen, ihn dann aber bat, mit ihnen in die malerischen Viertel zu gehen, wo er sich doch so gut auskannte. Der Romancier, der ein guter Junge war, ließ sich überreden und führte seine Bewunderer in die Rue de Lappe … Carco winkte zwei junge Kerle zu sich an den Tisch, ihre von langen schwarzen Wimpern gerahmten Augen glänzten eigenartig in den blassen, übermäßig geschminkten Gesichtern. Sofort begann der Jüngere der beiden mit schüchterner Mädchenstimme zu klagen, wie oft ihn sein Freund Jeannot mit dem Inhaber des Lokals betrog, und er würde ihn töten, wenn er heute nacht nicht mit ihm nach Hause ging. Jeannot selbst lächelte und spielte mit Odemars Hand, die er zwischen die seinen genommen hatte, als ob nichts dabei wäre. Irmelinde bestaunte die rosa Krawatte und zu roten Lippen der Beiden. Derweil amüsierte sich Francis Carco königlich über die kleine Szene, die die beiden Komödianten mit viel Talent aus dem Stegreif gespielt hatten.[5]« 

Obwohl Carco (mit seinem Werk wie als Persönlichkeit) einen großen Anteil am Mythos Montmartre hat, ist er auch in Frankreich beinahe vergessen. Zahlreiche Fotos von ihm als überaus korrekt zurechtgemachter Lebemann, der in Gemeinschaft gern ein Chanson schmettert, als Tausendsassa mit der freundlich-bitteren Miene eines Edward G. Robinson, verbleichen in den einschlägigen Bildbänden aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht spricht die ausführliche Biographie von Jean-Jacques Bedu, Francis Carco au cœur de la Bohème, die unlängst in Frankreich (Éd. du Rocher) erschien, und der ich die meisten biographischen Details für diese Skizze verdanke, für ein neues Interesse an M´sieur Francis, dem Gentilhomme de la nuit.

[1] Vergl. vor allem La Bohème et mon Cœur, Paris (Albin Michel) 1939. Darin die »Premiers Vers«, die trotz spürbarer Beeinflussung durch Rimbaud und Verlaine eine eigene Handschrift verraten.

[2] Einen Eindruck vermitteln die Gedichte Toulets, die in die Anthologie Französische Dichtung, hrg von Friedhelm Kemp und Hans T. Siepe, München (C.H. Beck) 1990, Bd. 3, S. 366 - 373 aufgenommen wurden.

[3] Zitiert aus Katherine Mansfield, Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Elisabeth Schnack. Frankfurt, Wien, Zürich (Büchergilde Gutenberg) 1980, S. 181-182.

[4] Ein weiteres Argument dafür, die Namen ins Deutsche zu übersetzen, obwohl sie streng genommen unübersetzbar sind. Durch diesen Verstoß gegen ein ehernes Gesetz des Gewerbes sollte zumindest eine Ahnung davon vermittelt werden, mit welchem Witz das Milieu sich selbst spiegelt. In seiner ersten Übersetzung des Romans behalf sich Fred Antoine Angermayer mit den französischen Namen (Jesus-La-Caille, Potsdam, Kiepenheuer 1922). Angermayer (1889 - 1951), selbst Autor (Komödie um Rosa, Flieg, roter Adler von Tirol) und offenbar mit Carco befreundet, hat dessen klare Prosa entsprechend dem damaligen deutschen Zeitgeschmack an manchen Stellen poetisierend übersetzt.

[5] Yvan Goll, Sodom Berlin, übers. von Hans Thill, mit einem Nachwort von Karsten Witte, Berlin (Rotbuch) 1985, S. 128.



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