# 008/ Lichte Verbrechen


Rohschnitt

Ursula Krechel

Rohschnitt (Auszüge)

 

29

Wer richtet, ist schon gerichtet

wer formt, schon aus der Form gegangen

das stille Leben ist davongelaufen

aus den ruhigen Bildern; der Blick richtet sich selbst

ins Auge gefaßt.

 

Auch dies ein Bild: die nackte Verzweiflung

im Kleiderladen, Röcke auf Bügel gezurrt

einer wie der andere stumpfsinnig kariert.

Wir gehen jetzt, sagt die Mutter.

Wann ist jetzt? fragt das Kind.

Nähe und Ferne, die Linse richtet sich

auf eine weiße Wand, auf Buchstaben, Wörter

Gedankenlosigkeit. Wer mehr sehen will, muß näher treten

wer alles sehen will, ist schon weggetreten

in eine geläufige Welt, auf fliegenden Vorsatz geleimt.

 

Weil die Wörter sich klüger machen

sich aufplustern, auspolstern lassen

zu einer langen Reise

Verkehrsschilder wandern vorbei

Terrassen, auf denen nie jemand sitzt

unter gut gegossenen Oleanderbüschen

samstags wird immer noch der Hof gekehrt

und kein Kräutchen blüht zwischen den Mauerritzen:

wie die Wörter locker sitzen.

Zu viel Reichtum in begradigten Straßen verbaut.

Vier Jungen jagen eine Ratte die Gasse hinab

mit hepp und hoh, die Jäger, das Tier 

im Rinnstein hetzt, die Jäger johlen. 

Lauf, Ratte, lauf. Und ist ein zitterndes Fellchen

mit viel zu großen Pfoten. Ein Junge hebt den Ranzen.

Nicht, nicht. Sie flüchtet

vor, zurück, quer durch die Gasse.

Der Kanaldeckel ist nicht ihr Schlupfloch

hinter dem Autorad ist nicht ihr Schlupfloch

neben der Mülltonne ist nicht ihr Schlupfloch.

Komm raus, schrein die Kinder, immer mehr Kinder

jeder ein Kingkong und eine kleine weiß Frau.

Erbarmen mit der Ratte

das ekle Tier bebt, hakenschlagend.

Lauf, rufen wir

in einen anderen Film geraten

das Ekel als gejagtes Wild

und endlich vor vielen Augen findet sie ihr Kellerloch:

gerettete Ratte. Glück.

 

Eine kleine Warenkunde der Wörter

aus dem Drehbuch gefallen

über nichts und niemand erkältet sich der Tag

weil die Wörter schon aufgebrochen sind

ungesprochen rüsten sie sich

für die Flucht in die Kälte des Weltraums

das Schweigen in den Hochhäusern, Müllschluckern

für Kindergeburtstage, zu denen niemand kommt

zu alt, zu ängstlich, nicht eingeladen

eine Kinderstunde im Fernsehen

Fremdheit auf Rolltreppen, mittäglich leere Straßen

Scherengitter zugesperrt, Hohn auf leeren Tonbandspulen

weil die Wörter über uns hinweggegangen sind

sitzen geblieben sind wir

der Fahrplan unleserlich

so warten wir, daß sie wieder kommen.

 

Wir haben Hochsitze erkämpft

sitzen in aller Frühe auf nassen Bänken,

kein Zug kommt vorbei, das wilde Wild

ist ausgestorben vor unseren Tagen.

Wann ist jetzt?

Wie kommen die Wörter in die Bilder

wo rutschen die Bilder aus den Wörtern

wie vermischen wir, was eines vom anderen

geschieden ist? Schlüsselbein, Kälberstrick, Rattenfell –

Geh in den Wörtern baden, sagt die Kluge.

Hör, wie sie klingeln, sagt die Schöne.

Und nimm sie in die Hand, sagt die Mutter.

Wer wird denn wie ein offenes Messer

ein Leben lang durch die Landschaft laufen

ohne an Schärfe zu verlieren?

Messer darf man nicht verschenken, Messer

werden verkauft. Viel zu gefährlich

rufen sie und breiten

wohlige Ruhe über die aufgewirbelten Wörter.

 

Als wir die Welt in Bildern betrachteten 

da wars sie ein leeres Schneckenhaus.

Es rauschte, rauschte, wir waren draußen und

kein Geheimnis darin. Das Kind kniet davor

und ruft und ruft mit einer Schafsgeduld:

Schneck, Schneck, komm heraus

strecke deine Hörner aus!

Und macht sich keinen Reim, daß keine Schnecke kommt

wie es auch schmeichelt, bettelt, brüllt.

Gibt es nicht Schnecken wie Messer und

Sand am Meer und nützliche Wörter wie »bitte«?

