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Etwas aus Worten, aus anderen / nicht

Brigitte Oleschinski

 

Im Gerippe der Neon-Installationen, die nicht mehr leuchten, fehlen inzwischen ein paar Buchstaben, und was als Lichtquadrate unter Glas in den Boden eingelassen war, in dieser Wohnanlage mit ihren schrägen Verhauen aus Betonstreben, Balkonen, niedrigen Durchgängen und ein paar Schaufenstern, ist unlesbar geworden, das Glas blindgekratzt und von Kondenswasser zerperlt. Eigentlich kam ich vom Friedhof in der Nähe, einem Januarspaziergang über spiegelnde Eisflächen, die Grabsteine halb im Schnee versunken, die meisten davon keine dreißig Jahre alt: ELLA KRAUSE 12.11.1918 – 23.8.1985 UNVERGESSEN, und der kanariengelbe Zettel darüber, NUTZUNGSRECHT ABGELAUFEN. BITTE IN DER FRIEDHOFSVERWALTUNG – Plötzlich hatte ich mich an den Eröffnungsempfang erinnert, vor neun?, zehn? Jahren, Sekt und Häppchen in der Bäckerei, nur ein paar Straßen weiter. Erst erkannte ich den Eingang kaum. Hatte da nicht LITERATUR PASSAGE gestanden, über Kopfhöhe, auf asymmetrischen Blechwinkeln? Doch, die Blechwinkel waren noch zu sehen, die Verkabelung der Schriftzüge, verschiedene Texte in unvollständigen Zwei-, Drei-, Vierzeilern. Das also die Überreste der Lichtkunstobjekte, jetzt ohne Licht, mit denen die Kapitalgesellschaft damals ihren Mietern eine qualitative Aufwertung ihres Quartiers versprochen hatte, in hochrangiger Architektur, wie der Katalog sie nannte. Im Innenhof noch unversehrt die Tafel mit dem Lageplan. Darauf der Grundriss des langgestreckten, verschachtelten Hofdurchgangs und die Markierungen für jedes Objekt. Januarkälte. Nachmittagsstille. Jemand kommt aus dem Kellereinstieg herauf, mustert mich abweisend. Am höchsten Punkt der Anlage der Schriftzug KALLE UND SEIN VERSTECK: DIE ÖFFENTLICHKEIT –, auf der Dachkante eines Gebäudeteils, der in den Hof ragt wie ein verspäteter Schiffsbug. Adolf Endler, noch nicht postum. Der Kellereinstieg von einem Glaskasten überbaut, farbige Transparentfolien mit einer Wortcollage von Ulrike Draesner: AM I AN IMAGE FOR U. Ich stehe unter meinem eigenen Blechwinkel, sehe den Mann in einer Haustür verschwinden, neben der drei Stockwerke hinaufreichenden LED-Stele, auf der einmal senkrechte Silben von Oskar Pastior auf- und niederliefen. Lebte damals auch noch. Bei den Eröffnungsreden hatten dann unsere Mieter eher misstrauisch von den Balkonen herabgestarrt auf das Ansinnen, diese in ihrem Wohnblock applizierten Gedichte von zwanzig in Berlin lebenden, überwiegend sehr renommierten Dichterinnen und Dichtern als ur-urbanes Element städtischer Lebensqualität zu empfinden. Alles, bevor später die Kapitalgesellschaft in Konkurs ging und die Hauptgesellschafter zu Gefängnis verurteilt wurden. Ur-urban. Darauf muss man erstmal kommen.

