# 008/ Lichte Verbrechen


Polizeialphabet

Zu Cristian Fortes Alfabeto Dactilar, mit einem Exkurs in Siegfried Kracauers Detektiv-Roman. Ein Essay von Léonce W. Lupette.

 

Literatur und Fingerabdrücke haben mehr miteinander zu tun, als auf den ersten Blick ersichtlich sein mag. Und um Literatur geht es hier, zumal wir es mit dem Urmaterial des Geschriebenen zu tun haben, mit einem Alphabet. Cristian Fortes Alfabeto Dactilar (Sestao: LUPI, 2014) ist ein Künstlerbuch, eine Mappe, die mehrere Blätter und zwei Siebdruckbögen enthält. Auf den Bögen befindet sich das eigentliche Alphabet: Für jeden Buchstaben steht ein bestimmter, originaler Fingerabdruck Fortes in einer bestimmten Position. Die Blätter ihrerseits sind Photokopien verschiedener Aufnahmen, die von der Künstlerin Francisca García stammen. Sie zeigen – ohne Angaben, nähere Spezifizierung oder erkennbare Ordnung – Vorstudien und Material aus dem Erstellungsprozess des Alphabets, Blätter und Tabellen mit Fingerabdrücken, Informationen zur Kriminalistik, auf- und durcheinander liegende Papiere und Fetzen, Schnipsel, Notizen, Undefinierbares, teils in Nahaufnahme oder verschwommen. Teils könnte es sich um Material aus einem Polizeiarchiv handeln, oder um Beweisstücke oder Indizien zu einem Kriminalfall. Ein Blatt zeigt ein Porträt des argentinischen Kriminalisten Juan Vucetich, auf den die Methode zurückgeht, Personen anhand von Fingerabdrücken zu identifizieren. Die Polizei ist in der Mappe präsent und Fortes Alphabet folglich untrennbar mit ihr verbunden.

Wo immer die Polizei Gegenstand von Literatur ist, geht es um ein totales politisches und poetisches Ordnungsprinzip. Polizei als Strukturprinzip geht über die gleichnamige Schnüfflerbande und staatliche Institution hinaus und ist verankert auch in anderen Institutionen, in den Texten, in den Textwissenschaftlern, in uns selbst. So bezeichnete Polizey noch im 18. Jhd. all jenes, was die Handhabung von Wohlfahrt und Sicherheit in einem Staat betraf, und nicht ein bestimmtes staatliches Organ. Polizei, so lehren uns die meisten Krimis, ist das, was die Gesellschaft zwanghaft ordnet und zusammenhält, und just ob dieses Ordnungs- und Kontrollwahns zerstört. Prinzipien der Polizei herrschen auch dort – wenngleich in veränderter Form –, wo die Polizei selbst nicht in Form von ermittelnden Figuren im Mittelpunkt steht, sondern wo Polizei als fundamentale und existienzielle Ordnungsstruktur wirkt. Dies ist auch bei Fortes Mappe der Fall. Was nun hat es mit dieser Polizeistruktur auf sich, und was bedeutet es in diesem Zusammenhang ein Fingerabdruckalphabet zu schaffen?

