# 007/ Captain Morgenstern


Ekstasen auf dem Letternfeld

Ein Fall poetischer Symbiose: Franz Mon und Carlfriedrich Claus.

Die Künstlerfreundschaft zwischen Mon und Claus dokumentiert ein Band, der
2013 im Kerber-Verlag erschienen ist. Den Briefwechsel (1959-1997)
beider Künstler in visuellen Texten und Lautblättern hat Michael Braun für karawa.net gelesen.

Diese beiden Dichter zeigen uns, wie man Sprache in Bewegung hält:  indem man die vorgefundenen Sprachelemente solange de-montiert und skelettiert, bis etwas Neues entstehen kann - bis neue, aufregende Konstellationen aus den Elementarteilchen der Sprache montiert werden können. Es ist ein Exerzitium der Sprachbesessenheit, ein heißer Tanz der Wörter, entfesselt von zwei  buchstabenverrückten Wortkünstlern, die als Gründerfiguren der experimentellen Poesie in die Literaturgeschichte eingegangen sind.. Franz Mon, der mittlerweile 88jährige Pionier der „Konkreten Poesie“ aus Frankfurt, begründete 1959 seine Künstlerfreundschaft mit dem in der Abgeschiedenheit des Erzgebirges lebenden Wort-Topographen und „Sprachblätter“-Künstler Carlfriedrich Claus. Gemeinsam war den beiden seelenverwandten Dichtern aus der Bundesrepublik und der DDR das Interesse an der Befreiung des poetischen Worts - nicht nur aus seinen politischen Instrumentalisierungen, sondern auch aus allen semantischen Festlegungen. Franz Mon,  mit bürgerlichem Namen Franz Löffelholz, arbeitete damals an „phonetischen Versuchen“ und an seinen „artikulationen“, die ihn alsbald berühmt machen sollten. Der in der DDR zunächst vollkommen isolierte Claus entwickelte „Schreibschriftgewächse und –Vibrationen“, die zwischen linguistischem Experiment und sprachmagischer Spiritualität oszillierten.  Der Briefwechsel der beiden Einzelgänger setzt 1959 ein und erstreckt sich über 315 Briefe und 38 Jahre, bis zum Tod von Carlfriedrich Claus im Mai 1998. An der Produktivität dieser Korrespondenz änderten auch die Sabotageversuche der DDR-Staatssicherheit nichts, die ab 1960 die Post von Carlfriedrich Claus kontrollierte und in vielen Fällen auch konfiszierte. Ab 1963 kam es immer wieder zu längeren Pausen in ihrem Briefwechsel, was nicht nur mit der beruflichen Doppelbelastung Franz Mons zu tun hatte – er arbeitete von 1956 bis 1991 als Lektor im Hirschgrabenverlag, einem Schulbuchverlag, den einst sein Vater gegründet hatte -–, sondern auch mit seinen wachsenden familiären Verpflichtungen. Im Februar 1962 wurde Franz Mon erstmals Vater von Zwillingen, und die Familie wuchs weiter in den kommenden Jahren.  

Bereits in den Anfängen ihres Briefwechsels gehen die beiden Sprach-Künstler gemeinsam und dann doch in unterschiedliche Richtungen über ein „Letternfeld“. Dieses „Letternfeld“, das die beiden Sprachkünstler  zwischen 1959 und 1962 auf verschiedenen Blättern erarbeiten, ist ein mit Sprachzeichen dicht bewachsenes Gelände, auf dem einzelne Buchstaben in Schreibmaschinenschrift richtungslos umherirren. Carlfriedrich Claus hat, wie er in einem Brief vom 16.9.1959 erläutert, zwei Vokalsysteme gekreuzt:  „gekippte“ Vokalelemente durchqueren und überkreuzen ein gleichlautendes Vokalsystem, das jedoch visuell aufrecht- und feststeht. Die Dynamisierung dieses „Letternfeldes“ versucht er mit Spiegelungen, Umkehrungen, vereinzelten „Verschluckungen“ und Simultanbewegungen der einzelnen Vokal-Gruppen zu erreichen. Bei Franz Mon sind es einzelne Worte und kleine Sinneinheiten, die in Schreibmaschinenschrift übereinander geschichtet werden, bis dichte Myzels und vokabuläre Wucherungen entstehen. In seinen „Insekt-Konsonanten“ von 1960 wählt Carlfriedrich Claus ein ähnliches Verfahren wie sein ästhetischer Kombattant Mon auf seinen „Letternfeld“-Blättern. Nur sind es bei Claus Feder und Tusche, die zum Einsatz gebracht werden. Dessen filigrane Graphomanie, entfaltet in kalligraphischen Ekstasen, ergibt in diesem und in vielen anderen Fällen ein Bild einer mystischen „Artikulation“, die Energiefelder in Schriftbildern und „Sprachblättern“ sichtbar macht. In dem fantastischen Briefwechsel zwischen Claus und Mon ist es meistens der im Erzgebirge abgeschiedene Claus, der in seinen Episteln Anlauf nimmt zu poetischen Exaltationen von ungeheurer Virtuosität. Seine überaus filigranen Beschreibungen der Montagetechniken Franz Mons lesen sich an vielen Stellen wie ein künstlerisches Selbstporträt. Die Buchstabengedichte Mons „schwirren, fliegen vibrierend im Traum“ – und erzeugen jene Sprachbewegung, wie sie für solche sprachmaterialistischen Kunststücke charakteristisch ist: „Ja, die diskontinuierlich Kernteilchen aussendende Textmaterie: sie strahlt über das semantische Erinnerungsfeld, das sie als ganzes in knisternde Vibration setzt ...…“. Und es ist auch eine „knisternde Vibration“, die von diesem unglaublich gedankenreichen und poetisch mäandernden Briefwechsel ausgeht, der insgesamt „die wuchernde, vegetativ-orientierte Zeichenverschlingung, -Auflösung und –Schichtung“, die den Sprachkunstwerken von Franz Mon und Carlfriedrich Claus eigen ist, auf sinnliche Weise sicht- und fühlbar macht.    

