# 008/ Lichte Verbrechen


Man muss ja bloß ansteckend wirken

Jan Kuhlbrodt war für Karawa.net im Verbrecher-Verlag und hat Fragen gestellt. Ein Gespräch über Erich Mühsam und anderes ...

 


 

 

Man muss ja bloß ansteckend wirken

 

Teilnehmer: 

Chris Hirte. Herausgeber der Mühsamtagebücher. Übersetzer u. a. der Briefe Becketts

Jörg Sundermeier. Verleger Verbrecherverlag

Manja Präkels. Autorin, politische Publizistin, Herausgeberin. U. a. Vorsicht Volk! Oder Bewegungen im Wahn. Verbrecherverlag

Jan Kuhlbrodt

 

 

JÖRG SUNDERMEIER: Für wen machen wir das eigentlich. 

JAN KUHLBRODT: Für Karawa.net, das ist eine …

SUNDERMEIER: Ah ja, kenn ich.

KUHLBRODT: Ich halte Mühsams Tagebücher ja für einen großartigen Roman.

SUNDERMEIER: Und dass Mühsam sie für sein eigentliches Hauptwerk, wird dir Chris ... Ah, da kommt er ja.

Chris Hirte kommt und übergibt Jörg Sundermeier ein Exemplar der von ihm übersetzten Briefe Samuel Becketts. Woraufhin Sundermeier verschwindet, angeblich um Kaffee zu besorgen.

KUHLBRODT: Ich bin ein bisschen aufgeregt.

CHRIS HIRTE: Oh ja, warum?

KUHLBRODT: Weil ich irgendwann 1984 den von Ihnen herausgegebenen literarischen Nachlass[1] von Erich Mühsam gekauft habe. Und seitdem bin ich Mühsamleser. Also vor allem hinsichtlich der essayistischen Geschichten.

HIRTE: Ah, ja. Schön. Das hör ich gern. Wir werben ja immer um Leser. Und begeisterte auch.

KUHLBRODT: Und dieser Asconatext[2]. Der ist ja einfach der Hammer.

HIRTE: Da war er noch ziemlich jung und ungar. 1905. Ich bin jetzt im Jahre 1922 mit den Tagebüchern. Finstere Zeit.

KUHLBRODT: Ich lese gerade das Letzterschienene, 1921. Ich bin ja Chemnitzer, und dann hat man eine gewisse Nähe zu Max Hölz[3] und freut sich über die euphorischen Auslassungen.

HIRTE: Das war ja Mühsams große Hoffnung. So sollten alle sein, aber leider gabs nur einen.

KUHLBRODT: Kaum etwas hat der Faschismus so gründlich ausgerottet wie den deutschen Anarchismus.

HIRTE: Naja, sie haben noch viel mehr ausgerottet.

KUHLBRODT: Aber der Anarchismus hat nie mehr einen Fuß auf den Boden bekommen.

HIRTE: Ob das am Faschismus lag, weiß ich nicht, denn erstens haben die Genossen aus Moskau schon die Anarchisten fast vernichtet, und sie hatten keine Antworten auf die Fragen mehr. Das sieht man bei Mühsam. Die Verzweiflung in den Zwanzigerjahren. Er hat keine Antworten mehr. Er versteht die Zeit nicht. Das Einzige, was er hatte, war sein Glaube daran, dass etwas aus dem Volk selbst kommt. Unorganisiert. Er hat nicht mit der Macht der Manipulation gerechnet. Er stand alleine da mit ein paar Leutchen in den Zwanzigerjahren.

KUHLBRODT: Und mit seinen Anarchistenfreunden hat er sich ja letztlich auch überworfen.

HIRTE: Richtig, ja. Jedem sein eigener Anarchismus. Das widersprach auch gar nicht seiner Theorie, weil er meinte, man muss ja bloß ansteckend wirken. So dass jeder von sich aus ein kleiner Anarchist wird. Ein bisschen ist das mit der Graswurzelbewegung wiedergekommen. Bloß das hat sich ja auch mehr in die Nischen zurückgezogen.

