# 003/ Leichte Geografie


»Russland ist nach wie vor ein Dostojewski-Land«

Der Lautpoet Valeri Scherstjanoi spricht mit karawa.net über russische und deutsche (Laut-)Dichtung, fremdsprachliche Einflüsse und das Verhältnis zu seinem Geburtsland.

 

KARAWA.NET: Vor Kurzem erschien deine Übersetzung von Alexei Krutschonychs Phonetik des Theaters (Reinecke & Voss, Leipzig 2011). Der russische Futurist hat dadurch in Deutschland wieder einige Aufmerksamkeit erhalten. Kannst du etwas darüber sagen, welche Bedeutung Krutschonych heute in seiner Heimat Russland hat?

VALERI SCHERSTJANOI: Es gibt einen Fernsehbeitrag zur Frage, wie lange die Lautpoesie noch lebt. Darin wird ein Gedicht von Krutschonych präsentiert. Und dann sieht man einen sowjetischen Lustspielfilm aus den sechziger Jahren, als Krutschonych noch lebte. Drei kriminelle Typen haben vor, in ein Geschäft einzubrechen. Einer sagt: »Das wird ne Operation« – Und der andere: »Wie?«- Und dann gucken sie ihn an. Und dann sagt er: »Y«. Und die beiden todernst zu ihm: »Warum Y?« – Und er guckt sie an: »Damit es keiner erfährt! « – Den Film habe ich mit zwölf Jahren gesehen. Den kennt nach wie vor die ganze ehemalige Sowjetunion. »Y« ist eigentlicher einer der russischen Buchstaben. In dem Fernsehbeitrag werden Krutschonychs Lautgedichte mit solchen Passagen illustriert. Das heißt, die Lautpoesie lebte und lebt schon immer im Volk.

KARAWA.NET: Kann man sagen, dass es in Russland generell eine stärkere Tradition der oralen Überlieferung von Poesie gibt? In Deutschland sind die Zeiten, als jeder Schüler die »Glocke« rezitieren konnte, jedenfalls vorbei.

VS: Die Russen reimen bis heute. Und wenn du ein Gedicht reimst, dann ist es wie ein Lied, ganz leicht zu merken. Es wird eine russische Hochzeit gefeiert, und was singen die Russen? Sie singen Gedichte von Sergei Jessenin, einem großen russischen Lyriker, der sich 1925 das Leben nahm. Seine Gedichte sind in jeder russischen Wohnung, auf jedem Regal. Es sind wunderschöne Worte, fein gereimt. »Ein verwahrloster Garten war ich. Ach, die Weiber und Gifttränke vielen! Suff und Tanz – ich habs leid bis zum Strich, All mein leben wie nichts verspielen.« (Deutsch von Adolf Endler). Chlebnikov dagegen singt man kaum, weil die meisten seiner Gedichte die Metrik brechen oder freie Verse (vers-libre) sind.  Aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel eine Rockgruppe mit dem Namen АукцЫон (»AukzYon«: Wortspiel aus »Auktion« und »Action«), sie hat in ihrem Repertoire Chlebnikows »Sangesi« und »Bobeobi«.

KARAWA.NET: Welche Unterschiede siehst du zwischen der russischen und der deutschen Lyrik?

VS: Ich habe nach wie vor Schwierigkeiten mit der Lektüre der deutschen Lyrik. Ich kann nicht einen Lyrikband einfach so, ein Gedicht nach dem anderen lesen. Man liest ein Gedicht und dann denkt man darüber nach oder man liest es in Gesellschaft vor. Ich denke, die deutsche Lyrik neigt dazu, eher Gedankenlyrik zu sein, die man nicht laut vortragen möchte. Hat das mit der Mentalität zu tun? Vielleicht mit den slawischen Sprachen. In Polen oder Tschechien gibt es zum Beispiel auch eine Verwandtschaft zur russischen Schlager-Musik. Es gibt mehr Kontakte zwischen den slawischen Ländern. Oder auch zwischen Russland und Frankreich. Wenn es um die Chansons geht.

KARAWA.NET: Das führt zur Frage, welche Dichter aus anderen Ländern importiert werden, was übersetzt wird. Was kommt jetzt aus Amerika beispielsweise, was kennt man für Autoren, und was gibt es als Eisberg darunter? Die interessantesten Sachen kommen meistens wahrscheinlich gar nicht rüber, weil sie schwerer zu übersetzen sind.

VS: Als ich von 1994-1998 die Lautpoesie-Festivals BOBEOBI in Prenzlauer Berg ins Leben gerufen habe, und wirklich die bekanntesten Lautdichterinnen und Lautdichter aus der ganzen Welt eingeladen habe, sind fast alle gekommen: von Henri Chopin bis Franz Mon. Es waren zwei Generationen. Aus Kanada, Australien und Russland. Da standen Schlangen. Das war so ein gutes Gefühl: du gehst zu deinem Festival und da stehen Schlangen. Allein Arrigo Lora-Totino, seine Körpersprache. Er braucht nicht zu sprechen – man wusste: ein alter Meister aus Italien ist da. Und wenn er ein paar Laute sagt, seine Mimik dazu – es können auch abstrakte Laute sein; da hat man natürlich seine Freude dran gehabt. Aber immer war die Angst da, dass es für die Leute bloß Unterhaltung ist.

