# 002/ Rubik’s Cube


Mitten in den Anfangsjahren der Lyrotronik

Stan Lafleur

 

Als ich in den frühen 90ern das Lyrotronische Manifest entwarf, eine weitgehend unbeachtete Flammschrift zu künftigen Erfordernissen im Verhältnis von Literatur und elektronischer Revolution, schwebten mir u. a. Maschinen vor, die imstande wären, gesprochene Sprache mithilfe programmierter Befehle zu neuen Textgebilden zu verflechten bzw. während ihres Entstehens zu remixen. Die Folgezeit hat nach und nach die nötigen Programmiersprachen und solche Maschinen hervorgebracht: im Sommer vergangenen Jahres schloß sich ein rund zwanzigjähriger Kreis, als ich erstmals die sogenannten soundBlox des Bonner Animax Multimediatheaters auf ihre Tauglichkeit für lyrotronische Prozesse testen durfte. 

Bei den Bonner soundBlox handelt es sich um eine bisher einzigartige Spezialanfertigung nach Open Source-Plänen des reactable, einem an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona entwickelten, ohne Übertreibung fantastisch zu nennenden, futuristisch anmutenden, modularen Synthesizer, dessen Spezies in der Fachwelt auch unter dem Oberbegriff Tangible User Interface firmiert. Äußere Erscheinung und Grundfunktionen des reactable finden sich auf Youtube, gern geklickt und anschaulich, in Demonstrationsvideos dargestellt: Teil 1 / Teil 2

reactable wie soundBlox folgen, bis auf kleinere Bauunterschiede*, die jedoch Wirkung entfalten, demselben Grundprinzip. Wohl weil der reactable als spaciges, supercooles Musikinstrument konzipiert ist, wird er bisher auch dementsprechend aufgefaßt und kommt vornehmlich auf House-Events oder kam etwa bei der 2007er Bühnenshow von Björk (als prominentester Nutzerin) als besonderes Element zum Einsatz. Von einer (durchaus möglichen und anstrebenswerten) literarischen Nutzung ist bisher nichts bekannt. Die soundBlox hingegen, die weit mehr als eine Stehtischfläche, nämlich gleich eine große Theaterbühne und somit einen stattlichen Raum zum Omni-Instrument umfunktionieren, sind mit pädagogischen Hintergedanken speziell für Kinder entwickelt worden. Aufgrund ihrer Eigenschaft als Theaterausstattung mögen sie formal eher zum Beschicken mit Sprach- bzw. literarischen Samples einladen. 

Foto: Stan Lafleur

Für reactable wie soundBlox gilt: es ist nicht ganz leicht, an sie heranzukommen. Denn sowohl im Kauf, als auch im Selbstbau sind sie (noch) recht teuer. Und um sinnvoll mit ihnen arbeiten zu können, braucht es einiges an Studiotechnik und Know how. Als ich mir die Instrumente, ohne sie jemals gesehen zu haben, von Fachleuten erklären ließ, verstand ich zunächst wenig bis garnichts. Sobald ich sie jedoch anfassen und spielen durfte, erschlossen sie sich binnen Minuten, wenn nicht Sekunden – genauso erging es den Grundschulkindern, die ich die Klangwürfel kurze Zeit später erstmals im Rahmen eines Workshops mit poetischen Sequenzen füttern ließ. 

Die Kinder entwickelten sequentielle Bühnenstücke zu verschiedenen Themen. Dafür mußten die soundBlox zunächst mit passenden Sätzen, Halbsätzen, Reimen, Ausrufen und Geräuschen beschickt werden, die schließlich gezielt oder aleatorisch über bestimmte Würfelbewegungen abzurufen waren. Eine Gruppe bearbeitete das Thema »Rhein«. Sprachlich, choreografisch, sowie mittels Bühnenbild und -licht nahmen sich die Kinder drei flußtypische Aspekte vor: Woge, Mäander, Strudel. Die vorgegebene Zeit reichte lediglich zum Programmieren simpler Strukturen. Doch selbst auf Basisniveau ließen sich enorme sprachlich-akustische Effekte erzielen, die der Darstellung ihres Sujets auf bisweilen überraschende Weise entsprachen. 

Das lyrotronische Potential solcher modularen Synthesizer indes tendiert gegen unendlich. Zwar sind insbesondere bei den soundBlox einige Kinderkrankheiten nicht zu übersehen. Derartige Synthesizer stellen jedenfalls, sofern sie entsprechend programmiert sind, aufgrund ihrer spielerisch einfachen Handhabe ideale Werkzeuge zur poetischen Erweiterung verklanglichter Sprache vor. Die Grenzen liegen derzeit im Aufwand, letztlich jedoch nur in den Grenzen der Klangerzeugung und -wahrnehmung. Ergo steht der vortragende Dichter heute vor ungeheuren Möglichkeiten und Herausforderungen, sein Material elektronischen Energien zuzuführen. Ich sehe uferlose Wortsinfonien und verdichtete Texte von berauschender Intensität. Die Granularsynthese ermöglicht es, in die Tiefen des Lautes vorzudringen. Wir stehen vor noch kaum erfaßten und genutzten neuen Dimensionen verlautlichter Sprache mithilfe gebändigten Stroms.   

 

* Die soundBlox besitzen mit ca. einem halben Meter Kantenlänge recht grobe, d. h. auch: einfache Spieleigenschaften. Im Inneren sind sie mit Funk, Lautsprechern und Akkus ausgestattet. Äußerlich unterscheiden sie sich durch ihre Farben und amorfe Bildsymbole auf den einzelnen Würfelflächen, sogenannte Fiducials, die für Menschen auf den ersten Blick eher schwierig zu unterscheiden sind. Eine Deckenkamera erkennt und unterscheidet diese Motive jedoch problemlos und gibt sie an eine elektronische Schnittstelle weiter: die von der Kamera erkannten Vorgänge werden in Klang umgewandelt. Die Reichweite des Kameraausschnitts begrenzt die Spielfläche, deren Planquadraten  weitere Parameter zur Klanggestaltung beigemesssen werden können. An der Theaterdecke angebracht ist desweiteren ein Projektor, der die Würfel in gewünschte Lichteffekte, sogenannte Sprites, taucht.  

Jedem Würfel, jeder Würfelseite lassen sich beliebige Mengen an Klangdateien zuordnen. Die jeweils oben liegende Würfelseite wird von der Deckenkamera erkannt und kommt zum Tönen. Die Klangdateien lassen sich in wechselnder Reihenfolge spielen bzw modulieren und kombinieren, indem die soundBlox z. B. gekippt, gedreht, verschoben oder abgedeckt werden. Es handelt sich also um ein raumgreifendes, aus kinderleicht bedienbaren Einzelteilen bestehendes Instrument, das alle erdenklichen gespeicherten Klänge auf verschiedene und jeweils wieder abstufbare Spielarten abrufen kann.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954