# 008/ Lichte Verbrechen


Vampyrella - Episodes of a Vampire

Vampyrella von Sophie Reyer

Episodes of a Vampire 

 

 

born

 

Und wenn der Mond am Himmel steht.

Und wenn die Turmuhr zwölfmal schlägt.

Dann kommt die Zeit wo der Vampir erwacht.

Und dann fliegt er durch die schwarze Nacht.

(Die Prinzen, der kleine Vampir)

 

 

Am Anfang sind so Sommer, in denen Vampyrella die Kriechspuren der Schnecken auf den Fenstergläsern beobachtet. Die Sommer sind hitzig, und sehr still. Sogar die Tiere haben sich verkrochen. Man kann auf zusammengerollte Heuballen klettern, das sticht unterm Hintern. Vampyrella fühlt sich dabei immer stachelig. Die anderen werfen ihr Disteln ins Haar, es tut weh, diese wieder heraus zu lösen. Der Mutter macht es Spass, sie zerrt an Vampyrellas verfilztem Haar, bis Vampyrella flucht und schreit. 

Du Vampirmädchen. Du struppiges Kind.

Selber, der Arsch wird immer gelber.

Die Strähnen segeln zu Boden. Was ist das eigentlich für eine Farbe? Aschblond? Eher wie Asche, ein Hauch aus Grau und Silber. Das Ritual des Kämmens am Abend ist für Vampyrella der Tod. Die Haare verfilzt vom Zick des Sees, verfilzt von Spielen, den Ausflügen mit den Vampiren nachts. Aber das sagt Vampyrella freilich keinem. Dass sie vor der Nacht sie keine Angst hat. Auch nicht vor dem Wasser.

Unter Wasser werden die Geräusche weicher, schimmern die Steine immer wieder wie Mosaik auf. Sie kramt nach Schlamm, reibt die anderen damit ein, die versuchen, ihr zu Nahe zu kommen. Manchmal steigt sie auf ein abgebrochenes Stück Schilf und schnitzt sich die Fusssohlen auf. Aber ein Vampir hat kein Problem mit Blut. Vampyrella ist ein komisches Kind, sagen alle. Egal.

Es gibt drei Birken in Vampyrellas Kindheit. Und eine innere Stimme. Keine Ahnung, voher die kommt. Vampyrella liebt den verrotteten Spielplatz mit den Birken. Sandkisten, zwischen denen kleine hölzerne Türme stehen. Der Sand ist  dreckig, hin und wieder ein Stück Hundescheiße oder Pisse darin. Manchmal gräbt sie Insekten darin ein, die sie getötet hat. Oder sie kramt im Sand nach Regenwürmern und teilt sie in der Mitte auseinander mit ihren kleinen knubbeligen Händen. Auf dem Spielplatz gibt es auch ein Pferd. Wenn Vampyrella darauf  schaukelt, gibt es quietschende Geräusche von sich. Eines Tages kippt das Pferd nach Hinten und lässt sich nicht mehr aufrichten. Vampyrella ist  zu schwer geworden. Manchmal geht sie auch abends zum Spielplatz, weil die Eltern nicht da sind. Und dort lässt sich die innere Stimme leichter finden. Fremde Sprachen werden gesprochen. In einem der Häuser mit Balkon, die eng ineinander geschachtelt ist sind, wohnte eine Freundin. Immer will Vampyrella  wissen, wie deren Wohnung aussieht. Nie darf sie mit gehen. Vampyrella denkt über die Wohnung nach. Sie weiß, das hat mit Sehnsucht zu tun, für sie ist  die Wohnung wie ein Leuchtturm. Gibt es vielleicht Ponys mit pinkem oder violettem Haar oder singende Klaviere, deren Knöpfe blinken, wenn man sie drückt? Der Park hingegen ist  dreckig, verrottet. Zigaretten Stummeln im Sand. Vampyrella gräbt tote Insekten ein, wieder und wieder. Sie beobachtet die Leute, sie wird angemacht von älteren türkischen Typen, die ihre helle Haut mögen. Sie versteht nicht. Sie ist fünf Jahre alt, fährt mit einem Roller. Manchmal wird es nacht im Park. 

