# 008/ Lichte Verbrechen


Guillaume Apollinaire in der Santé

Guillaume Apollinaire in der Santé. Von Hans Thill

 

Géry Pieret, ein Freund aus dem Jahr 1904, als Apollinaiapore, zurück von seiner Deutschland-Reise, sich in Paris als Bankangestellter versuchte, musste sich in den folgenden Jahren mit kleinen Betrügereien über Wasser halten. Er ist Vorbild des Baron D´Ormessan im Erzählungsband Erketzer & Co. Im Jahr 1907 entwendete er aus dem Louvre zwei antike Statuetten, die er unter Vermittlung von Apollinaire an Pablo Picasso verkaufte. Es war ein großzügiges Angebot an den Künstler, die beiden Statuen kosteten ihn nur 50 Francs. 

 

Pieret war ein richtig guter Freund Apollinaires, einer der wenigen, der ihn in Briefen duzen durfte. Als am 21 August 1911 die Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen wird, geriet Pieret in die Fänge der Justiz und gestand seinen Diebstahl der Statuetten. Pieret wohnte gerade für einige Zeit bei Apollinaire. Picasso wollte nun das Diebesgut rasch loswerden, zusammen mit Apollinaire ließ er die Statuetten der Zeitung Paris Journal zukommen. Am Abend zuvor hatte man sie in einen Koffer gepackt und vergeblich versucht, diesen in der Seine zu versenken. Die Statuetten wurden nun in Zeitungspapier eingewickelt und heimlich der Redaktion übergeben. Das Vorgehen der Beiden war so ungeschickt, daß der Verdacht rasch auf Apollinaire fiel, der am 7. September 1911 festgenommen wurde und fünf Tage in Haft verbringen mußte. Eine Aufnahme vom Haftprüfungstermin zeigt den Hünen Apollinaire, stramm stehend und sehr verlegen an einen Polizisten gefesselt, die Handschellen mit einem hellen Hut verbergend. Durch Unterstützung seines Bruders Albert und einiger Freunde aus der Bohème gelang die Freilassung am 12. September. 

 

 

Pablo Picasso hat sich in dieser Zeit bedeckt gehalten. Seine großes Interesse an den Statuetten rührte vielleicht auch daher, daß es iberische Kunstwerke waren. Später wird er diese Affäre zu einer Anekdote verfälschen und damit seine Freund ein zweites Mal verraten: »Erinnern Sie sich an die Affäre, in die ich verwickelt war? Als Apollinaire zwei Statuetten aus dem Louvre gestohlen hat? Es waren iberische Statuetten .. Schauen Sie sich mal die Ohren der Demoiselles D´Avignon an, dann werden Sie sehen, daß es die Ohren dieser Statuetten sind.«

Die Erfahrung einer demütigenden Haft verarbeitet Apollinaire in einem Zyklus von sechs Gedichten mit dem Titel In der Santé, das er in seine Sammlung Alkohol aufgenommen hat. 

 

 

 

 

A la Santé

Guillaume Apollinaire

 

I

 

Avant d’entrer dans ma cellule

Il a fallu me mettre nu

Et quelle voix sinistre ulule

Guillaume qu’es-tu devenu

 

Le Lazare entrant dans la tombe

Au lieu d’en sortir comme il fit

Adieu Adieu chantante ronde

Ô mes années ô jeunes filles

 

II

 

Non je ne me sens plus là

Moi-même

Je suis le quinze de la

Onzième

 

Le soleil filtre à travers

Les vitres

Ses rayons font sur mes vers

Les pitres

 

Et dansent sur le papier

J’écoute

Quelqu’un qui frappe du pied

La voûte

 

III

 

Dans une fosse comme un ours

Chaque matin je me promène

Tournons tournons tournons toujours

Le ciel est bleu comme une chaîne

Dans une fosse comme un ours

Chaque matin je me promène

 

Dans la cellule d’à côté

On y fait couler la fontaine

Avec le clefs qu’il fait tinter

Que le geôlier aille et revienne

Dans la cellule d’à coté

On y fait couler la fontaine

 

IV

 

Que je m’ennuie entre ces murs tout nus

Et peint de couleurs pâles

Une mouche sur le papier à pas menus

Parcourt mes lignes inégales

 

Que deviendrai-je ô Dieu qui connais ma douleur

Toi qui me l’as donnée

Prends en pitié mes yeux sans larmes ma pâleur

Le bruit de ma chaise enchainée

 

Et tour ces pauvres coeurs battant dans la prison

L’Amour qui m’accompagne

Prends en pitié surtout ma débile raison

Et ce désespoir qui la gagne

 

V

 

Que lentement passent les heures

Comme passe un enterrement

 

Tu pleureras l’heure ou tu pleures

Qui passera trop vitement

Comme passent toutes les heures

 

VI

 

J’écoute les bruits de la ville

Et prisonnier sans horizon

Je ne vois rien qu’un ciel hostile

Et les murs nus de ma prison

 

Le jour s’en va voici que brûle

Une lampe dans la prison

Nous sommes seuls dans ma cellule

Belle clarté Chère raison

 

Guillaume Apollinaire, Alcools

 

 

In der Santé

 

Erst habe ich mich nackt ausziehen müssen

Dann kam ich in die Zelle hier

Ach düster heulte das Gewissen

Guillaume was wurde nun aus dir

 

(deutsch von Johannes Hübner)



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