KUHLBRODT: Und hat auch nicht die literarische Qualität Mühsams.

HIRTE: Da war er sowieso eine Ausnahme. 

KUHLBRODT: Deshalb hat er auch rumgezickt, wenn der Name Toller fiel.

HIRTE: Ja, das sieht man an den Gefängnisbüchern. Mühsam war fürchterlich eifersüchtig auf den Erfolg von Toller[4]. Das war schon Eitelkeit. Die Autoreneitelkeit. Da kann man nichts dazu sagen. Die ist einfach da. Und er weiß das natürlich, und er hat sich dann darin auch ausgetobt. Toller hatte ihm ja nichts getan, war nur ein bisschen andere Richtung.

KUHLBRODT: Mit ausgesuchten Formulierungen. Toller hatte in der Festungshaft irgendeine Vergünstigung angenommen. Das hat er ihm vorgeworfen.

HIRTE: Das kann man nur aus der Situation heraus verstehen. Aus der Haftsituation. Jeder war erpressbar und musste sich ganz für sich entscheiden. Wie beugt er sich der Erpressung, wann beugt er sich. Wann hält er es nicht mehr aus. Und daraus entstehen die verschiedenen Kompromisshaltungen, die sich dann alle gegeneinander wenden, weil sie alle an einem anderen Punkt abgebrochen sind. Mühsam ist ja auch irgendwann abgebrochen, als er merkte, Hungerstreik bringt nix, also das letzte Mittel funktioniert auch nicht. Es gibt auch andere Berichte. Es gibt Pamphlete gegen Mühsam, die von seinen Feinden dort verfasst wurden und zum Teil auch veröffentlicht wurden. Und es gab eine öffentliche Denkschrift, in der alles gegen Mühsam gesammelt wurde. Sie wurde im bayrischen Landtag verlesen. Die Denkschrift steht bei uns auf der Webseite. Die kann man lesen. Mein Mitherausgeber Piens ist da sehr eifrig im Zusammentragen der Dinge. Was wir finden und was gut reproduzierbar ist, kommt ins Netz. (http://www.muehsam-tagebuch.de)

Manja Präkels kommt hinzu.

KUHLBRODT: Gibt es eigentlich so etwas wie eine Mühsamforschung, jenseits dieses Projektes?

HIRTE: Wir forschen ja nicht, wir edieren. Es gibt dann noch eine Erich-Mühsam-Gesellschaft in Lübeck, die langsam am Einschlafen war und jetzt wieder neu belebt wird. Eine Forschung in dem Sinn gibt es höchstens, wenn ab und zu Studenten ihre Arbeiten schreiben. In den Achtzigern schien alles soweit aufgearbeitet. Im Westen. Im Osten gab es gar keine Mühsamforschung. Das Institut für Marxismus-Leninismus hatte dort das Ergebnis vorgegeben. Ich habe damals eine Biographie geschrieben, da haben die mir die Formulierungen vorgeschrieben, die ich zu verwenden habe usw. 

Jörg Sundermeier kommt zurück. Kurzes Intermezzo über Geheimdienste.

KUHLBRODT: Mühsams Tagebücher haben in Moskau gelagert?

HIRTE: Die liegen immer noch in Moskau, aber die Mikrofilme lagen seit Mitte der Fünfziger in der Akademie der Künste unter Verschluss, da durfte keiner ran. Zensl Mühsam ist 54 oder 55 aus Moskau zurückgekommen, bekam eine kleine Wohnung in Pankow, hat die Tagebücher bestellt, Kopien davon, hat sie aber nicht bekommen. Die gingen sofort in den Tresor, weil man nicht wusste, was da Schlimmes drinsteht. 