Sehr kalte Zehen, sehr kalter Beton. Die Zehen wünschen sich längst wieder nachhause, in das Zimmer nebenan, in dem die Bücher des Linguisten wohnen und sein hellwaches Gehör. Wie mühelos wir uns treffen, wenn es um die anthropologischen Grundlagen der Sprache geht. Mühelos einig, dass homo sapiens sapiens als dichtendes Tier gelten kann. Einig, dass in der Poesie sich die elementaren Fähigkeiten der menschlichen Spezies verkörpern. Danach wird es unübersichtlicher. Des Linguisten Interessen zweigen ab in arkane Gebiete der Ethnologie, Phonologie, Kognitionsforschung, aus denen auf mich nur ein paar Funken überspringen, während er, ganz im Vorbeigehen, aus den Neuköllner Straßenklängen seine Spekulationen über die Wortbildungen, Syntaxregeln, regionalen Akzente von einem Dutzend Sprachen ableitet. Noch zu den entlegensten Schauplätzen im flüchtigen Fokus der globalen Nachrichtenströme kann er aus seiner Bibliothek eine vergilbte Monographie hervorziehen, in der ein Missionar oder ein Kolonialbeamter sich an Vokabular und Grammatik einer lokalen, vielleicht längst ausgestorbenen Überlieferung versucht hat. Die Funken reichen mir aber aus, um mit einer gewissen Andacht ins Allgemeine und Grundsätzliche zu denken. Erst mit der Sprache, sage ich mir dann, begann in den Tiefen der Evolution die Entwicklung von menschlichem Denken und Bewusstsein. Jedes Kind, sage ich mir, erlernt auch heute die unfassbar komplexen Operationen menschlicher Kognition auf derselben phylogenetischen Grundlage wie vor Zehntausenden von Jahren. Mit anderen Arten teilen wir die natürliche Umwelt, die Anfänge der sozialen Intelligenz, den Gebrauch von Werkzeugen. Aber im Spracherwerb wiederholt sich die irreduzible Wechselwirkung von Form und Bedeutung, worin Metapher und Metonymie, Klangzauber, Rhythmus, Sprachspiel und Evokation uns die Welt zugänglich machen, begreiflich und unbegreiflich zugleich, haltbar und flüchtig, auf Mitteilung aus und doch in keiner endgültigen Auslegung stillzustellen. Seit ihren Anfängen sind Sprache, Denken, Bewusstsein untrennbar verstrickt in Poesie.

Was ist ein Gedicht? – ETWAS AUS WORTEN, AUS ANDEREN / NICHT, biete ich manchmal an, oder den Standardsatz, dass jedes Gedicht seine eigene Poetik habe, was beides der Frage ausweicht; ungewiss, von wem sie überhaupt zu beantworten wäre. Keine zwei Dichterinnen, keine zwei Dichter arbeiten doch mit genau denselben Antrieben, Referenzen, Versuchsanordnungen. Keine zwei Leserinnen, Zuhörer, Rezipienten nehmen je dasselbe Gedicht auf dieselbe Weise wahr. Auch gibt es Implikationen, die sich in so einem Anderthalbzeiler – ETWAS AUS WORTEN, AUS ANDEREN / NICHT – öffnen wie Klapptüren. Die Unterscheidung zwischen den Pluralformen Worte und Wörter, zum Beispiel, semantisch versus generisch. Oder die Entschiedenheit, die ich immer stärker dem NICHT zuweise: AUS ANDEREN / NICHT, womit ich ganaz und gar nicht meine, es gebe Wörter oder Worte, die von sich aus in kein Gedicht gehören, sondern nur, dass jedes Gedicht mehr Worte und Wörter verwirft als es annimmt, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Gedichte sind überhaupt eigensinnig, das halten wir für ihre conditio sine qua non. Weshalb die Klapptüren, die sich hinter Definitionen (oder Definitionsversuchen) öffnen, andere sind als die, die sich hinter, unter, über Gedichten öffnen. Definitionen führen in Diskurse, Gedichte werweißwohin.

Die Einladung zur Kunst am Bau in Weißensee las ich damals in einem indonesischen Internetcafé, zwischen langen Hin- und Rückflügen von Tropenhitze in Schmuddelwinter in Tropenhitze. Das Internetcafé war eine winzige klimatisierte Schachtel mit einem Dutzend Computerplätzen, zwischen Garküche und Motorradwerkstatt, Bretterverschlägen links und rechts, bröckelnden Betonfassaden darüber, die Straße ein Geschiebe aus Menschen, Mopeds, Autokühlern, Fahrradtaxis, der Lärm ungedämpft hinter der bläulich abgeklebten Scheibe, Essensgerüche, Auspuffgestank durch die oben ausgesparten Luftschlitze. Lichtinstallationen aus Gedichten also, schlug die Einladung vor, was mir vorkam wie halb ein Bogenschlag zurück zu 'in Stein gehauen', 'in Ton geritzt': den ersten in Schrift fixierten Überlieferungen, die die Poesie einst ablösten von Stimme und Gedächtnis und sie bannten in Inschrift, Epitaph, Epigramm. Halb schien es auch ihre Überbietung um den Faktor Neon und LED. Aber warum nicht? Es mangelt im öffentlichen Raum nicht an schriftlichen Zeichen, von denen noch die banalsten sich unversehens mit poetischer Evidenz aufladen können. RESTPOSTEN WELT sehe ich jedesmal, wenn ich aus der Haustür komme, neben der Kneipe BLACK OUT, der Markise GLÜCKSKÄFER, dem Schild LÖSCHWASSERSTUTZEN. Warum das nicht verstärken, zuspitzen, zurückerobern für heutige Gedichte? Gestaltet von einem professionellen Designteam. Innovativ kuratiert von der literaturWERKstatt berlin. Anschlusszüge zur Semiotik, Texttheorie, Rezeptionsästhetik, Stadtentwicklung vom selben Bahnsteig.