KARAWA.NET: Viele haben wahrscheinlich Schwierigkeiten damit, sich auf Lautpoesie wirklich einzulassen.

VS: Ich denke, die Lautpoeten werden von den Musikern am ehesten akzeptiert. Mit den Musikern versteht man sich besser. Mit der Neuen Musik ist es genauso wie mit der Lautdichtung. Da kommen auch nicht 2.000 Leute. Aber müssen wir für 2.000 Leute arbeiten? Leute wie Ernst Jandl, die eine so große Wirkung erzielt haben, das waren Ausnahmen. Wer war sonst erfolgreich in Deutschland? Oskar Pastior ja, aber viel weniger als Jandl. Genauso Thomas Kling. Ich glaube, vor 100 Jahren war die Situation nicht anders. Das Ende des Berliner Dadaismus: Ich sehe Raoul Hausmann, den einsamen, der durch die Straßen Berlins läuft und voller Enttäuschung ist. Kurt Schwitters geht für immer nach Hannover. Raoul Hausmann beschäftigt sich auf Sylt mit  der Kunst der Fotografie. Ich denke auch: Lautpoesie ist etwas, was sich aus der Situation heraus ergeben kann. Hausmann war mal irgendwohin, zu einer Party (Frankreich der 60er Jahre) eingeladen, die Leute gucken ihn an und amüsieren sich. Es gibt Wein, es wird gegessen und es wird getrunken, und dann improvisiert  und gestikuliert er, einfach so am Tisch.

KARAWA.NET: Dein Kontakt zur deutschen Lautpoesie entstand, als du aus Russland in die DDR gezogen bist.

VS: Ende 1979 habe ich den Galeristen Georg Brühl kennengelernt, der inzwischen verstorben ist. Damals hat er in Karl-Marx-Stadt die Galerie oben geleitet, wo auch Carlfriedrich Claus oft ausgestellt hat. Bei ihm habe ich die Sturm-Zeitschriften entdeckt. Ich treffe also auf Brühl, wir trinken Wodka, ich lese ihm Gedichte vor und dann sagt er: »Klasse! Komm, wir machen was! « Ich wollte in der DDR Kunstsammler werden – ich habe in Russland über meinen Bruder Ex Libris gesammelt und Kleingrafiken. An einem Abend in der Galerie oben habe ich die Grafiken vorgestellt und meine russischen Texte gelesen. Brühl sagte zu mir: jetzt liest du deine russischen Texte. Ich antwortete: Da versteht doch keiner was. Und er: aber die Leute hören das, sie sehen das. Sie spüren deine Leidenschaft. Ich habe dann futuristische Gedichte von Majakovski oder Marina Zwetajewa gelesen.

KARAWA.NET: Wie siehst du die deutsche Lautpoesie-Szene im Vergleich zu anderen Ländern?

VS: Die Italiener, Belgier oder Franzosen sind natürlich viel aktiver als wir. Vor allem die Italiener und Spanier. Aber sie sind alle unter sich. Romanischsprechende Familien unter sich oder Belgier und Holländer unter sich. Und die Österreicher, bei ihnen sind die Dialekte viel lebendiger als hier, und natürlich machen sie etwas daraus.

KARAWA.NET: Kenntnisse anderer Sprachen oder Dialekte sind anscheinend in vielen Fällen für die Lautdichtung produktiv. Hinter deinen Klängen hört man das Russische. Bei Jandl war es das Österreichische –

VS: Auch bei Pastior gibt es das. Das ist schon ein Reiz. Aber wieso gab’s keinen Lautdichter, der berlinert? Das geht irgendwie nicht. Es gibt bestimmt Komiker, die das machen, die Comedians, aber ist dann bloß zum Amüsieren. In Bayern ist es anders. Da fällt mir Karl Valentin ein. Es gibt ein Stück, es heißt »Chinesisches Couplet«. Sie singen dieses »Mantsche Mantsche Pantsche Hon kon Tsching Tschang …« usw. und es klingt irgendwie Bayerisch-Chinesisch. Allerdings ist das dann mehr fürs Publikum, Unterhaltung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute lachen, wenn sie Carlfriedrich Claus hören. Doch, das gab’s einmal in Bielefeld, wo sich das Publikum um jeden Preis unterhalten lassen wollte.

KARAWA.NET: Du lebst seit über dreißig Jahren in Deutschland.

VS: Deutschland ist ein strenges Land. Trotzdem mag ich es. Man kann hier viel machen, und ich denke auch, dass die Tradition der deutschen, sowohl der phonetischen als auch der konkreten Poesie fortgesetzt wird. Aber etwas ist streng hier. Man schaltet das Radio ein und denkt: es ist seltsam, wie die Nachrichten gesendet werden. Einer fragt den anderen: wieso ist das so? Und alle gucken nach oben, und fragen sich, warum Frau Merkel da ist. Aber die Leute sprechen hier über die Vergangenheit. In Russland spricht man selten in den Medien von den zig Millionen, die im Gulag gestorben sind. Meine Mutter war von `41 bis zu Stalins Tod im Lager.

