leichte geografie

Achim Wagner

 

Mit der für karawa.net zusammengestellten Gedichtauswahl zeige ich einen kleinen Ausschnitt der 2009 in Istanbul begonnenen Arbeit an meinem aktuellen Lyrikmanuskript; eine Arbeit, für die ich als Ausgangspunkt wählte, meine poetischen Ableitungen aus den eigenen Betrachtungen und Erfahrungen in Bezug zu poetologischen Vorgaben vornehmlich der jüngeren und jüngsten türkischen Lyrikgeschichte zu treffen. So stellte und stellt sich neben das topografische Erkunden und Erleben die Annäherung an die Arbeiten bedeutender türkischer Dichter und Dichterinnen (im Zusammenhang mit den literarischen und politischen Hintergründen ihres Schaffens); eine zweifache Spurensuche.*

Gab es kongruent zu den politischen Entwicklungen Mitte / Ende des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich die nachhaltige Öffnung der türkischen Lyrik für westliche Einflüsse, vornehmlich durch den Dichter Tevfik Fikret begründet, änderte sich ihre Ausrichtung, so zeigt sich durch die Arbeiten der nachfolgenden Dichtergenerationen, dass dies zu keinem völligen Bruch mit der orientalischen Tradition führte, sich vielmehr faszinierende Symbiosen unterschiedlicher Traditionslinien ergaben und ergeben (exemplarisch für die Jetztzeit sei hier der 42jährige Dichter Fuat Çiftçi genannt, der in seinen westlich geprägten Gedichten Begrifflichkeiten, Motive und Formfragmente aus der osmanischen Tradition aufgreift und verarbeitet).
Das Ineinandergreifen unterschiedlicher, gegensätzlicher poetologischer Elemente aus dem Orient und dem Okzident, mit seiner fortfolgenden Vielfalt von Ansätzen** und Umsetzungen geben der türkischen Lyrik ein Einzelstellungsmerkmal im internationalen Vergleich.

Als ein Mittel bei meiner lyrischen Spurensuche wählte ich eine Form der Nachdichtung, eine Auseinandersetzung mit vorhandenen Gedichten, in der ich neben dem Facettenreichtum dieses Ineinandergreifens, den zugrunde liegenden Poetiken, auch im intertextuellen Kontext die Auswirkungen auf mein eigenes Arbeiten darstellen will.

Meine Nachdichtungen sind keine Übersetzungen, es sind referentielle Gedichte, die nicht auf ein bestimmtes Quellgedicht rekurrieren, sie bedienen sich aus verschiedenen Gedichten des jeweils bezogenen Dichters, der bezogenen Dichterin. Insofern stellen meine Ergebnisse subjektive Essenzen einer Nachforschung dar, bei der ich zunächst die ins Deutsche und / oder ins Englische verfügbaren Übersetzungen sichtete und mich dann den türkischen Originalfassungen mittels eigener Sprachkenntnis annäherte.
Bereits unmittelbar nach Beginn der Recherchen traf ich erste eigene schriftliche Ableitungen, aus lyrischen Wahrnehmungsmomenten heraus, mit einer möglichst genauen Schärfeneinstellung auf den jeweiligen Moment, um ihn mir poetisch greifbar machen und in Fortfolge transformieren zu können. 
Dies führte zu temporären und fragmenthaften Ergebnissen, die sich wiederum in später gewonnenen Erkenntnissen reflektierten, unter veränderten Perspektiven über- und fortschrieben, sich allmählich verbinden ließen.

In meiner Auswahl nehme ich Bezug auf den oben bereits erwähnten »Modernisierer« Tevfik Fikret (geb. 1867, gest. 1915), auf drei wichtige Vertreter der »Zweiten Neuen« (İkinci Yeni) – einer wichtigen lyrischen Bewegung Mitte des 20. Jahrhunderts, die sich erfolgreich gegen die bis dahin herrschenden Strömungen durchsetzte, eine apolitische Ausrichtung der Lyrik vornahm und einfach verständliche Ausdrucksformen ablehnte – auf Attilâ İlhan (geb. 1925, gest. 2005), einem der bekanntesten türkischen Dichter des vergangenen Jahrhunderts, dessen Werke surrealistische Elemente aufweisen, auf den hochgebildeten »Gossendichter« Can Yücel (geb. 1926, gest. 1999), auf die 1982 geborene Gonca Özmen, einer bereits international wahrgenommenen Dichterin, in deren Dichtung mystische Momente eine zentrale Rolle einnehmen.