Manchmal träume er, sagte neulich der Linguist, es gebe seit Anbeginn der Menschenzeit ein vollständiges Archiv, in dem jede jemals auf Erden gesprochene Sprache aufgezeichnet wäre, jeder Laut, jede Äußerung, jeder Kontext eines Sprechakts. Ich fühlte mich erinnert an Borges' Karte des Reiches 1:1, aber ich habe mich schon bei ähnlichen Träumen ertappt, wenn ich mit Google Earth genau auf meinen Balkon hinunterschaute. Das Bild zeigt seinen Umriss, sehr körnig in dieser Auflösung, aber doch genau zu bestimmen, und einen hellen Fleck auf dem Balkon, der durchaus ich selbst sein könnte. Das Datum der Aufnahme ist bekannt, die Schatten zeigen die ungefähre Uhrzeit, es wäre möglich. Woraus weiter nichts folgt, im nächsten Augenblick werde ich hineingegangen sein, zurück zum Schreibtisch, und die drei Fußgänger unten auf dem Bürgersteig haben sich weiterbewegt, die Autos auf der Straße sind auf die Ampel zugefahren, haben angehalten oder nicht, die Ampel war grün oder rot. Dieser eingefrorene Moment ist als Moment nicht interessant, nur bestimmt durch seine geographische Lage und den zufälligen Überflug der Kamera. In Sekundenbruchteilen aber kann ich jetzt den Blick hochziehen, der Zoom lässt Berlin unter sich zurück, Deutschland, Europa, schon sehe ich uns als winzigen Fortsatz am Rand des asiatischen Kontinents, kann den Globus in jede beliebige Richtung drehen, die halbvergessenen Blicke wiederherstellen, wenn ich während eines Fluges aus dem Fenster schaute, auf die nächtlichen Blitze über dem Hindukusch, ein Gewitter über Kaschmir, die Landebahn in Singapur, und dabei eins meiner Gedichte memorierte für den nächsten Auftritt, bei dem das gedruckte Gedicht nur noch eine Partitur sein sollte für das, was ich, aus einer inneren Notwendigkeit, vor einem anwesenden Publikum aus dem Gedächtnis sprechen wollte, obwohl es dieses selbe (oder eben nicht mehr selbe) Gedicht auch auf einer gedruckten Seite gibt, eingefroren wie der helle Fleck auf dem Balkon. Ein paar Zeilen also, gedruckt und für immer abgetrennt von allem, was ich darüber wüsste oder nicht wüsste, selbst wenn ich auch noch ihre spezifische Geschichte beisteuern wollte, Vorstufen, Anekdoten, die Prozesse und Kondensationen, die zu jenem bestimmten Gedicht geführt haben, und nun stelle ich mir die Lesenden vor, die zufällig auf diesen einen hellen Fleck starren wie ich auf die letzten Inseln zwischen Sumatra und Java, im Anflug auf Soekarno-Hatta, und zoome hoch auf eine Karte aller jemals entstandenen Gedichte, in allen Sprachen der Erde, und müsste natürlich nicht nur die niedergeschriebenen Gedichte meinen, sondern auch alle jemals irgendwo im menschlichen Raum-Zeit-Kontinuum entstandenen mündlichen Gedichte, die nur in Rezitation und Wiederholung überliefert wurden, wenn überhaupt: ein Globus der Poesie, der sich dreht und dreht und dreht, durch die Jahrtausende menschlichen Sprechens, Dichtens, Schreibens.