Der ungemein fruchtbare Austausch zwischen beiden Dichtern erreicht in den Jahren 1960 bis 1962 ihren Höhepunkt, als Franz Mon versucht, seinen neuen Freund zu einem „Vibrationstext“ zu animieren,  der dann tatsächlich später in „Movens“ gedruckt wurde, jener von Franz Mon und Walter Höllerer herausgegebenen Anthologie, die seit 1960 als Bibel der experimentellen Poesie verehrt wird. Und es ist dieser intensive Austausch der beiden Freunde, der sich schließlich zu einer „nahezu lautlosen Schwingungs-Symbiose“ ausweitet, einer faszinierenden künstlerischen Kollaboration, wie sie in der Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur fast ohne Beispiel ist. Bereits 1991 hatten Franz Mon und Carlfriedrich Claus einen gemeinsamen Band publiziert, „das wort auf der zunge“, in dem sich die Motive und Techniken der beiden Autoren immer wieder berühren und überlagern. In dem materialreichen Briefband wird nun auch die Affinität des Sprachkünstlers Claus zu mystischen und spirituellen Denktraditionen sichtbar, zur Verschmelzung von Ich und Schrift im „anderen Zustand“. „Lieber Herr Dr. Löffelholz“, so schreibt er am Silvestertag des Jahres 1959, „die Aura ihrer artikulationen, ihre Äthersphäre, der Hauch, der sie umweht – er gleicht irgendwie jener reinen Atmosphäre, in der man bei konzentriertestem Denken, nach Überwindung des eigentümlich lähmenden Null-, Mitternachtspunktes tritt ...…“. Und an anderer Stelle  betont Claus die geistige Nähe dieser Form von Sprachexerzitien zur Zen-Mystik: „...…ich glaube, das Experimentieren an sich, das Tun, das Blosslegen, das Ent-decken dieser Dinge, die Spannung, in der man ist, all das, was einen da plötzlich anblickt, -– das ist unser Weg zum SATORI.“ 

Wie klein und kleingeistig wirkt dagegen doch die Lyrik-Debatte dieser Jahre, die vom nimmermüden Walter Höllerer animiert wird und in der sehr schnell die „realistischen“ Dichter Oberwasser haben, die sich zwar eine große „Offenheit“ verordnet, aber konsequente Sprachreflexion weitgehend erspart haben. In einem seiner hellsichtigen Briefe, vom 18.9.1961, hat Carlfriedrich Claus die Defizite dieser Lyrik-Debatte in großer Klarheit und Prägnanz benannt: „Nichts ist real an diesen Realisten. Ihre Hände wissen nicht was durch sie durchgeht....davon, dass das Objekt Subjekt ist und immer mehr werden wird in der Herausprozessierung des >›innersten Kernes<‹, eben dass auch das Sprach-Objekt selbst auch auto-mobiles Subjekt ist, besser: es werden kann, davon hat man bei diesen Leuten ...… keinerlei Ahnung. Das ist der grundlegende Unterschied: einem Gedicht von Rühmkorf oder Hartung beispielsweise, oder Grass, kann man über den Buckel laufen: es zuckt sich nicht. Bei einem Text von Dir dagegen sind die einzelnen Worte empfindlich, reagieren – zucken zusammen, zurück, beginnen beim Lesen sich gegen den Leser zu wehren, oder aber ein folgendes zu arbeiten, sich um sich zu drehen, in den Leser hinein, hartnäckig, die anderen überwältigend, die nun ihrerseits stärker als vorher ihrer selbst bewusst antreten. In diesen Texten ist die Sprache nicht mehr nur Objekt, Medium, sondern ebenso Akteur, Subjekt, Subjekt, das gegen das Subjekt, den Leser, auch – zu kämpfen versteht.“    

Es zuckt und schwirrt und knistert und vibriert unablässig in diesen Briefen, die bis in die unscheinbarste Formulierung hinein aufgeladen sind mit poetologischer Erkenntnis. Diese begeisternden, beglückenden Briefe über die Materialität und Zeichenhaftigkeit von Sprache und Schrift, die sich Franz Mon und Carlfriedrich Claus zeit ihres künstlerischen Lebens geschrieben haben, sind unvergessliche Lektionen über die Elementarteilchen der Sprache.    

 

 

Ingrid Mössinger/Brigitta Milde bei (Hrsg.): ...…eine nahezu lautlose Schwingungs-Symbiose. Die Künstlerfreundschaft zwischen Franz Mon und Carlfriedrich Claus. Briefwechsel 1959-1997. Visuelle Texte. Sprachblätter. Bielefeld: Kerber Verlag, 2013, 250 Seiten, 48 Euro.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954