*Da mir natürlich bewusst war, dass Istanbul als Ort selbst bereits vielfach lyrisch ausgeleuchtet wurde (oder: ein prall gefüllter lyrischer »Echoraum« ist), sich meine betreffenden Arbeiten mit einer umfangreichen Gedichttradition auf den Ort bezogen würden auseinandersetzen müssen, formulierte ich eingangs der topografischen Spurensuche in der Bosporusstadt für meine literarischen Umsetzungen die übergeordnete Prämisse, über das Tradierte den Weg, besser: das Schlupfloch, ins sprachlich noch nicht Austarierte zu suchen. (Eine Prämisse, die sich auch über die Ableitungen stellt, die aus den poetologischen Auseinandersetzungen resultieren, die über den Ort hinausführen.)  

**Um mir diese Ansätze, Poetiken verständlich zu machen, folgte zwangsläufig auch eine (noch lange nicht beendete) Auseinandersetzung mit der (mystisch geprägten) osmanischen Dichtung selbst, grob: der von Yunus Emre begründeten Derwischdichtung und der Diwandichtung (etwa von Ahmet Paşa).

 

 


 

 

am kragen eine salmiakblüte

auf den lippen einen verklebten fluch
dass mich der fusel verspottet
oder bist du das
                                  sevgilim
gestern noch sah ich dich
in den händen der herzlichen
müllmänner
deinen beanspruchten schutzpatronen
und in den galerien
                                   nachts
auf den vaginalen märkten
wenn ich am tag falle und die augen
                                                              öffne
streichle ich dich
             mit meinen besenhaarigen lügen

(nach can yücel)

 

 


 


aus dem hartnäckigen rachen nebel

vertraute muster versinken in spalten
gelöschte hellfelder seniles byzanz
dass ich publikum oder ruhiger patient
hinter charmanten ecken jeweils
partikel von türmen
und poröse decken ich taste
offensichtlich szenen in blindenschrift 
mein vergessenes gesicht

(nach tevfik fikret)

 

 


 


die wasser verwildern

meinen zerlaufenen verstecken
begegne ich
an diesem und jenem
zurückgelassenen meer
ich erkenne dann langsam
versunkene türen
wie die wasser verwildern
und sammle wieder
die untergemischten fernen

(nach gonca özmen)

 

 


 


gebrochene abstände

die genähten pässe der stadt
                                                      etwas regen
habe ich vorbereitet

das schwenken der krähne
über den gongschlägen
                                    aufgegebener uhren

in einer fraglosen distanz
werde ich zum passagier und flüchtig –
mit einem streichholz –
erhelle ich

den palast der aufgeschütteten gärten

(nach attilâ ilhan)

 

 


 

 


geschlossene spindeln

esra hielt in verschiedenen konstellationen
und einfach
an einer diskreten schwelle
in ihrem mürrischen atlas
lag das wasser verknotet im schlamm
wurde die straße
zu einem verkümmerten aufzug
gelegentlich hob sie ihren kopf
und wartete
auf ein angehobenes haus

(nach ilhan berk)

 

 


 

 


halb mattes glas

beim tumult
                      unter hastigen schirmen
ipek
                      hautnah verteilte flüche

– gekippte konstellationen –

in einer oberen etage
nur noch
das ausgesprochene der zeitungen

wo dein sommersprossiger rauch

eine weitere kleine unordnung
                       zu dieser zeit des tages

(nach cemal süreya)

 

 


 


haydarpaşa garı

şimdiki. verwandelt im gang
aber als ob das licht in schleifen
saat on bir. der bahnhof selbst
unter federn arrangiert ins salz
pflügen die fähren die gleise
verflochten eine östliche linie nebel
başkent ekspresi. und aus ärmeln
wachsen verschnürt gepäckstücke
(im flüssigen hall
                                gegerbte stimmen
hasten die jungen:
                         aufgeklappte stufen) …
vagon no 01 pulman / yer no 33.
tücher und mützen schwirren
verladen den kielen über land
                                          nach gerufen …
((anadolu’ dan anadolu’ ya))

 

 


 

 

leichte geografie

kleine botschaften aus einem dritten stock
das licht gekeltert ich bemühe straßen
ein geschmack der sich wölbt
und fest wächst
ungewohnte strecken immer wieder
vergesse ich zu gehen
in der zeit zwischen grün und halb sechs
ich schiele zu krummen akten
auf lebhaftem holz ermüdet

(nach turgut uyar)

 

 


 


schneemeldung

flocken springen durch löchrige markisen
ich vergesse die hektischen entfernungen
und
befasse mich
– teils erleichtert teils schüchtern –
mit unterhaltsamen mustern züge auf brettern
halb film in körnigem weiß
das zugehörige
geschehen plätze die sich nicht wieder
                                                 zu erkennen scheinen
verrutschte spuren
                               im zugewiesenen durcheinander
wird ein durchweichter stapel von schokoladen
schachteln abgetragen

 

 


 


untere teile

als unser zugfenster schlief
unsere schuhe kippten
geneigt am pier
ein unbefugtes deck
wir übergingen sorgfältig
und zerzaust die beleuchtung
aus den ersten hörnern
der fähren geschält

(nach turgut uyar)