# 008/ Lichte Verbrechen


Jesus Schnepfe

Francis Carco

Jesus Schnepfe (Auszug)

 

Es regnete. Weich peitschte das Wasser gegen die Fensterscheiben der kleinen Bar.

– 'n Abend Dogge, sagte Jesus Schnepfe, als er hereinkam, dann, leider - er war ganz bleich: Bambus wurde geschnappt.

– Bambus?
Pépé Dogge sah von seiner Sportzeitung auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

– Was? Kindchen Bambus geschnappt?

Wie gewohnt zog er den Rand seines Filzhuts tief ins Gesicht und strich über seinen kurzgeschnittenen Schnauzer. Er trug einen weichen grauen Pullover mit losem Kragen und bohrte seine leuchtenden Augen in die außerordentlich hellen von Jesus Schnepfe, der ohne mit der Wimper zu zucken standhielt.
Gleich daneben spielten Kerle von der Kapelle Sansibar. Die Würfel knallten auf die dünne Marmorplatte. An der Wand standen kleine Diebe und versuchten, mit ihren Kugeln in den Spielautomaten zu treffen.

Es war zwei Uhr morgens.

– Haste Mina vielleicht gesehen? fragte die Schnepfe.

– Nein, ich habe Mina nich gesehn.

– Mina is mit dabei gewesen. Stell dir vor: Mina reißt son Kerl auf, aber der wollte 'n Knaben. Da kommt Bambus rein, man einigt sich. An der Kasse sitze Mutter Jeanne, der den Kunden beobachtet hat, er schüttelt den Kopf und macht Zeichen »Lieber nich! Vorsicht! Dr is nich sauber!« Ich kann dir sagen. Nach zwanzig Minuten kommt Mina ganz außer Atem reingeschneit: »Kindchen is abgeschmiert!« Sagts und dampft ab in Höchstgeschwindigkeit.
Schnepfe redete hastig. Sein hübsches, leicht geschminktes Mädchengesicht war voll seltsamer Regungen. Er stand auf. Der Gürtel des Regenmantels lag eng um seine geschmeidigen Hüften.

Pépé Dogge drückte die Hand, die der Freund von Kindchen Bambus ihm entgegenstreckte, und murmelte, als er ihm nachsah:

– Mein' Arm verwette ich, daß das der Korse war. Der legt jetzt plötzlich zu. Also heißt es trumpfen! Höchstens wenn Mina ... Aber Mina wirds erwischen.
Er kannte den instinktiven Haß des Korsen gegen dieses zweifelhafte Paar, und genau wie der Korse haßte auch er Bambus, Schnepfe und alle anderen dieser Sorte, aber das zeigte er nicht. Dagegen unterstützte er äußerst vorsichtig die Polizei bei ihren Aktionen am Montmartre. In der Öffentichkeit fiel er laut über sie her, da er seine Abneigung unter Beweis stellen mußte, wenn in den Bars der Ruf »Tod den Spitzeln, Tod den Tunten!« laut wurde.

Pépé Dogge war ein Bewunderer von Stärke, sie ging ihm über alles. Jetzt nahm er seine Lektüre der Sportzeitung wieder auf, konnte sich jedoch nicht mehr so recht auf den Inhalt konzentrieren. Andere Festnahmen fielen ihm ein, die sich genauso abgespielt hatten. Seine Rolle dabei war ihm klar. Hier sah alles danach aus, als ob der Korse sich der Sache angenommen hätte. Für ihn eine Demütigung, ein Ärgernis ... Außerdem fragte er sich, wie Bambus, dieser kleine, dunkle, lasterhafte Kerl, in die Falle gehen konnte, und weshalb man sich bei dieser Gelegenheit nicht auch die beiden Freunde geschnappt hatte.
Also warf Pépé die Zeitung auf den Tisch, bezahlte und stieß die Glastür der Bar auf, um dann die Straße rechts hoch zu gehen, in dieselbe Richtung, die Schnepfe eingeschlagen hatte.