 

Am anderen Morgen sind Mauern bemalt

mit leuchtenden schiefen Buchstaben

hastige rote zornige Wörter, wir gehen an Wörtern entlang

und das Kind malt sie ab.

Hausfrauen sind unterwegs mit Schrubber und Bürsten

und putzen Buchstaben für Buchstaben weg.

Freiheit für –

das andere ist schon weggeschrubbt

weiter, weiter putzen sie

gleich ist die Freiheit weggeschrubbt.

 

 

31

Nachts verwandeln sie sich in reisende Wölfinnen.

Dorfhunde spielen Doubles. Über den Autobahnzubringer

streunen sie: die Kluge die Schöne die Mutter.

Und wer sie erlegen will – sie stellen sich taub.

 

Eine Radiodurchsage warnt vor ihnen. Ich trag

im Hebammenkoffer Büchsenfleisch, den Büchsenöffner

Salz, Papierservietten nach. Die Schlösser des Koffers

schnappen. Und wer die Wölfinnen erlegen will –

 

tollwütig oder nicht, den beißen sie

in die Hinterreifen. Streunende Wölfinnen bei uns

heißt die Schlagzeile im Tagblatt. Genug!

Und wieder Warnungen und Nackenhaare sträuben sich.

 

Da brechen der Wirt und der Metzger auf

der Tankstellenbesitzer schließt sich an

und der amtliche Tierarzt folgt im gemessenen Abstand.

Beim Wirt haben sie eine Flasche Mut getrunken.

 

Die wilde Jagd beginnt in ihren Köpfen.

Scheinwerfer abgeblendet, Flinten im Anschlag

so liegen sie auf der Lauer. Und wer sie erlegen will –

kein Mond bedeckt das Feld. Nachts heulen die Wölfinnen

 

in einem fremden, langgezogenen Ton den Männern

in die Ohren. Dorfhunde spielen Doubles.

Knoblauchzehen unter den Rockaufschlägen

Sprechfunkgeräte, Flinten im Anschlag, im Hosenstall

 

das Beil, so gehen die Männer, gehen bei Rot

über die letzte Kreuzung, einer wacht beim Kindergarten

einer am Kunstdüngersilo, einer beim Autobahnzubringer

und der Amtsarzt an der Laderampe des co op.

 

Sie werden die Wölfinnen stellen.

Kein Mond, kein Wind, kein Tod. Da fällt

ein Schatten auf das Blumenbeet vorm Kindergarten

der Wirt sieht schon der Wölfin ins gnadenlose Aug.

 

Sie keucht. Ihr Atem fliegt. Sein Herz ist kalt.

Er schießt, trifft nicht. Die Wölfin sträubt das Fell.

Schon ist der Metzger da und hebt das Beil. Er hackt

der Wölfin in den Lauf. Sie heult nicht, reißt

 

sich los, dreiläufig springt sie ins Gestrüpp

ihr Atem eine Wolke, und ist verschwunden.

Wirt, Metzger, Tankwart klopfen sich den Rücken

und stecken den Lauf der Wölfin, die Trophäe, ein.

 

Der Amtsarzt schreibt die Wölfin krank. Sie trinken

wieder Mut aus vollen Flaschen, rufen das Tagblatt an

es schläft, rufen den Landrat an, der wacht und lädt

sie ein so spät noch. Sie kennen sich lang genug

 

aus ihrer Schützenbrüderschaft, Flinten im Anschlag

und fallen ihm ins Haus mit neuen Flaschen Mut. Wo

ist die Frau des Landrats? Heute beim Heimatabend

Bridge, Spanischkurs? Genug der streunenden Wölfinnen.

 

Prost. Sie trinken. Mut fällt ab, und wohlige Wärme kommt.

Der Landrat lobt die Bürgerwehr. Die Helden leben hoch.

Daß wieder Ordnung herrscht. Zum Abschied schwankend

holt der Wirt den Lauf der Wölfin aus dem Sack. Blut

 

tropft und keiner ekelt sich. Der Arzt wird bleich

der Metzger stumm: in der Hand des Wirts ein Frauenbein

ein Schuh mit Riemchen, Schnallen, die kennt der Landrat

ganz genau am Bein der ungetreuen Landratsfrau.

 

Am Morgen frühstücken wir so spät wie immer

betrachten beiläufig unsere schlammigen Schuhe.

Die Beleuchtung stimmt Bild für Bild.

Kein Tagblatt kommt. Dorfhunde spielen Doubles.

 

 

32

Das war der Tag, an dem die Schöne

vier Schuhe kaufte

vier Schuhe für zwei Füße

und die Schuhe waren schön.

