# 008/ Lichte Verbrechen


Iain Sinclair: GEISTERMILCH

Iain Sinclair

 

[Text in English]

GEISTERMILCH

 

Klar gibt es Demokratie, die auf Sklaverei gründet. Das

griechische Modell halt. Und das funktioniert auch gut … 

Ed Dorn

 

Nach dem Nachtsturm den Halt verlieren,

am Hang aus feuchtem Kies, schlittern bis

zur zerbrochenen Spier, pechschwarz, Blut lackt daran,

bittere Nägel alter Geschichte, so viele Feuer-

seelen, 133 nimmt man an, über Bord geworfen, Ketten

als Ballast, auf hoher See, durch unterirdische

Höhlen und Täler zu irren, verloren in versunkenen Bergen,

falsche Pflanzen locken die vom Salz blasige Zunge.

Der Verkauf der Zeitungsfrau am Bahnhof

brachte 4500 Pfund: ein Käufermarkt.

Lebte mit ihrer Mutter und zwei ungeplanten Kindern

in Litauen, ein Wohnsilo, immer kaltes Wasser,

ein Angebot im Ausland, wählte den freien Markt.

Verladen. Verschoben. Wie Vieh. Vergewaltigt.

»Im Schnitt hatte ich mit 15 Männern am Tag Sex.

Wenn das Geschäft gut lief und es juckte

der Stadt unter der Haut, konnte ich 37 in einer

12-Stundenschicht bedienen. Ich wurde nicht oft geschlagen.«

»Ein ganz normales Geschäft«, meinte der Zuhälter.

»Das Gesetz von Angebot und Nachfrage.«

 

 

2

Wie kann der Schenkende des Kaufmanns Glück ermessen? 

William Blake

 

Geologie geht der Ökonomie voraus wie Winterflut

an einer Kreideküste im Süden 

schwarze Steine auf die nackten Strandwiesen sät.

Stures Wiederholen erstickt den Zorn, macht aus Verbrechen,

die zu preisen wir beschlossen, palliative Geschichten.

Englands Klippen, diese senkrechten Knochenäcker

»wo die Ebbe auf mondbleichen Sand trifft«,

verbergen Scharen Verblichener, namenlos, spurlos.

Sie bluten reines Wasser und wirken in erhaltenen Ladungslisten 

wie reihenweise Maden, die ein eisernes Surfbrett befrachten.

Edinburgh hatte geologisch gesehen Glück, martialisch

mit Kirche und Feste, ein felsiger Auswurf vulkanischen Basalts:

Garnison, Königsburg, Kriegsgefangene im Fels begraben.

 

In den geschützten Sandsteinausläufer graben sie, 

die Unsichtbaren, zerlumpten Importe, die zwangsläufigen

Begleitschäden: arbeitende Kinder, bucklige Frauen,

lohnlose Sklaven. Jede Brücke ein Unterschlupf, feuchte Keller

leuchten im Talglicht der Menschen wie ausgehöhlte Schädel.

»Kleine Jungs wurden genommen, um tief unter Tage

an Feuerklappen zu wachen, die die langen

dunklen Tunnel unterbrachen. Selbst als aus Reformen

Gesetze wurden, änderte sich an den Bedingungen

in den Minen kaum etwas. Geld war zu billig.«

 

 

3

Die Sklaven werden ihre Herren verkaufen und sich Flügel wachsen lassen.

 

Besser kaufen als brüten: das reiterlose weiße Pferd

mit seiner Windharfe aus tönenden Rippen

taucht auf aus einem Meer aus Kristall. Ein Knochenmann

goldbetresst, ein Jockey voller Troddeln und Litzen, Keim

der Revolte, hebt ein flammendes Schwert und stutzt Melonenköpfe, 

Mondgesichter auf der Plantage, gesunde Zähne abgeschliffen

für den gelobten Zucker. John Gabriel Stedman , ein Söldner,

heuerte für sein Narrative of a Five Years’ Expedition Against

the Revolted Negroes of Surinam from the year 1772 to 1777 

den Kupferstechergesellen William Blake aus London an,

um die Ernte des Grauens einzubringen, verbranntes Fleisch,

blutgedüngte tropische Vegetation, Amateurkreuzigungen.