Tatsächlich war ich um diese Zeit in die entgegengesetzte Richtung unterwegs, weg von der hochverdichteten Schriftlichkeit jedenfalls und hinein in den flimmernden Dschungel aus erster und zweiter Oralität, vorwärts oder seitwärts oder zurück in die Praxis des poetischen Sprechens, eine Auseinandersetzung mit Stimme, Atem, Publikum in Echtzeit, den ursprünglichsten Techniken und Bedingungen aller Poesie. Das Schreiben denkt sich diese Bezüge bloß noch aus, eingezwängt in die Konventionen des literarischen Diskurses. Singen und Sagen, nur ohne Singen und Sagen. Oder eher ein jahrhundertelanger, schwer fassbarer Übergang von der Nachschrift, die noch ganz von Diktat und Gehör bestimmt war, zu den allein aus Schrift sich bildenden Gedichten, die von ihrer Textgestalt gar nicht mehr zu trennen sind. Ich wollte mich dazwischen allerdings nicht entscheiden müssen, sondern lieber ausprobieren: Was passiert mit meinen hochverdichteten Zeilen, wenn sie wieder mit Tanz und Musik verknüpft werden, verflüssigt zum Beispiel in einer Überblendung von alten javanischen Theaterformen mit postmodernen Crossover-Ambitionen? – Ja, was? Zehn Jahre später, frierend unter dem Blechwinkel in Weißensee – Ü.ER / DI. .US DEN FE..ST.RN STÜRZE..DE. KOMMAS, KLEIN / WI. MENS.H .N, K..NS –, glaube ich längst nicht mehr, dass die helle Magie dieses Experiments wirklich im multimedialen Bühnengeschehen entstand. Oder sich von dort dem Publikum so mitgeteilt hätte, wie ich sie damals empfand. Prägender erscheint mir im Rückblick etwas anderes. Noch flüssiger und flimmernder nämlich als das Bühnengeschehen waren die Organisationsabläufe dahinter, die Beschaffung von Zuschüssen und Projektmitteln, die Proben und Reisen in wechselnden Ensemble-Zusammensetzungen, die mäandernde Kommunikation in einem Pidgin aus Englisch, Deutsch, Indonesisch und Body Language, wo selbst die Körper noch ihre Idiolekte hatten, die bloßen Stimmklänge, das Essen, die Nelkenzigaretten, die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten von zehn, zwölf, fünfzehn Leuten auf engstem Raum.

Was mache ich dann hier, in dieser Randzone von Mischbebauung, Gewerbekomplexen, ausgedehnten Kleingartenkolonien? Aus dem Haus getrieben von einer vertrauten Unruhe, die es drinnen nicht aushielt, eingesperrt wie mit einem fremden Wesen. S-Bahn, Straßenbahn, irgendwie verlief ich mich auf der Suche nach dem See, geriet auf den Friedhof, kam herüber in die Passage. Irgendwas stimmt nicht mit dem Gedankengang, den ich im Sinn hatte. Selbst wenn es wahr wäre, dass ich nachsehen wollte, wie es den Inschriften in der Wohnanlage ergangen ist, dem … KIPPEN, KLAPPEN … WEISSEN- / SEELENLEBEN … in Ursula Krechels Lichteck, weiter hinten im Hof, und zurück zum Eingang, mich erinnernd an … VON STÜRMEN ÜBERDACHT / DAS TELEFON: ZWEI ZIMMER IN DER NACHT … in Jan Wagners erloschenem Neonwinkel. Allein schon, wie dabei das unvollständige Wiederfinden übergeht in ein noch unvollständigeres Zitieren, die Amputation ganzer Zeilen, wenn ich doch beständig von Gedichten so figürlich rede, als wären sie durchaus wesenhafter als bloß ETWAS AUS WORTEN, AUS ANDEREN / NICHT –, eher (aber das nur wieder gedacht, und überrumpelt, hier, wenn es sich im Baukörper materialisieren soll): eher also etwas im Raum Schwebendes, durchsichtig, anwesend, dreidimensional, ein pulsierender Schwarm von atmenden, flimmernden Bedeutungen, vom Sprechen wie vom Schreiben gleich weit entfernt.