Sie öffnete die Kartons mit süßsaurem Lächeln

– Lacht nicht, sagte sie, vier Schuhe –

schlug das Seidenpapier auseinander

ein Hahn krähte

– Habe ich zuviel gesagt? –

da lagen die Schuhe, weich gebettet

wie frisch geborene Kinder, und sie waren schön:

zwei stöcklige königsblaue, Absätze scharf wie Messer

und zwei flache ruhige Boote, weich und camparirot.

Wir nahmen die Schuhe in die Hand

lobten ihren Geruch und die Geschmeidigkeit des Leders

fragten auch nach dem Preis.

Hähne meldeten sich auf entfernten Höfen

und ein Hund schlug an.

Schweigen. Wäre jetzt

eine Kamera aufgebaut, jetzt ins Unreine geredet

erster Entwurf, drehfreier Tag, wie erlebt.

Teuer, sagte die Schöne, sehr teuer, was

erwartet ihr sonst? Hätte sie in die Linse gesprochen

wir hätten sie erröten sehen camparirot in den Haarwurzeln

vom Leder hätte sie gezogen, künstlich outriert:

Schimpft mit mir

Konsumrausch, Frustrationskauf, blinder Ästhetizismus

auf weichen Sohlen ins Fußbett gekrochen undsoweiter –

schimpft.

Nein, sagten wir, es sind schöne Schuhe

vier Schuhe kannst du vier Jahre lang tragen

an zwei Füßen, wenn du manchmal barfuß gehst. Geh

wo sie dich nicht drücken, wenn dein Herz dran hängt.

Lauf dir die Hacken ab, trag deine schönen Schuhe.

Flecken von Tinte und Butter und Hundedreck

tragen sie allein. Die Schöne bettete ihre Schuhe

unters Bett, legte sich darauf, schlief und träumte

von den blauen Absätzen, messerscharf

stachen sie in einen grauen Himmel, wetzten die Wolken

und als sie träumte, war der Himmel königsblau.

 

War das der Tag, an dem das Kind

die Welt verteilte, das geliehene Kind

seines Vaters, seiner Mutter mächtig

und der reisenden Frauen über Land?

Allmächtig verteilt das Kind:

die Berge gehören den Leuten

die Autobahn dem König oder wen es dafür hält

den Schlüsselblumen die Schlösser

den Eidechsen die Eier. Und uns, rufen wir

kein Stück vom Kuchen, kein Absatzfleck, kein Kind?

Scheinheilig fragen wir. Wir haben alles 

(uns) hinter verschlossenen Türen, und das Kind weiß es.

Gebettelt wird nur freitags.

 

Das war der Tag, an dem wir

dem Briefträger auflauerten, der uns enttäuschte

und eine Sonne lachte, schlich

nachmittags auf samtigen Pantoffeln ums Haus.

Wir lobten den Tag vor dem Abend

nagelten ihn fest.

So sollte er sein, in Zufälle gefallen

angestoßen von Schuhen, einer Sonne und Post 

die nicht kommt. Eine herrenlose Wirklichkeit

tagelöhnerisch, wie kein  Hund an der Leine zu führen.

Unsere Schuhe liefen in einer armen Prozession

zuerst im Kreis immer um das Kind herum

und, als das Kind dann schlief

bis zur Milchstraße und zurück

durch Pfützen zur Friedhofsmauer

wo Käserinden und modrige Kränze liegen

in der Stille, in die unsere Absätze tauchten.

So kleine Vergnügen, den Tag anzunagen

man könnte sie in einem Schuhkarton aufbewahren

wie gefangene Maikäfer, die immer schon tot sind

wenn Kinder erwartungsvoll mit dem Karton rappeln.

 

Das war der Tag, nach dem ich

in der Nacht aufstand. Im Trauerkleid ist Entblößung

Blasphemie. Die Knopflöcher sprechen

von nützlicher Vergeßlichkeit.

Mit offenen Mäulern standen die Schuhe herum

sie hatten die Stirn

geprügelter Hunde.

Ich rückte sie ins Licht der Nachttischlampe

– ein verfrühter Hahn krähte –: Für ein Glück im Wetter

seid ihr jetzt zu alt, redete ich ihnen zu.

Sie rührten sich nicht.

Wovon jetzt die Rede ist, das geht

auf leisen Sohlen, und ehe es ins Bild kommt

ist es ein anderes Bild, und wir verkleiden uns

als Stiefelknechte der Bilder. Die Moden wechseln ― wie wir

die Schuhe wechseln. Das tonangebende Kind schreit.