KARAWA.NET: Auf der anderen Seite sind vor ein paar Jahren zwei dicke Stalin-Bücher in England erschienen, Simon Sebag Montefiore hieß der Autor. Eines seiner Bücher hieß Der junge Stalin, derjenige, der auch Gedichte geschrieben hat, und das soll jetzt in Hollywood verfilmt werden. Man macht daraus eine Gangstergeschichte.

VS: In Russland hörte ich immer wieder: »Nee, Stalin kann nichts dafür«, oder »Das war nicht Stalin. Sie wollen einen Helden, ein »Väterchen«. Aber es ist interessant, unsere Nationen zu vergleichen. Die ganze Geschichte seit Katharinas Zeiten. Ohne Deutschland hätte Russland nicht existieren können. Ich meine die Kultur, Musik und Literatur. Welcher Russe kennt nicht Goethe oder Schiller? In welchem russischen Provinztheater wird kein Schiller gespielt? Und warum lesen die Deutschen nach wie vor so gerne Dostojewski? Wie geht es euch, wenn ihr Dostojewski lest? Also wenn ich Dostojewski lese, ja – ich lese unbedingt einmal im Jahr Dostojewski – dann kocht in mir alles. Wut, ich will das Buch an die Wand schmeißen! Weil ich denke, was für Kitsch! Unmöglich! Woher hat er das? Dann recherchiere ich und lese Bücher über Dostojewski. Es ist alles seine Fantasie, aber er hat das Leben genau beobachtet. Alles zusammen ist Poesie, aber wenn man einzelne Sätze liest, denkt man: diese Naivität, diese Sentimentalität. Das ist unmöglich. Warum wird er so gefeiert? Dostojewski ist für mich der unmöglichste Schriftsteller. Es ist eine Liebe, die an den Hass grenzt. Hass zum Beispiel auf seinen Nationalismus. Andererseits war er auch in Deutschland – Der Spieler. Über Dostojewski kann man das Deutschland von damals sehen. Genauso über Turgenew oder Tschechow. Aber die Poeten zu vergleichen, ist sehr schwer. Übersetzen kann man das nicht. Russland ist nach wie vor ein Dostojewski-Land. Wenn ich da bin, dann spüre ich das.

KARAWA.NET: Wie ist es für dich, heute nach Russland zu reisen?

VS: Kaum bin ich auf der russischen Erde, will ich sofort nach Deutschland zurück. Der deutsche Grenzpolizist hat so eine Punkfrisur und einen Ohrring. Er sieht mich an, nimmt meinen Ausweis, sagt »Hallo, gute Reise!«. Komm ich nach Russland, sitzt da ein russischer Grenzpolizist und blättert lange in meinem Pass hin und her. Dann gibt er ihn mir zurück und sagt kein Wort.

KARAWA.NET: Was denkst du, welche Bedeutung die russischen Klassiker für die russische Lautpoesie hatten?

VS: Für Krutschonych, den Vater der russischen Lautpoesie, war Nikolai Gogol, neben religiösen ekstatischen Texten von Warlam Schischkow, eine Inspirationsquelle. Für Majakovski war es Dostojewski. Wenn man Gogol liest: das ist dieses saftige Russisch, weil Gogol aus der Ukraine kommt. Man spürt aus seinem Russisch die ukrainische Sprache. Dostojewski hat gesagt: »Die Schönheit rettet die Welt.« Ich finde Dostojewski genial: Vor allem Der Idiot. Wie kann man ein Buch Idiot nennen? Wir gewöhnen uns daran. Es ist genauso, wie wenn ich ein Wort bei Hugo Ball nehme und übe das und lerne das. In Deutschland ist es ein sehr grobes Wort, aber in Russland kann »Idiot« eine fast niedliche Bezeichnung sein. Wenn eine Mutter Ärger hat mit ihrem Kind hat, dann sagt sie »kleiner Idiot«. Als ich in die DDR kam, war mein erster Job leider Russischlehrer. Und wenn ich auf die Kinder geschimpft habe – »Du Idiot!« –, gingen die Eltern zum Direktor und sagten: »Der Russischlehrer, der beschimpft unsere Kinder, die sind lauter Idioten.« »Idiot« klingt für die deutsche Sprache gewaltiger. Das ist im Russischen mit seinen Diminutiven anders. Und natürlich kann man aus der russischen Sprache sehr leicht Lautpoesie machen. Weil, schon wenn die Worte gesprochen werden, ein Wort das andere verschlingt. Es wird alles so zusammen gesprochen. Wenn du auf Deutsch liest, dann heißt es »Die Kuh rannte bis sie fiel«. Ein Russe liest: »Dikurante  Bisivil«. Ohne Pausen, ohne Knacklaute.

 

Das Gespräch führten Tobias Amslinger und Norbert Lange in Berlin-Weißensee.

Weiteres Interview mit Valeri Scherstjanoi: »Ich kann in der Luft schreiben«



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