Du hättest ihn fragen können, sagt plötzlich Senf, die ewige Stimme im Hinterkopf: Den Mieter. Wie es sich so wohnt unter den Gedichten. – Ich habe angefangen, die anderen Texte zwischen den Bodenplatten zu suchen, ein blindes Quadrat und noch eins und noch eins. – Hätte ich können, ja. Hätte ich vielleicht sogar sollen. Wer weiss, mit wieviel Cent seiner Miete er diesen Wohnwert plus bezahlt, ohne ihn bestellt zu haben. Unwahrscheinlich, dass er sich überhaupt für Gedichte interessiert. Oder dass wir über dasselbe reden würden, wenn wir uns darüber unterhielten. Gedichte? Hat er schon in der Schule gehasst. Komische Wörter, so mit Reim, Vers, Strophe. Auswendiglernen. Gefühle. Könnte man doch einfacher haben. Obwohl, so im Hiphop, mit Musik. Oder mal 'n Liebesgedicht, stehen die Frauen total. Neulich, Kumpel zum Geburtstag. War der absolute Brüller. Das kann ich mir in beliebigen Variationen ausdenken, bildungsfern oder bildungssatt, und stünde doch jeweils nach wenigen Denkschritten mit dem Rücken zur Wand, in jener Ecke, in der ich immer die Poesie im Ganzen verteidige, um (wem?) den Einzelfall überhaupt begreiflich zu machen. – Gut, dass du nicht, sagt Senf. Hätte der Mann nicht ahnen können, was ihn da tritt.

Solange es die im 19. Jahrhundert wiedergeborene Idee eines normsetzenden Kanons gab, der (scheinbar) allein nach ästhetischen Kriterien bestimmte, was jeweils in einer Kunstform als state of the art zu gelten hatte, ließen sich auch poetische Spitzenleistungen nach genretypischen Maßstäben hierarchisieren oder ihr ästhetisches Potential in Denkfiguren wie 'verkannte Außenseiter', 'neue Stimmen', 'die Zukunft der Poesie' verhandeln, oft in Abgrenzung zu den volkstümlicheren Bedürfnissen eines Publikums, das noch an angeblich abgesunkenen oder überholten Stadien dieser Kunstform festhielt. Es gibt diesen Bescheidwisser-Gestus immer noch, der sich in den Mustern einer systematischen Kritik mit der historischen Herleitung und Einordnung von Dichtung befasst. Er ist unfassbar spezialisiert auf Vergleiche und Überblicke, aus denen er nicht nur eine Art Artengeschichte der Poesie abliest, sondern auch Regelpoetiken jedweder Ausrichtung, Theorien zu Sinn und Zweck von Poesie überhaupt, ästhetische Anforderungen und Aufgabenstellungen, und, natürlich, die kanonischen Hierarchien, Gegnerschaften und Urteile. Als Gestus hat er sich im späten 20. Jahrhundert sogar noch verschärft, glaube ich, in den grenzenlosen Träumen der Diskursanalyse und ihrem ins schiere Delirium extrapolierten Archiv von Differenzierungen, Auslegungen, Überschreibungen, die immer neue Ablagerungen produzieren, Ableitungen von Ableitungen und Ableitungen von Ableitungen von Ableitungen, bis darin die Idee eines Kanons sich ins gänzlich Absurde verflüchtigt.