An den Sonntagen wird im Park gespielt und Vampyrella wird schnell müde, erschöpft vom vielen hin- und herlaufen, dem Wind. Sie liegt früh im Bett, wenn die Schwester unter dem Stockbett noch Holzklötze aufschichtet oder Bausteine mit Noppen ineinander fügt. Sie würde gern fern gesehen. 

Die Sonntage sind traurig, die Müdigkeit ist  groß. Vampyrella verbietet sich das Fernsehen, um stolz auf sich zu sein, um eine Aufgabe zu haben. Die der Vermeidung. Wenn sie dann, während sie durch das Wohnzimmer der Eltern läuft, doch einmal hin blickt auf das Flimmergerät, kommt die Traurigkeit wieder und bleibt den ganzen Tag da. Dagegen hilft nur die Stimme, weiß Vampyrella. Und die ist am Besten im Park zu finden. Bei den drei Birken. Sie liebt den Park nicht. Die Spiele sind ein eine Ablenkung. Trotzdem kommt der Park wieder, in ihren Träumen, und er hat mit Sehnsucht zu tun. Manchmal springt Vampyrella auf den Randsteinen herum gesprungen, hat dann den Pfahl einer grünen, blechernen Laterne ergriffen, saust an ihm ein Stück weit hinunter oder klettert ein wenig hoch.  Sie singt dann auch, ein Lied von den Königskindern, zweistimmig, gemeinsam mit der Stimme im Kopf. Das Lied handelt von der Liebe. Am Besten geht das singen mit der Stimme im Kopf. Ohne die anderen. 

Einmal kommt die Erinnerung an ein Mädchen wieder, als Vampyrella im Kindergarten ist. Es ist  älter gewesen, hat rotes Haar und eine helle Haut. Es ist schon dabei, kein Kind mehr zu sein, anders als Vampyrella, aber es will es nicht wahrhaben. Sie spielen mit dem Mädchen Bande, verbrüderten sich gegen andere. Laufen über den Asphaltplatz, verstecken sich hinter den Büschen und Bäumen, die am Rande wuchern. Ihre Mutter mag Vampyrella nicht. Darum darf Vampyrella nicht mit dem Mädchen spielen. Aber das ist egal. Ihre Mutter hat ihr Himbeersaft mit gegeben, den trinkt sie. Dann spricht sie mit ihrer Stimme. Oder sie kämmt den Plastikhund mit dem Wollhar, der stinkt. Vampyrella hat keine Angst vor der Zeit. Die Stimme taktet die Tage. Das ist sehr einfach. Überhaupt ist es einfach, allein zu sein. Wenn man nicht allein ist. Also weiter, sagt sich Vampyrella. 