***

Der Boulevard de Clichy streckte seine Baumreihen in den Oktoberhimmel, der mit zerplatzten Wolken tief herabhing, Pfützen glänzten und auf dem engen Gehsteig in der Straßenmitte hasteten späte Passanten vorbei.
An die verschlossenen Auslagen brandete eine traurige Flut aus dem Schlaf gerissener, mißtrauischer Schatten. Zwei Polizisten behielten die Mädchen im Auge, die ihre Runden zogen ... Im Glaslicht erschienen ihre Gesichter manchmal so tragisch, daß man sich an Tote erinnert fühlte, die der Wind aufgescheucht hatte.

Schnepfe erwiderte den diskreten Gruß der Freunde. Eine schreckliche Mattigkeit drückte ihn nieder, aber sein Instinkt wappnete ihn gegen sich selbst. Außer sich über die geheimnisvollen Umstände, unter denen sein Freund Bambus verschwunden war, schritt er schnell aus, die Augen unter dem Stoffschild seiner Mütze weit aufgerissen. Er war nun nicht mehr der lasterhafte und durchtriebene Tausendsassa, den man in der Palme oder bei Bousse treffen konnte. An den Schultern spannte sich der Stoff seines Mantels, aus dem sein zierlicher Hals hervorragte, und wie er seine beiden schwächlichen Arme eng gegen den Körper drückte, sah er äußerst verbissen aus.

– Mina! rief er laut an der Ecke zur Rue Lepic vor dem National, das die Straße mit einem breiten Lichtsee übergoß.

Das Mädchen stand barhäuptig und mit verzerrter Miene vor einem Glas Cognac, die Handtasche hatte es auf den Tresen gelegt.

– Au, Schnepfe! ... Bambus! ... Dein Mann!

Heftig zog er sie in ein kleines Nebenzimmer, das der Tresen verdeckte, und stieß sie auf eine Bank. Ungeduldig packte er sie an den Handgelenken, beugte sich über sie:

– Wirst du endlich reden?

– Du tust mir weh, mein Jesus!

– Hat man ihn verpfiffen, sag, hat man ihn verpfiffen?

– Natürlich hat man ihn verpfiffen! Im Zimmer rückt der Freier etwas Kohle raus. Protzt nur so, die Taschen voll bis obenhin. Klar, daß ich da Stielaugen kriege! Der Bambus tut so, als würde er nichts sehen. Gut. Der Freier zieht sich aus, dann wir. Aber so richtig war er nich dabei. Ich spürte: der schielt rüber zum Spiegel; klar, ich natürlich genauso! Und was seh ich? Sackt doch Bambus, kannst mir glauben!, die Mäuse ein. Dann plötzlich schreit er: Die Bullen!

– Verdammt!

– 'n Trick von der Schmiere! Ménard und der dicke Dupied packen das Kindchen. Ich hab sie nicht reinkommen sehen, und damit is bewiesen, daß sie uns reingelegt haben: Die hatten sich im Schrank versteckt!

– Reingelegt?

– Na, kannst ja nie wissen, wos herkommt, wenn de gefaßt wirst! Aber die haben nur Bambus geschnappt, verstehste, vonwegen weil er diesen Bruder beklaut hat. Ich hab mir inner Ecke verschanzt, und Ménard am Sülzen: »Mina verzieh dich schleunigst und halt dein Mäulchen in Schach!«

– Au verdammt! Die Bullen!

***

– Was gibts, Schnepfe ... willste kneifen?

Pépé, von dem er sich eben noch verabschiedet hatte, legte ihm zwei schwere Fäuste auf die Schultern. Weshalb war der jetzt hier? Seine Augen glänzten verräterisch. Dann sagte er aber mit seiner schleppenden, harten Stimme:

–Sieh dich vor, Schnepfe; die Macker arbeiten der Schmiere in die Hände.

– Ach was, die Schmiere arbeitet den Mackern in die Hände! gab Mina zurück.

Auf einige Vorfälle anspielend, die ihr offenbar nicht verborgen geblieben waren, fügte sie hinzu:

– Was ich weiß, das weiß ich. Die Ausgebufftesten sind oft von der Schmiere.

– Halts Maul, Mina!

– Na und! Wenns mir paßt! Wieviel seid ihr denn so, die sich die Beute zuschachern? Die Herren arbeiten für die Polizei und nebenbei n' paar Provinzwirte ... Du findest wohl immer noch 'n Pferdchen auf der Meile, sone hübsche kleine Fresse?

