# 003/ Leichte Geografie


PRINCIPES MORTALES – REM PUBLICAM AETERNAM

Tom Bresemann

 

AUS: PRINCIPES MORTALES – REM PUBLICAM AETERNAM

 

I

Denn wenn das Recht verletzt werden muss, dann nur der Herrschaft wegen: wo es um anderes geht, halte die Gesetzestreue hoch.

wie man den zwist vom zaun bricht,
so soll er auch beendet sein, heißt es
nicht umsonst sondern auf höchsten geheiß,
darauf der handschlag des geschäftsführers,
denn schwarze zahlen sind endlich in sicht,
die engsten angehörigen hingegen: hieb und stich,
von ihnen überdauert keiner standesgemäß um mehr
als wenige quartale die überfällige kalenderkorrektur,
jenes ausloten der monatsmitte, punktgenau
gerät so der tyrannendolch zum gradmesser
... also auch du? dann bitteschön, versuch doch jetzt mal,
einem dieser hergelaufenen dorftrottel

die republik zu erklären, besserwisser.

 

II

So blieb er dabei, die Leitung des Staates nicht aus der Hand zu legen. Es ist schwer zu entscheiden, ob der Erfolg lobenswerter war oder der gute Wille.

den krieg benannte er einfach um.
die eigenen taten überlebte er mit stumpf und stiel
ebenso überlieferungsgroß wie einzig.
den frieden trieb er dem erdkreis gründlich ein,
dem reich das corporate design
seines allumfassenden weiße-westen-apparats.
die zeit verzeichnet er fortan wie es beliebt
als sein rechtmäßiges erbe.
vom berufsneffen zum großvater
aller folgenden väter des vaterlands,
zweifellos noch als abbild
gleicher, als alle anderen gleich,
dabei unumstrittener liebling jener,
denen fürderhin ihr leben lieb sein mag
in diesem fürstlich aufgeopferten
franchiseangebot entfernter beziehungsweise

zu entfernender verwandtschaft.

 

III

Sollte jemand eine andere Meinung geäußert haben, werde ich mir die Mühe geben, mein Tun und Reden vor ihm zu rechtfertigen; sollte er aber weiterhin auf seiner gehässigen Meinung beharren, werde ich zur Abwechslung ihn hassen.

der lorbeerkranz als blitzableiter,
so direkt unterm schirm der götter herrscht
die klarheit deiner stimme als einziges argument.
spar dir den den vogelflug – aberglaube ist was für verschwender,
vergiss nicht, wenn es donnert: wer du bist,
bist du als überlebender, überbleibender, noch eben
aus dem familienexil der unsterblichen auf uns herabgekommen.
schon verstummt bei tisch das gelächter,
wenn du erscheinst, geht geflüster, wie du den rücken kehrst,
der alte hätte dich aus reiner bosheit erwählt.
noch hört man die zähne knirschen, bald jedoch
setzt der kauvorgang ein, gemütlich fast, mit seeblick:
dieses angstschnappen aus dem augenwinkel,
was du dir verbitten lässt und

wie es dir um den mund geht, diesen unersättlichen geizkragen

 

IV

Er kannte selbst kein Schamgefühl, noch schonte er das der anderen.

ruß der kaschemmen am sonnenglanz, kein grund
sich zu verstecken, räudiger wolf im wolfspelz,
verkappter schmeichler, schmutziges stiefelchen im gesicht
der reiterstatuen, man ist entweder ein armer mann oder eben
oberster fleischbeschauer, kopf hoch, exquisites opfer-
tier, liebste der schwestern wie letzte der göttinnen,
triff so, dass es spürt, dass es stirbt – so tief, dort sitzt
das selbstmitleid der allgewalt: ach

hätte das volk doch nur einen hals

 


 

HOMO NOVUS

Und weil nun einmal in uns in besonderem Maße der Trieb lebendig ist, die materiellen Möglichkeiten unseres menschlichen Daseins zu verbessern, und sich damit das Bemühen verbindet, durch unseren geistigen und körperlichen Einsatz dem menschlichen Dasein eine größere Sicherheit und weitere Entfaltungsmöglichkeit zu verschaffen, und weil es eben die natürliche menschliche Veranlagung ist, die uns zu einer solchen, sinnliche Befriedigung gewährenden Betätigung anspornt und anstachelt, so wollen wir den Kurs einhalten, den schon immer gerade die besten Männer eingeschlagen haben – Marcus Tullius Cicero

 

panis mundus

Bier auf Wein, das lass sein.

Was, Mitbürger, wollt ihr sein lassen?

Die Hefe der Backstuben dieses Reichs
ohne Geschmacksgrenzen, deren Vorarbeiter?

Wo kann ich hier den Mund voll Kurs erhalten,
das angemessene Deckenmaß an Haltungsschaden?

Weiß denn hier jemand nicht, wie um sich selbst,
wem er gehört, Gehör schenkt?

Wer beträte und verließe hier als Guter die Geschichte?

Wenn Krüge quillen, zur soundsovielten Dolchstunde,
wer fände sich hier wieder oder dort ein?

Wer wüßte hier die Farbe seines Brotes nicht,
die Farbe seines Weins?

 

omnium consensu

Ein Meister der Rede war das, mein Sohn,
ein Meister und ein vaterlandsliebender Mann.

Schon die ersten Liveauftritte
absolvierte er genau und ganz
nach altbekannter Sitte.

Bald trugen alle Guten
Shirts mit seinem Konterfei.

Zum New-Faces-Award
der Gemeinsamen-Sache-Macher
sah man seine Züge ganz vorn.

Gern gibt man bei,
dass wenigen der Zugezogenen
die hergebrachten Gewänder
so gut anstanden wie ihm.

Diese ungekünstelte Art,
bei jeder sich bietenden Gelegenheit,
immer ganz Abbild seiner selbst zu sein.

Wir haben ihn nie als Menschen
gesehen, das wurde uns erst spät erklärt -
dieses Herausragen aus der Sänfte,

dieses Bessersein als die Besten,
dieses Abtauchen in schwindel-
erregender Höhe.

 

panis rusticus

Sie haben gelebt!

Der kürzeste Vers
raubt dem Hervorragenden
noch in der Altersteilzeit Stunden,

die er, verdoppelt, nicht entbehren kann.
Die vielen Boni und Betriebskostenabrechnungen
füllen dem Verbannten das Lager auf Jahre.

Die Stadtvillen überlässt er zur Not dem Mietpöbel
der Magengegend als Brandschatz,
und überliefert ein Verlustgeschäft.

Allerdings verknappen sich später nicht nur die Margen
empfindlich, als man beginnt, vom Staatsgebäude
Stockwerke abzutragen.

So wird das Gute gleichgemacht –
das nennt man städtebauliches Konzept.
Die Skyline eines Augenaufschlags.

 


Die Gedichte sind 2010 im Mitlesebuch 102 (APHAIA VERLAG) erschienen.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954