# 006/ Eine von uns ist die Frau


Drei Monate ohne Regel wie die drei roten Ampeln

 

El Alexander

—Mañana le voy a quitarle el niño— últimas palabras del
hijo pastabasero a su madre. (i. Los pastabaseros se vuelven locos,
me ha levantado las manos dos veces ya ii. Hace pipas delante mío
para provocarme iii. Tira en pelotas en el patio iv. Quiso quemar mi casa).
Al crespito centro de la discusión le brillan los ojos,
en ellos repite la hiedra de afuera. Imagínatelo en los cerros,
cómo reflejaría las luces naranjas de la noche:
indistinguibles las casas de las calles de los autos
su anemia de su quiste de su sífilis.
Con fruición toma mamadera
mira los pechos de quien vive con él, su aparente tía (informa
sobre ella el Servicio Nacional de Menores, SENAME:
fuerte sentimiento de abandono y soledad / con relaciones instrumentales, no
desarrolla vínculos profundos / axacerba sentimientos de tristeza).
Igual la tía tiene apoyo, no así la abuela (la de las cuatro citas sobre pastabaseros)
que mira a la ventana cada tarde
alerta para que su hijo no se aparezca.

 

Der Alexander

»Morgen tu ich ihr das Kind wegnehmʹ« letzte Worte des
cracksüchtigen Sohns an seine Mutter. (i. Die Cracksüchtigen drehen durch,
zweimal hat er schon Hand an mich gelegt ii. Er zieht Pfeifen vor mir
um mich zu provozieren iii. Er fickt nackt im Hof iv. Er wollte mein Haus abfackeln).
Am knisternden Diskussionsmittelpunkt funkeln seine Augen,
in ihnen wiederholt er den Efeu von draußen. Stell ihn Dir in den Bergen vor,
wie er die orangen Lichter der Nacht spiegeln würde:
ununterscheidbar die Häuser von den Straßen von den Autos
seine Anämie von seiner Zyste von seiner Syphilis.
Mit Genuss trinkt er aus dem Fläschchen
starrt auf die Brüste von der die mit ihm lebt, seine anscheinend Tante (über sie
                                                                               [sagt das Jugendamt SENAME:
starkes Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühl / mit instrumentalen Beziehungen,
Entwicklung tiefer Bindungen / verschlimmert Gefühle der Traurigkeit).               [keine
Immerhin hat die Tante Unterstützung, nicht so die Oma (die mit den vier Sprüchen
die jeden Nachmittag aus dem Fenster guckt                              [über Cracksüchtige)
alarmbereit, auf dass ihr Sohn nicht erscheine.

Übersetzung: Léonce W. Lupette

 


 

Tres meses sin la regla como los tres semáforos en rojo

Espera un hijo como quien espera el bus
a las cinco de la mañana. Un hijo
que morirá atropellado como Marco Antonio Vidal Parraguez,
muerte de la cual nos enteraremos quince días tarde.
El cuerpo un recipiente de pisco y líquido amniótico,
porque le parece obvio no haberse embarazado:
tres meses sin la regla como los tres semáforos en rojo
que Marco cruzó antes que tumbaran su cara de NN
viviendo mientras tanto.
Cuarenta y cinco años, calvo: treinta y cinco atendiendo
a esta familia que vota por el enemigo y cría
a quien quiere encamarse con la futura madre,
que de las drogas duras va y vuelve al alcohol
como un columpio con un niño.
Tu tenías uno, Marco, pero de eso nunca hablaste.

 

Drei Monate ohne Regel wie die drei roten Ampeln

Sie erwartet ein Kind, wie man um fünf Uhr morgens
auf den Bus wartet. Ein Kind
das tödlich verunglücken wird wie Marco Antonio Vidal Parraguez,
von dessen Tod wir erst zwei Wochen später erfahren werden.
Der Körper ein Behälter für Pisco und Fruchtwasser,
denn sie ist sich sicher, nicht schwanger zu sein:
Drei Monate ohne Regel wie die drei roten Ampeln
die Marco überfuhr, bevor sie einen Unbekannten begruben
während er weiterlebte.
Fünfundvierzig Jahre alt, Glatze: Fünfunddreißig davon diente er
einer Familie, die den Feind wählt und jemanden großzieht
der mit der zukünftigen Mutter ins Bett gehen will,
die zwischen harten Drogen und Alkohol schwankt
wie ein Kind auf der Schaukel.
Du hattest eins, Marco, hast aber nie darüber gesprochen.

 

Übersetzung: Sarah Otter

 

 


 

 

Polaca

De un pasado dudosamente noble
como todo pasado noble. Modzelewska por padre,
Wyrzykowska por madre. Es huérfana y de quince años,
mil novecientos treinta y nueve:
pide pega en la industria intervenida.
El patrón frisa los cuarenta, arrancan
juntos a Viena por los rusos. Por los celos de Müller cae presa,
acusada a los nazis para casarlo con su hermana.
Son más de tres los meses. La liberan los gringos, camina días a Salzburgo
y en la plaza tras una alarma ve correr a su jefe. – Papa!, chilla.
Se casan a escondidas para que nunca la bese en la boca.
Doméstica de su cuñado, duerme en la pieza de servicio
tal como en Chile. Donde trajo a Goethe
y un par de pilchas, para hacer del barquito de pesca
uno con capitán y marineros.
Un hijo. Viuda. Gatos. Perros. Pájaros
que huelen como ella o viceversa.
No está ni ahí con ver a sus nietos, le reclama mi padre.
Toco el timbre y no suena, grito y no responde,
seis perros gordos y furiosos ladran sobre la reja.

 

Die Polin

Ihre adlige Herkunft so zweifelhaft
wie jede adlige Herkunft. Modzelewska väterlicherseits,
Wyrzykowska mütterlicherseits. Sie ist Waise und fünfzehn Jahre alt,
neunzehnhundertneununddreißig:
sucht Arbeit in einer feindbesetzten Fabrik.
Ihr Chef geht auf die Vierzig zu, wegen der Russen
fliehen sie gemeinsam nach Wien. Müllers Eifersucht bringt sie ins Gefängnis,
er verrät sie an die Nazis, um den Chef mit seiner Schwester zu verkuppeln.
Es sind mehr als drei Monate. Befreit von den Amis läuft sie Tage bis nach Salzburg
und sieht bei einem Alarm ihren Chef über den Residenzplatz rennen. „Papa!“, schreit
Sie heiraten heimlich, auf den Mund küsst er sie nie.                                             [sie
Als Haushälterin ihres Schwagers schläft sie im Dienstbotenzimmer
genau wie später in Chile. Wohin sie Goethe mitnahm
und ein paar Klamotten, um aus dem Fischerbötchen
ein Schiff mit Kapitän und Matrosen zu machen.
Ein Sohn. Witwe. Katzen. Hunde. Vögel
die nach ihr riechen oder umgekehrt.
Für ihre Enkel interessiert sie sich kein bisschen, wirft mein Vater ihr vor.
Ich klingle, doch es schellt nicht, ich rufe, doch sie antwortet nicht,
sechs fette, wutschäumende Hunde kläffen hinterm Zaun.

 

Übersetzung: Johanna Schwering

 

Die drei Gedichte entstammen dem Band Rascacielos, México
D.F.: Limón partido, 2008.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954