Sie rührten sich nicht. Ich fall euch nicht zur Last –

fast trennte ich mich schon von ihnen. Wenn ihr

die Wolken streifen wollt, höher die Hügel hinauf

geht eurer eigenen Wege. Duch das Spalier der Schuhe lief ich

in dieser Nacht weiter, weiter, ertrotzte mir den Weg

durch Wohnwagendörfer, an wilden Zeltern vorbei

bis zum Fluß: da lagen die campariroten Schuhe der Schönen

luden ein zu einer Kahnpartie. Ich ruderte, glitt flußaufwärts

in den roten Schuhen, die mir nicht paßten oder dann doch

bis zur Staustufe, in der der Schleusenwärter Suppe aß

und mir einen goldenen Bären schenkte.

Den Bären, vor dem das Kind sich fürchtete, ertränkte ich

im Fluß. Im Traum. Am anderen Tag

bei Tageslicht besehen drehten wir uns um uns selbst.

 

 

33

Eine Hand wäscht die andere

die sich gewaschen hat, aber

eine will nicht gewaschen werden

will die andere waschen

aber die wäscht eine

die schon die andere wäscht.

 

 

34

Ich sagte: Deutschland. Sie fielen mir ins Wort

riefen: Bierwurst, Zungenwurst, Rechtsprechung, das war

zuviel schon am Anfang im grünblättrigen Frühjahr.

 

Ich rief: Ruhe. Sie riefen: Bildungsurlaub. Ich gabs zu.

Sie riefen: Baugenehmigung, Ärzteschwemme, Hutschnur.

Ich sagte: Laßt mich ausreden. Und noch einmal: Deutschland –

 

Sie wußten es besser. Ich war der Esel, sagte noch Kitzler

störrisch, verbohrt, aber sie schlugen den Sack.

Wir saßen auf einer Terrasse, Hotel Schönblick

 

links vor uns die Alpen, vertraut, in der Mitte der Parkplatz

über Landesgrenzen hinweg Tag und Nacht bewacht

rechts Atommülldeponie mit Golflöchern, gerodeter Wald.

 

Die Kluge die Schöne die Mutter: sie wußten gleich

Deutschland ist eine Grube, anderen gegraben, in die 

fällt es selbst hinein. Ich ließ die Hosen runter

 

besser jetzt als später, ging auf den Händen.

Pfui, riefen sie, Aktivismus, pfiffen mich zurück.

Ich lachte sie aus, zum ersten Mal, verlor das Gleichgewicht

 

lachte über mich selbst, erhob mich über die Frauen

Uhr sprang in die Sommerzeit, der angebrochene Tag tat weh.

Sie riefen: Außenhandelsdefizit, konform, Tiefgarage.

 

Die Schöne kämpfte gegen den Spliß in ihrem Haar.

Und Gläser und Flaschen und Ströme von Mineralwasser

zwischen uns auf dem Tisch, der Blick verstellt

 

kein Kellner weit und breit, wir tranken uns halbtot

die Mutter schluckte, sie riefen Loden, Schilfleinen, Tankschiff.

Dreimal schluckte die Mutter, das war der Schluckauf.

 

Ein Königreich für ein Lexikon, die Welt von A bis Z

das tapfere Schneiderlein neu bearbeitet mit Sonnenblenden –

dies Spiel ist meines: Die Kluge trumpfte auf.

 

Wie lernt man sehen, ohne die Augen zu schließen?

Ich wehrte mich dürftig, ging zu Boden, müd schon, gequält.

Deutschland bestand aus Worten, die deckten mich zu.

 

Bauplätze bewacht wie Todesstreifen, Probebohrungen

Beweise für Taten. Die Mutter verstand: Probeporen

klinisch getestet, daher gut für die kosmetische Industrie.

 

Die Schöne schüttelte sich. Ich sah Risse in ihren Lippen

Risse im Haar, Risse in den Wörtern, Sätzen, nickte aber

der Mutter ins Gesicht. Zum Dank verschüttete sie Mineralwasser

 

mir aufs Hemd. Macht nichts, sagte ich. Macht nichts, sagten alle.

Deutschland macht nichts. Macht nichts, wenn es brennt.

Alles verwässert, Schluckauf für alle, alle Macht den Gräten.

 

Ich lag in einer Lache Mineralwasser, muckste mich nicht.

Nun riefen sie aus einem Mund: Gibt es ein Leben vorm Tode?

Steuern für den Zoo-Ausbau. Die Schmeißfliegen vermehren sich.

 

Grüßt mir das Nullwachstum, lachten sie. Die Mutter gebar

einen Grand in der Hand, da rappelte ich mich auf

stöhnte Westerwald, Philologenverband, Säure, aber das

 

war gegen die Regel, einmal aussetzen, nachsitzen

die Spielzeugindustrie produziert Spiele für Erwachsene.

Eine mischte die Wörter. Eine hob ab. Eine gab aus.

 

 

35

Das Kind trägt in sich

einen kleinen Motor

Freundschaften zu schließen.

 

Den schaltet es ein und aus

röhrend, ein und aus

bis er kaputt ist. Aus.



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