1925, dem Todesjahr Vucetichs und knapp dreißig Jahre nachdem in La Plata weltweit erstmals ein Mord anhand der Daktyloskopie aufgeklärt werden konnte, erscheint Siegfried Kracauers philosophischer Traktat Der Detektiv-Roman, der zu den brilliantesten Studien zum Verhältnis von Polizei, Literatur und Gesellschaft zählt, und dessen Erkenntnisse, wie sich zeigen wird, auch hier von großem Wert sind. Kracauer zufolge ist der Mensch obdachlos, weil er die wirkliche Welt bis hin zur Möglichkeit einer wirklichen Welt, aus seinem Bewusstsein, seiner Vorstellung und seinen Wünschen ausgeschlossen hat. Das konstitutive Prinzip dieses entwirklichten Lebens ist die Ratio, der Intellekt, der sich als unbedingtes Absolutes an Stelle des alles Bedingenden setzt, in dem auch er, der Intellekt, selbst gründet. Dieser Ratio geht es um die alleinige Eigenmacht, sie ist diejenige Macht, die alle in existenzieller Spannung bestehenden Mächte, z.B. die göttlichen, vernichtet. Sie vernichtet alles, was menschliche Existenzialität zur Vorraussetzung hat, nämlich die Paradoxien der Existenz und die Institutionen, die diese Paradoxien in das Leben hineinholen, wie Kirche, Gesetz und Staat. In ihrer Machtbesessenheit trachtet die Ratio danach, die Widersprüche zu tilgen, sie auszulöschen, sodass ihr die Welt eingeebnet widerstandslos zur Verfügung steht (Kracauer: Der Detektiv-Roman, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2006, 119). Das Operationswerkzeug des Intellekts sind die Begriffe, die abstrakten und formalen Allgemeinbegriffe, die logischen Deduktionen. Im Detektivroman wird die Ratio verkörpert durch die Figur des Detektivs. Der Detektiv - etwa Poes Dupin oder Doyles Holmes - offenbart den indifferenten Selbstzweck des Intellekts. Er ist ein passives Prinzip, das ständig angestoßen wird und dann wie ein Perpetuum Mobile unendlich leerläuft. Zwar attestiert Kracauer der Polizei, dass sie auch im Roman der entfremdeten Gesellschaft noch Ordnung schaffen wolle und ihr also an einem Rest Anklang an Transzendenz gelegen sei, weil sie ein Mögliches, noch nicht Gegebenes der Gesellschaft anstrebe (152). Polizeifiguren aus jüngeren Werken aber, etwa die schwedische Kommissarin Saga Norén aus der Fernsehserie Die Brücke, zeigen, dass die wahnhafte Ratio des Detektivs längst auch bei der Polizei angekommen und dass auch sie nicht mehr an einem prinzipiellen Ende aller Fälle interessiert ist.
Polizist und Detektiv sind keine Suchenden. Sie warten darauf, dass ihnen die Fälle zustoßen, und sie sind ihnen nur Anlass zum Funktionieren und die logischen Operationen des Intellekts auszuführen. Es ist ihnen nie am Gegenstand gelegen, noch am Ergebnis selbst ihrer Ausführungen, denn es geht ihnen nur darum, dass die Ratio sich ausführen kann und dass es überhaupt ein Ergebnis gibt. Das selbstsüchtige Erfolgsheischen des Detektivs meint den leeren Selbstzweck der Ratio. Indem sie ihre Bedingtheit, ihren Sinn und Ursprung in einem ihr höher stehenden Prinzip leugnet, versucht sie sich in sich selbst zu gründen und steht daher im leeren Raum, ohne Fundament, ohne Legitimierung, und die einzige Bewegung, die sie kennen will, ist der narzistische Triumph des Erfolgs, mit dem sie immer wieder in ihre eigene Leere zurückfällt. Das Verhältnis der Ratio zur Welt ist ein rein