Diese Hintergrundstrahlung von Kanon und Diskurs ist nicht verschwunden, aber die Parameter eines state of the art bestimmt heute in praktisch jeder Kunstform ihre Professionalisierung. – Aha, sagt Senf. Vielleicht sagen es auch die Zehen. – 'Professionalisierung' meint nicht einfach Business, sage ich. Viel, viel komplexer. (Was zu beschreiben wäre.) Dann gerate ich wieder in ein Gedankenspiel, an dem ich schon öfter herumgesponnen habe: Was würde sich ändern, wenn wir Gedichten das Potential zu einem 'Business' überhaupt zutrauten? Die Rede von der sterbenden Gattung verdeckt doch nur, dass bisher niemand einen Weg gefunden hat, sie im eigentlichen Sinne zu kapitalisieren. Es gibt keine (globale) Megaseller- oder Blockbuster-Industrie für zeitgenössische Dichtung. Viele andere Künste arbeiten unter dem Damoklesschwert einer Return-on-Investment-Ratio, weil sie im ökonomischen Horizont der weltweiten Medien- und Unterhaltungskultur(en) als Profitquelle mit Millionen- und Milliardenumsätzen in Frage kommen. Auch wenn dieselben Sparten – Filme, Musik, bildende Kunst, Tanz, Theater, Bücher – als 'kulturelle Ausnahme' in viel kleineren Märkten und Untermärkten produziert werden, bis hinab in die Nischen der Off-Szenen und der Subventionsreservate, in denen eher die Umwegrentabilität von Aufmerksamkeitsökonomien gilt als der reine Primat einer endverbrauchergenerierten Rendite, stehen sie unter demselben Druck. Nur Gedichte gehören in der ubiquitären Marktlogik gar nicht erst dazu. Nirgendwo. Ihr bösartigster Schatten ist nationalistischer Kitsch, nicht Geld. – Quod esset …, als ein Murmeln in Bodennähe. – Ist das denn nicht ihre größte Freiheit?, fragt erwartbar die Gegenfrage. Weltprojekte auf kleinstem Raum. Geringer Investitionsbedarf. Kaum Ressourcenverbrauch. Ein einzelnes Wirtstier, das sparsam unterhalten werden kann. Die Ansprüche mögen weiter reichen (Lehen, Gelage, Nachruhm), scheinen aber de facto verzichtbar. Kleines Ambiente genügt.

Einmal, erinnere ich mich, geriet die Ankunft der REPUBLIC OF PERFORMING ARTS-Truppe am Bremer Flughafen zur Stummfilmparodie. Hinter der Glasscheibe der Ankunftsschleuse sammelten sich die Grenzschützer wie Wespen um einen Pflaumenkuchen, ein halbes Dutzend und mehr, die anfingen, in Walkie-Talkies zu husten, Gepäckstücke zu öffnen, Theaterrequisiten aus den Koffern zu zerren, fremdartige Instrumente. Die Ankömmlinge, von schwirrenden Uniformen und unverständlichem Deutsch bedrängt, gingen zu pantomimischen Erläuterungen über, die noch mehr Argwohn erregten. Drei javanische Binsengeflechte? Der Regisseur imitierte einen Fisch. Einer der Beamten, in Schutzweste und anderthalb Köpfe größer, griff in eine Tasche und prallte zurück vor einer blutroten Maske. Der Komponist, zwei Tänzer, die Sängerin reichten hinterm Rücken ein Paket in die schon durchsuchten Koffer zurück. Das Gastgeschenk: die nicht einfuhrfähige Delikatesse. Von jenseits der Scheiben gestikulierten wir mit den Begleitpapieren, der offiziellen Einladung des Festivals POETRY ON THE ROAD. Vergeblich, denn unter den Beamten, erfuhren wir später, war niemand, der das Wort Poetry verstanden hätte. Wegen der Fischpantomime habe schließlich jemand in der Bremer Hafenverwaltung angerufen und nachgefragt, was sie mit einer Gruppe indonesischer Seeleute anfangen sollten.

Die Unruhe ist eigentlich ein Unbehagen. Oder ein Ungenügen, weil das Nachdenken sich so anstrengt, rückwärts etwas zu begreifen, statt vorwärts zu entwerfen. Im Zeitempfinden des mittleren Alters sind zehn Jahre keine lange Zeit. Die Projekte von vor zehn Jahren aber wirken ferngerückt, nicht nur im Verblassen ihrer Ergebnisse, sondern oder erst recht in ihren Voraussetzungen. Selbst wenn sie damals darauf aus waren, zeitgemäße(re) Anwendungen für Gedichte zu entwickeln. – Dieser Nachdruck auf dem 'Zeitgemäßen'. Als sei das Jetzt etwas unbezweifelbar Überlegenes, ausgewiesen zugleich als Vorschein von etwas noch viel Kommenderem. Auf der Höhe der Zeit …, konnte ich in den Neunzigern sagen, und schleifte damit das Avantgarde-Pathos der Moderne an die Schwelle des digitalen Zeitalters, ohne (in eigener Sache) überhaupt im Pop-Paradigma haltzumachen. Die Frage nach Reichweiten, Einfluss und Publikum beschäftigte mich unter der Prämisse, dass Gedichte davon offiziell ausgenommen schienen. Nicht zu ihrem Besten, dachte ich seinerzeit. In der Buchbranche ging das McKinsey-Gespenst um, das Antidot für die Autoren aber hieß: Professionalisierung!, so, als gelte für die erste Generation, die mit dem Computer schrieb und das Internet nutzte, die Verheißung einer neuen Form der Selbstermächtigung. Eine magische Konvergenz von Technik, Theorie, Design. Interkulturelle, transnationale Synergien. Cross-over von überall nach überall, weil an den Schnittstellen plötzlich Geld verdient wurde, nach dieser frisch erfundenen Methode, aus Hype und Konzepten neue Nullen hinter ins Blaue extrapolierten Zahlen zu generieren.