Und die »schöne Mulattin, das Sklavenmädchen« Joanna,

das Stedman heiratet und ihm einen Sohn gebiert. 

Vom düstren Tarot der Bilder zerrissen, notiert der Kolonist,

als er London besucht: »Mrs. Blake eine Kruke Zucker geschenkt. 

Des Königs Kutsche beschimpft. Traf 300 Huren auf der Strand.

Französische Gefangene kehren heim. Abershawe & Co. gehängt. 

Meerjungfrau gesehen. Russische Flotte versenkt. Zwei Tage bei den Blakes. 

Invasion von Quiberon gescheitert. 188 Émigrés hingerichtet. 

Blake überfallen & ausgeraubt.« Der arbeitende Künstler, versklavt vom

Mäzenatentum, legt den Grundstein für die Fabrik am Ufer der Themse.

Der Impuls ist verschlüsselt Teil unsrer DNS, dieser schlüpfrigen 

Trosse genetischer Imperative: überfalle, übe Gewalt,

raube und rechtfertige. Geheime innere Sippschaften, unsre Erinnerung,

verkettet, wie unter einem Joch aneinander geschirrt, um durch Wüsten zu pilgern. 

Sie folgen einem malariaverseuchten Fluss zu einem roten Fort, hungrige Gischt.

Vergiss nicht: »Wir entstammen der Erde.« Die Anmut, mit

der ihre Körper Raum greifen, ist künftiger Krieg. Dschungel

wandern. Schmerz vervielfältigt sich. Bestand hat bloß das Geschäft. 

»Ende der 1820er hielt man den Zucker von Sklavenplantagen 

weithin für unwirtschaftlich.« Das System lohnte sich nicht.

Besser, man erlaubte freien Wettbewerb und ließ Steuermissbrauch

gedeihen, wo er mochte. Elizabeths königlicher Sklavenhändler,

Sir John Hawkins, Seefahrer und Pirat, gründete ein Armenhaus

in Chatham, das noch immer steht. Die Themse bleibt

ein komplizierter Strom aus Geld, Kreditbriefen und

Handelsanweisungen. Der Sitz der Port of London Authority

mit seinen Fossilen und steroidalen Standbilder macht nun in

Rückversicherungen, Risiko, Powerfrühstücken. Gewinnanteil fix.

 

 

»Die Sklaven hatten sich schneller als die Moralvorstellungen ihrer Besitzer verändert«, schrieb Catling in seinem spätsurrealistischen Roman. »Sie hatten sich in andere Wesen verwandelt. Wesen ohne Bestimmung, Identität oder Bedeutung. Anfangs dachte man, dass ihre Misere auf ihre Gefangenschaft zurückzuführen wäre. Doch schnell wurde deutlich, dass in dieser Wesensänderung ihre Fähigkeit, solche Feinheiten der Gefühle zu empfinden oder zu erleiden, verloren gegangen war. Es war der Wald selbst, der ihre Erinnerung verschlungen und sie als Baumsüchtige wiederauferstehen hatte lassen.«

 

übersetzt von 

 Jürgen Ghebrezgiabiher und Sven Koch.

 

 

 

 

 

 

[deutsche Übersetzungen]

GHOST MILK

 

Yes, there is a democracy based on slavery. That’s

the Greek model. That works pretty well too…

Ed Dorn

 

Sliding after night-storm to lose footing

on rake of wet-shingle, and stopped

by broken spar, tarry black in blood-varnish,

bitter nails of old history, so many fire-

souls, 133 they estimate, tossed overboard, chains

as ballast, mid-ocean, to wander subterranean

caves and valleys, lost among drowned mountains,

false plants seducing a salt-blistered tongue.

The newspaper woman sold at the station

fetched £4,500: a buyer’s market.

Living with her mother and two accidental children

in a coldwater Lithuanian tower block,

offered employment abroad, a free-market choice.

Transported. Entrained. Cattled. Raped.

»On average I had sex with 15 men a day.