instrumentelles, und so wird sie zur reinen Zweckwelt. Ausnahmslos alles ist der Ratio Mittel zum Selbstzweck. Der Detektiv – und diese Attribute gelten heute z.B. auch für fast alle Tatort-Ermittler – ist ein selbstgenügsamer Einzelgänger, eine eindimensionale Figur, deren Charakter man nicht kennt, die keine Vergangenheit hat, keine Geschichte, und die sich aus der Möglichkeit sozialer Bindungen herauslöst, in negativer Analogie zum Zölibat des Priesters oder Mönchs in der Gemeinde. Mönch und Priester wollen verzichten auf die irdischen Bindungen zu Gunsten der Selbstübersteigerung, während der Detektiv rotieren will innerhalb der Schranken, die er (sich) selbst setzt. Auf diese Weise muss der Ratio der Zugang zur Wirklichkeit und Bedeutung der Welt und der Dinge verborgen bleiben. Als einziges Zugangsmaterial zur Welt anerkennt sie die formalen und abstrakten Begriffe, in die sie die Welt gewaltsam zerlegt und die die Dinge destruieren indem sie ihnen Objektcharakter verleihen, der gleichsam im Begriff geleugnet wird. In der Gemeinschaft, die nach Transzendenz trachtet, haben die Begriffe noch die Intention, sich auf die Wirklichkeit der Dinge zu beziehen, während gleichzeitig bewusst mitgedacht wird, dass sie diese verfehlen und überdecken, weil sie von außen an sie herangetragen werden und die Dinge in die leeren Begriffshülsen zwängen. Die Ratio hat dieses Bewusstsein über Sprache als Mimikry mit Vorläufigkeit und Inadäquatheit aufgegeben, und das Begriffsdenken als einzig mögliche und einzig nötige Sprache gesetzt (110). Kracauer richtet sich vehement gegen die idealistische Autonomisierung der subjektiven Ratio, die den Dingen eine Existenz als Dinge an sich abspricht. Unter der Herrschaft dieses Pseudo-Logos (129) vollzieht sich alles Leben und Denken in eindeutig bestimmbaren Handlungen und Abläufen. Widersprüche und Mehrdeutigkeiten darf es nicht geben, und alles wird betrachtet nach juristisch und begrifflich fixierten, bestimmten Kategorien, wird danach benannt und abgehakt. Mit einer derartigen Strukturierung bzw. Destrukturierung zerteilt der Intellekt die Welt in lose Tatsachen und Bestände, und kann sie auch nur als Tatsachenwelt hinnehmen. Sinn, Bedeutung, Zusammenhang sind längst zerfetzt und liquidiert. Die Ratio operiert indifferent und fraglos mit dem, was sie vorzufinden glaubt, sie will nichts verändern, wandeln, mehrdimensional entfalten und begreifen, sondern lediglich zuordnen, rechnen, vergleichen. Mit ihren abstrakten Allgemeinbegriffen und Identitätssetzungen (170) beraubt sie die Dinge ihres Gehalts und ihres Besonderen, und reduziert sie auf variable Funktionswerte. Die Welt der auf dieser Sprache basierenden Gesellschaft besteht nur noch aus einsamen Atomen, und die Ratio muss sie gewaltsam formen, um eine logisch fassbare Oberfläche zu suggerieren, an der sie sich als Motor der sich selbst erzeugenden Zweckwelt ohne weiteren Zweck beweisen kann. Der Detektivroman ist folglich selbst eine polizeiartige Form und Gattung der Strukturierung, denn die zerfallene Welt wird im Roman zu einem Ganzen gemacht, dessen Zerfall gezeigt wird. Paradoxerweise wird dieser Zerfall uns erst verständlich, zugänglich und bewusst, wenn wir den Text wiederum deuten, ihn also sezieren und zerstückeln, bevor wir ihn wieder mühsam rekonstruieren können.

