# 007/ Captain Morgenstern


Ich enzieh mich dem, Käptn

Drei Dream Songs, übersetzt von Léonce W. Lupette

(Zum Lesen auf den Text klicken)

Die Übersetzung der ersten 77 Dream Songs erscheint im Frühjahr 2015 bei Luxbooks.


 

 

Kurze Notiz zu John Berrymans Dream Songs

 

In der Regel wird John Berryman – so wie auch Sylvia Plath, Anne Sexton oder Robert Lowell – zur Confessional Poetry gezählt. Dieses Label, das behauptet, die Struktur dieser »Bekenntnisliteratur« bestehe in den Erfahrungen und Traumata der Autorinnen und Autoren, und das diese Literatur also auf ihren autobiographischen Gehalt (der ja tatsächlich vorhanden ist) reduziert, hat Berryman selbst mit Vehemenz und Verärgerung von sich gewiesen. Anscheinend hat er viel mehr in seinen Texten gesehen als lediglich eine Erzählung des eigenen Leidens zur Selbstvergewisserung. Die als sein Alter Ego geltende Hauptfigur der Dream Songs bezeichnet Berryman im Vorwort zu den ersten 77 als »fiktive[] Figur (nicht der Dichter, nicht ich) namens Henry, eine[n] weißen Amerikaner mittleren Alters, manchmal mit Blackfacing, der einen unwiederbringlichen Verlust erlitten hat, und der von sich manchmal in der ersten Person spricht, manchmal in der dritten, manchmal sogar in der zweiten; er hat einen Freund, der niemals namentlich genannt wird, und der ihn mit »Mr. Bones« anspricht, sowie mit Varianten davon.« Zwar leugnet Berryman nicht, dass Henry auch Züge seines Erfinders trägt, aber die beiden sind eben nicht identisch, und der Wert und die Stärke der Texte hängen nicht – jedenfalls nicht ausschließlich und auch nicht primär – von der Authentizität oder Heftigkeit nachweislich biographischer Begebenheiten ab. Es handelt sich in erster Linie um Texte, und so wenig sie sich darauf festlegen wollen, ob sie Songs sind, ein offenes Langgedicht, eine sonettartige Sammlung oder gar ein dramatisches Werk – so vielfältig sind die gestischen und performativen Arten der Rede in ihnen. Zu dieser bewussten Unbestimmtheit bzw. Unbestimmbarkeit – die weit mehr ist als ein freches Maskenspiel – gehört auch das besagte Blackfacing (hierzulande gerade zum Anglizismus des Jahres 2014 gewählt) der Figuren, das hier freilich nicht rassistischer Natur ist. Berryman bezieht sich auf diese Praxis, die vielfach als Anmaßung betrachtet wird, zumal Weiße damit Schwarzen den Raum raubten, für sich selbst zu sprechen; er affirmiert sie nicht. Indem die Figur Henry selbst nicht weiß, wer oder was sie ist, welchen Namen sie genau trägt, ob sie eine oder mehrere Personen bzw. Figuren ist, ob tot oder lebendig, in welcher grammatischen Person sie von sich sprechen soll, etc., reflektiert sie zudem ganz offen die Fragwürdigkeit und Grenzen jeglicher Prätention einer legitimen Vertretung irgendwelcher Gruppen, wenngleich es zur Stärke der Dream Songs gehört, dass sie sich dennoch emphatisch mit gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen vermögen, und nicht wenige Dream Songs offenbaren ein ehrliches, mitfühlendes Interesse am Anderen. Was manchen Menschen als Anmaßung erscheint, bedeutet bei Erscheinen der 77 Dream Songs 1964, also kurz nach dem von Martin Luther King protagonisierten March on Washington und den vorausgegangenen Civil-Rights-Protesten, einen Bruch mit der zeitgenössischen Lyrik, die weitenteils die Enge der 1950er Jahre sowie vorangegangener Jahrzehnte atmete. Dabei ist Berryman keinesfalls so naiv, einfach eine etwa schwarze Identität anzunehmen und selbst vermeintlich widerspruchsfrei über gesellschaftliche Widersprüche zu sprechen. Im Gegenteil, die Songs offenbaren durchweg die Paradoxa, die Identität und Sprechen, das Sprechen von sich selbst und der das Ich umgebenden Welt, mit sich bringt. Das beginnt damit, dass Berrymans »Blackfacing« allein auf dem Papier stattfindet, in der Sprache, und dass es keineswegs durchweg und konsequent verwendet wird, sondern sprunghaft und stets in teils derber und sehr witziger, oft zugleich trauriger, Mischung mit Jive- und Halbweltsprache, shakespearisch anmutenden Versen, biblischem Ton, nüchterner Narration und neologistischen Berrymanismen ebenso wie mit offenkundigen Versprechern und Verschreibern, von denen Berryman im Vorwort sagt, sie seien nicht Henry zuzuschreiben, sondern dem Titel des Werks (hier sei darauf verwiesen, dass Berryman ein Kenner der freudschen Psychoanalyse war, was einen Hinweis auf die Bedeutung sprachlicher Verschiebungen, Verdrehungen, Gleichlaute etc. in der Traumdeutung erlaubt). Teils reimen die Dream Songs und folgen einem bestimmten Rhythmus, teils tun sie nur so. Die Texte wissen genau, dass ihr Sprechen keine wirklichkeitsgetreue Nachbildung der Sprechweisen schwarzer (oder anderer) Bevölkerungsgruppen ist, und erst recht keine Parodie davon. Sie beziehen sich zwar auf die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA populärste Form der Unterhaltung, die von Berryman als der einzig relevante amerikanische Beitrag zur Bühnenkunst gesehen wurde. In diesen Shows ahmten als Schwarze verkleidete Weiße (nach den von ihnen verwendeten Instrumenten meist Tambo und Bones genannt) die vermeintliche Sprech- und Lebensweise der Plantagensklaven nach, und in der weißen Bevölkerung gab es ein großes, schichtenübergreifendes Interesse an dieser Art Darstellungen dessen, was für den »schwarzen Charakter« gehalten wurde. Viele Zuschauer wussten dabei nicht, dass die Autoren der Lieder, Zoten und Sketche oftmals kaum aus den Städten des Nordens herausgekommen waren und dementsprechend vom Leben und Leiden der Sklaven ebensowenig wussten wie von deren Sprache, Liedgut oder überhaupt von den Beschaffenheiten des Südens. Dazu passend hat Berryman selbst nie eine Minstrelshow gesehen, weshalb er, wenn er dennoch auf sie zurückgreift, deren darstellerische Geste auf sie selbst anwendet. Diese Shows – viele von ihnen tatsächlich rassistisch und mokant – boten also bereits eine stark projektive und fiktionale Sprache, eine Fiktionalisierung, die die Dream Songs aufgreifen, noch stärker übertreiben und auf diese Weise als Konstruktion erst begreifbar machen, und zwar immer in dem Bewusstsein, dass womöglich jedwedem Sprechen, jedwedem Versuch, eine Identität darzustellen, und sei es noch die der eigenen Person bzw. des lyrischen Ichs, ähnliche Aporien innewohnen. Mehr als selbst Bekenntnisse zu sein, setzen sich die Dream Songs mit der Struktur von Bekenntnissen – zu denen auch die Klage zu zählen ist – auseinander. »›Ja; das ergibt Sinn. / Doch was ergibt dazwischen Sinn? Was wenn / Ich aufgewühlt & stammelnd & kopfzerbrechend weitergrübelte / über das Warum, so zwischen den Stühlen?‹«



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954