When trade was brisk and the itch was hot

in the dermis of the city, I could service 37 during

a single 12-hour shift. I was not much beaten.«

»It’s a matter of business,« said the pimp.

»The law of supply and demand.«

 

 

2

How can the giver of gifts experience the delights of the merchant?

William Blake

 

Geology precedes economics as winter tide

on a chalky southern shore

reseed naked meadow-beaches with black stone.

Dumb repetition smothers anger, making a palliative

fiction from crimes we choose to celebrate.

The cliffs of England, vertical boneyards,

»where the ebb meets the moon-blanch’d sand«,

hide lists of scoured dead, unbranded, unaccounted.

They bleed pure water and look in preserved shipping manifests

like so many maggots freighting an iron surf-board.

Edinburgh was fortunate in its geology, martial

in dirk and kirk, a craggy extrusion of volcanic basalt:

garrison, royalty, prisoners of war buried in the rock.

Into the protected tail of sandstone, they dig,

invisibles, ragged imports, the necessary

collateral damage:  child labourers, hunchback women,

wageless slaves. Every bridge a den, damp cellars

like hollowed skulls candled in human tallow.

»Boys were employed to sit far underground,

guarding the fire flaps that punctuated

the long dark tunnels. Even after reforms

passed into law, the conditions in the mines

remained little changed. Money was too cheap.«

 

 

3

»The slaves will sell their masters and grow wings.«

 

Better to buy than to breed: the riderless white horse,

its sounding ribs a wind-harp,

emerges from a crystal sea. A skeleton jockey

gilded braid, cherries and tassels, incubates

revolt, raises a  flaming sword to crop melon-heads,

moon faces in a cane field, strong teeth ground down

for sacred sugar. John Gabriel Steadman, a mercenary,

publishes his Narrative of a Five Years’ Expedition Against

the Revolted Negroes of Surinam from the year 1772 to 1777,

and hires the journeyman engraver, William Blake of London,

to harvest the fruit of horror, flesh barbecues,

blood-succoured tropical vegetation,amateur crucifixions.

And the »beautiful mulatto slave girl«, Joanna,

the one Steadman marries, mother of his child.

Torn by a dark tarot of images, the colonist keeps a journal

of his London visit: »Gave a sugar cruse to Mrs Blake.

The King’s coach insulted. Met 300 whores in the Strand.

French prisoners come home. Abershaw &c. hang’d.

Saw a mermaid. Russian fleet down. Two days at Blake’s.

Quiberon expedition fail’d. 188 emigrants executed.

Blake mobb’d and robb’d.« The working artist, enslaved by

patronage, lays the first brick of the downriver factory.

The impulse is coded within our DNA, this slippery

hawser of genetic imperatives: to invade, brutalise,

capture and explain. Secret  interior tribes, our memory,

are linked, neck to neck, for pilgrimages across desert.

They follow a malarial river to a red fort, hungry surf.

Remember: »We come out of the ground.«  The grace of

their bodies as they negotiate space is future war. Jungles

migrate. Hurts multiply. Trade is the only constant.

»By the late 1820s the economic critique of slave-grown

sugar had been widely accepted.« The system didn’t pay.

Better to allow open competition and let fiscal malpractice

thrive where it would. Queen Elizabeth’s slave-master,

Sir John Hawkins, Atlantic pirate, founded an alms house

at Chatham that still stands. The Thames remains

a complicated flow of money, letters of credit and

trading instructions. The Port of London Authority

building with its fossils and steroidal statuary now deals

in re-insurance, risk, power breakfasts. Fixed profit.

 

 

»The slaves changed,« Catling wrote, in his late-surrealist novel, »before the morals of their owners. They had  transformed into other beings. Beings devoid of purpose, identity or meaning. At the beginning it was thought that their malaise was the product of their imprisonment. But it soon became clear that there was no personality left to feel and suffer such a subtlety of emotion. It was the forest itself that had devoured their memory and resurrected them as addicts to trees.«

 

http://www.iainsinclair.org.uk/2009/10/02/ghost-milk-previously-unpublis...



Secondary menu

KARAWA.NET ERSCHEINT ZWEIMAL JÄHRLICH / ISSN 2192-1954