Nun ist Fortes Alphabetmappe kein Detektivroman. Während dieser noch zusammenhalten möchte, was in seiner Zerfallenheit sich schlechterdings nicht mehr zusammenhalten lässt, hegt Fortes Alphabet keinerlei Hoffnung mehr. Es entsteht in einer Zeit, in der die Archive von Fingerabdrücken längst nicht mehr auf Karteikarten stehen, sondern sich in digitalen Massendatenbanken bei Bedarf sekundenschnell weltweit abrufen und abgleichen lassen. Gab es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Argentinien, dem Gemeinsamen Herkunftsland Fortes und der Daktyloskopie, noch rege Proteste gegen die massenhafte Erfassung von Fingerabdrücken – mit der Folge, dass die Regierung es Vucetich sogar verbot, an seiner Forschung weiterzuarbeiten –, zählt das Land heute zu den fragwürdigen Vorreitern biometrischer Datenregistrierung: Bei jeder Ein- und Ausreise werden die Daumenabdrücke gescannt, und schon bei allen argentinischen Kindern werden die Fingerabdrücke elektronisch registriert. Der Daumenabdruck ist Teil des Personalausweises, den auch in Argentinien lebende Ausländer bei sich führen müssen. Fortes Werk bezieht sich auf die Düsterkeit dieser umfassenden Kontrolle, wenn es einerseits auf der Materialität des Papiers beharrt, Unleserliches oder Unerkenntliches in starken schwarz-weißen Kontrasten präsentiert; und zugleich andererseits den Betrachter in die Rolle dessen versetzt, der sich das Material zugänglich machen will, wofür er es zunächst ordnen und gegebenenfalls kontrollieren muss. Schon für die Sprachen und Methoden der Kategorien, der Begriffe, der Analyse sind Kracauers Feststellungen fatal, besagen sie doch nicht nur deren Scheitern, sondern auch deren destruktiven Charakter. Ebenso wie das Werk von dem Zerfall befallen ist, dem es entgegenwirken möchte, läuft noch die behutsamste Analyse Gefahr, den Tücken der instrumentellen Ratio anheimzufallen und sich zu ihrer Komplizin zu machen. Fortes Alfabeto Dactilar lässt daran keinen Zweifel. Anders als im Detektivroman oder in der Polizeiserie ist Atomisierung die Form dieses Werks. Die losen Blätter und die Abbildungen die sie zeigen sind das Gegenteil eines logisch fassbaren Zusammenhangs, und genau darin unterläuft das Werk die Polizeilogik, während es ihrer Eingeschriebenheit in sie bewusst ist und diese mitdenkt. Die einzige Figur, die dem Wahn der detektivischen Ratio verfallen könnte, ist der Leser bzw. Betrachter der Mappe, wenn er sich versucht fühlt, die verschwommenen Bilder, Textfetzen, Fingerabdrücke etc. in logische Verbindungen zu zwängen. Zugleich aber insinuiert Fortes Alphabet genau dies. Das Alphabet ist codiert, und der Leser bräuchte, um etwa einen daktylographisch verfassten Text lesen zu können, den auf den Bögen enthaltenen Schlüssel, der den Fingerabdrücken des Autors die jeweiligen Buchstaben zuweist. In dieser Bewegung wird der Leser zum Komplizen der verheerenden Polizei, und der Autor und sein Werk stehen auf der selben Stufe wie der Verbrecher, der Verdächtige, wie die Welt, die von der Ratio unwiederbringlich in Stücke zerlegt wird. Es ist aber der Autor selbst, der diese spezielle Datenbank angelegt hat und der den Leser dazu zwingt, spätere Texte mit ihr abzugleichen, um sie verstehen zu können. Auch dies erinnert an eine bestimmte Form wahnhafter Logik, die wir aus dem Genre jener Psychothriller kennen, in denen Serienmörder bewusst Fährten legen und Zeichenzusammenhänge konstruieren, damit ihre Botschaft entschlüsselt werden muss. Auch diese Figuren verfolgen meist das Ziel, mit ihren Akten Kritik an jenen Verhältnissen und Methoden zu üben, die zugleich unabdingbar sind, um die Kritik selbst zu verstehen. Das hat fundamentale Folgen für den Leser und Interpreten von Literatur: Der Textdetektiv muss sich Gedanken darüber machen, wie er einen Text deuten kann, ohne ihm mit inadäquaten Begriffen, Methoden oder Schemata gewaltsam zu begegnen und ihn zu verbiegen und zu zerstören. Die Polizeiliteratur macht eine Aporie bewusst, die für unseren Umgang mit Sprache und Verstehen an sich von Bedeutung ist: Wie können wir über ein Werk sprechen (oder vielleicht noch radikaler: wie können wir überhaupt sprechen), ohne es und die Sprache zu unserem Selbstzweck zu missbrauchen?



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KARAWA.NET ERSCHEINT ZWEIMAL JÄHRLICH / ISSN 2192-1954