# 006/ Eine von uns ist die Frau


Kann man im Oman einen Frauenroman schreiben?

Reich geschmückt mit Blumen, keine Heizung, kein Strom, kein Licht, nichts zu essen, Kohlrüben und Brot mit Mäusedreck, so zogen die Soldaten an die Front. Wo waren Sie beim Tanzabend gestern? Sie erkennen mich nicht mehr, oder? Rote Haare immer voller Gras und rote Gummistiefel, das war ich. Special Air Service Sergeant Grammel, richtig? Im Laufe der ersten Woche nimmt das Gewicht des Rucksacks zu, und die Soldaten müssen auch ein Gewehr bei sich tragen. Dieser Satz ist mir stets in Erinnerung geblieben. Ich habe über ihn nachgedacht. Es war das Letzte, das Sie sagten, ohne nach etwas gefragt zu werden. Sie trugen einen Übergangsmantel, der Ihre Beweglichkeit einschränkte, richtig? Waren Sie eigentlich in Afghanistan? Es tut mir leid, ich kann diese Frage nicht beantworten. Das sagten Sie damals, immer wieder. Ich holte Erkundigungen ein. Sie hätten nie etwas anderes sagen dürfen, oder? Das war wohl der Grund, dass sich Ihre Frau scheiden ließ. Oder waren es die Nachwuchsprobleme? Doch Ihre Augen sind den Augen des Kindes, das ich am schwarzen Rockzipfel Ihrer Frau hängen sah, die nun Witwe spielen darf, zu ähnlich. Ohne einen Rial in der Tasche wagte sie den Schritt in die Selbständigkeit. Und sie hatte Erfolg. Schmetterlinge zieren nun ihr Haus, hauptsächlich die Wände, finden sich auf den Vasen und dem Silberbesteck in ihrem Laden wieder. Sie war immer eine Frau in knapper Jeans mit akkurat geföhntem Bob, sagt man. Manchmal trug sie auch einen Rock mit Kopftuch. Aber als ich sie im Süden an der Grenze zum Jemen traf, hatte sie über die Stirn einen schwarzen Schleier gezogen. Ich kam gerade aus einer mittelmäßigen Komödie im Kino und lief die Kabul-Hassan-Straße entlang. Fast an der Ecke kurz vor der Emirat-Al-Bahrein-Bank, da wo die Büsche sind, roch es auf einmal so gut. Es roch nach Gegrilltem. Die Luft war mild und klar, der Geruch so Südjemenitisch. Der Wind kam von Westen. Mir ging es gut, ich fühlte mich einsam und doch nicht allein. Zuhause angekommen, wußte ich plötzlich was los war, alles passte so „wunderbar zusammen“: Es gab eine zweite, eine andere Frau! Ich saß ewig lange auf dem Sofa im Dunkeln und dachte nach. Gibt es eigentlich eine Führungsetage in Wolverhampton oder Hereford? Es tut mir leid, ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich weiß, das sagen Sie immer, auch und gerade unter Folter. Ihre Frau war eine Rothaarige aus Hereford, richtig? Man könnte fast annehmen Sie zögen rote Haare anderen Haarfarben vor, Sergeant Grammel. Als ich Ihre Frau an der jemenitischen Grenze traf, konnte ich leider keine Haarfarbe mehr erkennen. Aber sie war so unbescheiden eine SiG Sauer im Kaliber 9mm Luger am Leib zu tragen. Ein Souvenir, sagte sie, als ich die Waffe erspürte. Keine dumme Idee bei dem Gewand, denn im Oman klebt Kleidung selten am Körper. Und der letzte Wirbelsturm gelangte bei Sur in den Golf von Oman, wo er nach Osten hin abdrehte. Er erreichte also nie die jemenitische Grenze. Ihre Frau bewohnte eine ausgediente Tankstelle, versteckt in einer kleinen Bucht, leicht erhöht mit einer Terrasse aus Naturstein. Wer wollte an einem solchen Ort tanken, somalische Piraten, auswärtige Fischfangflotten? Es hatte mit einem kleinen Bauchladen angefangen mit nur sehr wenigen Dingen, die sie zum Verkauf anbot. Alles war Made in China und dennoch einzigartig. Vielleicht waren es ihre roten Haare, die die handbemalten Holzperlen so schön erscheinen ließen, als seien sie etwas nie Gesehenes. Ich wurde müde am Meer. Das Bett, auf dem ich meine Beine ausstreckte war glatt poliert. Eine Balustrade aus Buxbaum gehäckselt bewölkte meine Sicht. Ich muss wieder ewig lange da gelegen haben. Durch zwei Zimmer hindurch sah ich aus dem Fenster das weiße Haus vis-à-vis sanft gebläut. Ich sah wie aus blau dunkelblau wurde und aus dunkelblau schwarz. Und dann sah ich wie aus schwarz rot wurde und aus rot gelb. Im Fernsehen lief ein Bericht über Babyfaultiere, die keine Eltern mehr hatten. Sie mussten sich immer an etwas ankuscheln und bekamen Ziegenmilch. Ich machte mir langsam Sorgen um Ihre Frau, Sergeant Grammel. Sie war so allein in dieser omanischen Bucht. Was tat sie eigentlich den lieben langen Tag? Ich trat hinaus, der Morgen dämmerte immer noch. Da stand sie am Strand umringt von transluzenten Tieren, die blind das Meer suchen. Diese Tiere, so sagte Ihre Frau, können nur überleben, wenn sie in genau das Gewässer zurück geführt würden, aus dem sie gekommen sind. In jedem anderen Gewässer wären sie verloren. Nun waren am Strand hunderte dieser Tiere verschiedener Alter und Größen. Ihre Frau konnte unmöglich Alle retten. So beschloss ich, so viele der Größeren in ihr natürliches Habitat zurückzuführen wie ich konnte. Die Größe der der Tiere lag zwischen 50 Mikrometern und 1,5 Millimetern. Kein Wunder also, dass ich mich für die Rettung der Ausgewachsenen entschied und die winzig kleinen Tierchen ihrem Schicksal überließ. Zum Glück verharrten sie einem todesähnlichen Zustand, in dem sich ihr Sauerstoffverbrauch auf kaum messbare Werte reduziert hatte. Wir bestiegen einen alten Land Rover und durchquerten ein trockenes Flussbett, das direkt zur Al Falahi-Falken-Bucht führte, von wo aus die Tierchen den Tiefebenen des Mariannengrabens zustreben würden, ihrem natürlichen Nährboden. Ich trug meine roten Gummistiefel und einen zottigen Übergangsmantel. So folgte ich Ihrer Frau in die Fluten. Am Ufer sah ich einen Menschenaffen, der mich mit einem Artgenossen zu verwechseln schien und sich in die Brandung stürzte, um zu mir zu gelangen. Ich hatte Angst. Doch Ihre Frau, Sergeant Grammel, die bei mir war, war mit allen Wassern gewaschen. Sie machte dem Affen ein Zeichen, dass es sich um einen Irrtum handelte. Doch da bemächtigte sich ihres schwarzen Schleiers eine Welle, schleuderte ihn ins Uferlose und liess einen unbekleideten Mann in der Brandung zurück. Und endlich erkannte ich, dass Sie Ihre Frau waren, Sergeant Grammel.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954