In der neueren Poetik geht es im Kern nicht mehr um das einzelne Gedicht, sondern um die erweiterten Produktionsbedingungen eines dichterischen Prozesses, der längst nicht mehr glaubt (nicht mehr glauben kann?), in der allein gültigen Form des Gedichtkonvoluts zu sich selbst zu kommen. Wobei die Vorstellung vom fertigen, in seine eine und einzigartige Gestalt gebannten Gedicht vielleicht immer schon ein Trugbild war. – Hier blinzeln die Fremdkörper ein wenig, scharren mit ihren fußlosen Füßen. – Aber auch die Idee von der straff gespannten Leine zwischen dem poetischen Impuls einer Dichterin, eines Dichters und dem fertigen Gedicht erzeugt folgenreiche Schlüsse. Einer könnte die urheberrechtliche Zurechenbarkeit sein, die sich in beide Richtungen versteht, als genuiner Schöpfungsakt des Gedichts durch ein (ausgezeichnetes) Subjekt und die zweite Geburt des Subjekts (als Dichterin, Dichter) durch sein Gedicht. Nichts hat solche Schlüsse stärker befördert als der Primat der Schrift in allen Dingen, in denen ein Lied schläft oder ein Gott. Nichts verändert sie inzwischen so radikal wie die Allgegenwart der Datenschatten. Oder was immer die post-post-postmodernen Verhältnisse letztlich in Bewegung gesetzt hat, in denen ich herumstehe und bedeutungsvoll friere.

Texte als Installationen im öffentlichen Raum. Die Stimme vor Publikum. Spoken Poetry. Publikum überhaupt, Resonanz, Investitionen in die Resonanz. Die Auseinandersetzung mit den Eigengesetzlichkeiten von Bühne und Performance. Eigensetzlichkeiten überhaupt. Medienexperimente aller Art. Ausfälle in die funktionalen Systeme von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Unterhaltung. Werkzeuge gegen die angebliche Logik von Sachzwängen, die im Newspeak der Gegenwart Rendite, Austerität oder Warenform heißen. – Hmh. Das soll nun neu sein? Neueste Poetik? Über die bekannten Klimmzüge an den Rändern von Buchmarkt, Eventkultur, Kulturbetrieb hinaus? Von der ästhetischen Kläglichkeit der Klimmzüge oft gar nicht zu reden … – Aber das ist es ja!, sage ich. Wenn wir keine eigenen Ansprüche, Maßstäbe, Ambitionen für die Klimmzüge entwickeln, ist ETWAS AUS WORTEN, AUS ANDEREN / NICHT bloß eine schöne Formel. Durchsichtig. Offen. Leer. Was wir brauchen, ist eine ganz andere Infrastruktur. – Na dann, sagt Senf.

Da stehen wir noch, in diesem Betonverhau in Weißensee, diesem Satzverhau zwischen Kippen, Klippen, Klapptüren, direkt vor dem Lichtkunstobjekt, in dem von Elke Erb zu lesen wäre, unter Schneerest und blindem Glas: … DIE ZEHEN DES RIESEN SIND KEINE HÜTTEN / & WENN ER DEN FUß WIEDER AUFHEBT / VERGANGEN –

 


 

Der Aufsatz erscheint 2013 in der von Norbert Lange herausgegebenen Anthologie Metonymie. Ein offenes Ohr – Zum Sprechen in geschlossenen Räumen (Verlagshaus J. Frank).



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954