Pépé antwortete kalt:

– Bei mir gibts keine Diskussion. Mich kennt man.

Schnepfe beteuerte:

– Mina, da liegst du falsch. Der is 'n Ehrlicher, 'n Kerl, 'n echter Kumpel!

Boshaft lachte sie:

– Mich kennt man aber auch! Ich hab kein Mann, Dogge, und weil man bei mir mit offenen Karten spielen muß, wirste tückisch. Sei nich gleich beleidigt, sonst könntste dich noch verraten.

Die Hände in den geräumigen Taschen ihres Regenmantels versenkt, ging das Mädchen fort und schleuderte ihm noch eine letzte Bosheit ins Gesicht:

– Pépé Dogge, Bulle würde besser passen!

Am Tresen tranken die Männer ihre Schnäpse aus. Apathisch und aufgeweicht, schlief eine Trinkerin ein. Man hörte, wie der Wind ab und zu den Regen niedermähte. Nur für kurze Zeit ließ er nach, dann nahm er seine Klage wieder auf, mit der er die Stille anfüllte.

– Dich krieg' ich auch noch ..., dachte Dogge mit einem bitteren Lachen.

Da kam Monsieur Dominique herein. Beige Melone, brauner Anzug, polierte Schuhe, eine außergewöhnliche Erscheinung. Er machte wenig Worte und gab den Schönling: schwarzes, zur Bürste gestutztes Bärtchen, glänzender Mittelscheitel, riesige Hände und ein feines Gebiß. Monsieur Dominique war Korse. Lange zeigte er sich im Tabarin ohne Frau als Verächter des Geldes. Ein paar Landsleute schafften es eines Tages, ihn aus seiner Lethargie zu reißen und »verheirateten« ihn. darin entdeckte er dann seine Stärke. Dickfellig und schweigsam, gelang es ihm wiederholt, einigen Schlägertypen das Revier um die Rue Lepic abspenstig zu machen, die von allen anerkannt waren. Er war berühmt für seine Geschicklichkeit mit dem Messer. So wurde er ein großer und solider Zuhälter. Sein Ruhm verbreitete sich in den Bars und ließ sich dort wie ein böses Tier nieder. Man fürchtete ihn. Er hatte Mädchen, Gold, Sklaven und Spione.

– 'n Abend, sagte Monsieur Dominique.

Fernande, seine Frau, begleitete ihn. Das Haar über die Augen gekämmt, das Gesicht verstörend blaß, trat sie näher. Sie war groß, trug einen offenen Büstenhalten aus roter Seide, und ihr Gang war tänzelnd und jung wie der eines Tiers. Obwohl an diesem Abend etwas müde, lächelte sie allen sanft zu. Hinter ihr kamen noch andere Frauen, und Gustave, der Kellner, setzte vor jede einen Stapel mit Untersetzern für die Getränke ihres Manns auf die Theke. Kein schlechter Abend.

– Einmal Muscheln!

– Gustave, harte Eier!

– Und noch Senf!

Die Damen hatten sich an einen Tisch gesetzt und aßen einen Happen.

Pépé näherte sich dem Korsen.

– Immer noch im Wagram? eröffnete er das Gespräch.

– Immer noch.

Ohne mit der Wimper zu zucken deutete er auf Fernande, denn er hatte den Braten gerochen.

Pépé sang nun das große Lob auf die Quadrillen des Tanzsaals Wagram, dort drängte man sich jeden Abend. Er sprach tückisch und mit leiser Stimme, ließ dabei das Gesicht des Korsen mit den geraden Wimpern, der scharfen Nase und dem energischen Kinn nicht aus den Augen. Nur zu gern hätte er in diesem Blick eine kleine Irritation ausgemacht, ein nervöses Zucken, ein Fältchen um den Mund. Dann verstummte er: Schnepfe beobachtete die beiden mißtrauisch.
Alle drei waren mit einem Mal sehr verlegen, und als Schnepfe, sich in den Hüften wiegend, als erster den Kopf abwandte, sah er deutlich, wie Fernande ihm durch ein Zeichen zu verstehen gab, er solle schweigen.

 

Übersetzung: Hans Thill

Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Wunderhorn Verlags

(Zum Buch auf der Verlagsseite)



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954