Dann hat man irgendwann begonnen sie auszuwerten, aber nicht konsequent, hat sie liegen lassen, vergessen, und erst in den Achtzigerjahren dann, als ich rauskriegte, da liegen ja mehrere dicke Mikrofilmrollen, unausgewertet, mit Briefen und Tagebüchern, hab ich versucht da ranzukommen. Ging nix! Dann ging ich über den stellvertretenden Kulturminister, Höpke hieß der. Das ging eine Weile hin und her, und dann mussten die das rausrücken, zähneknirschend. Fotokopien, jede Seite auf ein DIN-A4-Blatt kopiert. Dann bekam ich jahrelang jeden Monat einen Berg graue Papiere, die musste ich alle sortieren. Das waren die Tagebücher und Briefe. Das habe ich dann alles transkribieren lassen. Dafür gab es 25 000 Mark. Und als die alle waren, war Schluss. Das lag dann seit 85 im Verlag Volk und Welt rum. Und ich hab versucht, was draus zu machen. Ging nicht. Es war zu viel. Die Tagebücher sind 7000 Seiten. Man kann die nicht mal schnell begutachten. Ich hab ein paar Jahre gebraucht, um das alles durchzuackern, hab mehrere dicke Bücher mit Exzerpten. Dann ging die DDR unter. 94 hab ich eine kleine Auswahl für DTV gemacht. Dann kam es, dass es so langsam hier beim Verbrecherverlag landete.

PRÄKEL: Die DTV-Ausgabe hab ich. Vollkommen zerlesen.

KUHLBRODT: Die Tagebücher haben eine unglaubliche literarische Qualität.

HIRTE: Ja. Es ist eine anarchistische Haltung. Statt grauer Theorie: Wie ist man Anarchist? Er erlebt es frisch und gibt es wieder frisch von sich, unverdorben, unverändert, unideologisiert. Das Leben pur. Zack. Das klappt bei ihm wunderbar.

KUHLBRODT: Die Tagebücher werden parallel im Netz veröffentlicht. Gibt es ordentlich Zugriff auf die Seite?

HIRTE: Ja es wird aufgenommen. Ehrlich gesagt, sind die ersten Tagebücher, wo er ständig rumvögelt, einfach mal intereessanter für die Leute. Der am häufigsten nachgeschlagene Name ist Emmy Hennings.

SUNDERMEIER: Das mag daran liegen, dass jetzt eine große Hennings-Werkausgabe kommt. Bei Wallstein. Wo auch schon die gut edierte Ball-Ausgabe kam.

HIRTE: Haben wir hier inzwischen eigentlich einen Sponsor?

SUNDERMEIER: Nee, fast hätten wir einen gehabt, aber der ist wieder abgesprungen. Dafür haben wir das Sponsoring durch Einkauf. Und wir haben für jeden Band eine knapp ausreichende Zahl von Abonnenten.

HIRTE: Das Lesebuch hat natürlich sehr geholfen.

SUNDERMEIER: Und jetzt kommt es immer mal wieder vor, dass jemand kommt und will sofort alles haben.

 

 


 

[1] Erich Mühsam: Streitschriften. Literarischer Nachlaß. Herausgegeben von Christlieb Hirte. Verlag Volk und Welt. Berlin 1984

[2] Der Monte Verità ist ein Hügel im Westen von Ascona im Tessin. In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war er Sitz einer Künstlerkolonie mit europaweiter Ausstrahlung. Die Gründer Henri Oedenkoven und Ida Hofmann kauften das Gelände 1900 für 150 000 Schweizer Franken, um eine Kooperative zu gründen. Sie gaben ihm auch seinen Namen: Wahrheitsberg. Er wurde zu den bedeutendsten Wiegen alternativer Reformbewegungen. Zudem war er auch Sitz des Widerstandes gegen die autoritären Regime der Zeit. Dort sammelten sich Flüchtlinge und Kriegsverweigerer wie Hans Arp, Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann und Hugo Ball. Diesen Dichtern und Denkern verdankt der Monte Verità seinen fortdauernden Ruf.

[3] Max Hölz war ein deutscher Revolutionär, der Anfang der Zwanzigerjahre die freie Republik Vogtland ausgerufen hatte. Er führte den Kommunismus ein, indem er z.B. das Geld abschaffte. Später ging er in die Sowjetunion, wo er unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.

[4]Toller und Mühsam waren Protagonisten der Münchner Räterepublik und wurden nach deren Niederschlagung zu langer Festungshaft verurteilt.



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