Im Kindergarten werden Stücke aufgeführt. Zum Beispiel das kleine Ich bin ich. Sie tragen bunte Wollfransen an den Haaren. Bespielt wird die Kirche. Die Kirche macht Vampyrella Angst, denn sie verstärkt alle möglichen Geräusche. Alles wird riesig. Die Schwester stellt einen Hamster dar. Der Vater spricht die Stimme des Nikolauses. Eine der wenigen Dinge, die er mit Vampyrella macht. Nur manchmal, im Sommer, hockt er bei ihr im Garten. Aber dann liest er. Egal. Der Kindergarten ist ein Fixpunkt. Da gibt es Weihnachtsfeiern und Feste. Beim Erntedankfest werden die schönsten Früchte und Nüsse vor den Altar gebracht, neben Tiere, die aus Säcken gestickt wurden, hin gelegt. Spannelanger Hansel, Nudeldicke Dirn. Gemma in den Garten, schütteln wir die Birn. Schüttelst du die Großen, schüttel ich die kleinen. Wenn das Sackerl voll ist, gehen wir wieder heim! Denkt die Stimme in Vampyrella, als diese die Birnen sieht. Und alles ist verknüpft mit den kartoffelartigen Gesichtern der Tiere, die aus den Jutesäcken genäht wurden, auf eine seltsame Art und Weise. Vampyrella weiß selbst nicht, wie das Ganze wirklich zusammen hängt. Sie weiß nur, dass die Dinge ineinander verwoben sind. Da hilft es, wenn die Stimme die Zusammenhänge her stellt. Die Kirche macht Vampyrella Angst, auch, wenn sie sich als Tiere verkleiden, in gefärbten T- Shirts herumlaufen dürfen und immer etwas geschenkt bekommen. Einmal beispielsweise einen Schwamm aus Schaumstoff, der aussieht, als wär er eine Melone. Ist es die Weite der Halle und ihre eigene Kleinheit? Ist es die Schuld, nach der die Kirchenatmosphäre riecht, selbst schon für Kinder, die eigentlich noch nichts von diesem Gefühl wissen sollten? Schuld hat mit Lügen zu tun. Aber das muss Vampyrella erst lernen. 

Manchmal, wenn es im Winter Flocken regnet, sind die Tage durchsichtig, weiß Vampyrella. Je kürzer sie dauern, desto klarer leuchten sie. Sie haben eine komische Milde und hinterm Haus liegt dann immer ein Geheimnis. Es ist, als würden die Tage sich selbst durchschauen. Sie sind transparent, sind wie aus Pauspapier, Vampyrella kann die Bilder abpausen. Hin und wieder legt sie diese vorm Schlafengehen in ihrem Kopf übereinander, sodass ein Kaleidoskop entsteht. Es gibt auch dunkle Tage, und die Dunkelheit macht sie klar. Diese Tage gefallen Vampyrella am Besten. Sie sind grau, sie dehnen sich. Man hat immer Hunger und möchte an der Heizung hocken. Diese Tage erwarten die Nacht, und Vampyrella wartet mit ihnen. Die Schwärze der Tage, die nur hin und wieder von ein wenig Licht zerstochen wird oder von dem Geschmack nach Weißbrot im Mund aufgeplustert, kommt Vampyrella ehrlicher vor. Dann ist es nicht verwunderlich, dass der Verrückte im Dorf, der mit nur einer Hand  aus dem Krieg zurück gekommen ist damals, von den Kindern mit Steinen beworfen wird. Dann macht die Migräne der Mutter keine Angst. Vampyrellas Mutter hat oft Migräne, weiß Vampyrella. Sie sieht dann helle Flecken. Vielleicht hilft es ihr gegen die Dunkelheit, denkt Vampyrella. Aber sie mag die verhangenen Tage. Mag, wie sie die Nacht empfangen. Sie trinkt dann den ganzen Tag Früchtetee und hockt vor dem Fenster. 

Die Nacht ist immer ein Abenteuer. Die Nacht ist Rauschen. In dem hat alles Platz. Weil man nichts sieht. Da werden die Stimmen lauter und überlagern sich. Auch Vampyrellas Stimme. Sie nennt sie Hieronymus. Hieronymus ist ein Vampir. 

Vampyrella sieht in den Nachthimmel hinein, als würde sie fern sehen. Hin und wieder schießt ein Vogel über das Himmel, es scheint, als würde er kurz den Himmel  mit seinen Flügeln wärmen. Aber das wars auch schon wieder. 

Gleich werden die Fledermäuse wach, sagt Vampyrella der Schwester. 

Ach, lass mich.

Warum?

Weil ich einen Engel zeichne.

Vampyrella grinst. 

Zeichne doch lieber Vampire. Und geh mit mir ins Schilf, die Fledermäuse suchen.

Die Schwester schüttelt den Kopf. 

Es gibt keine Vampire. Du glaubst nur dran, weil du die Fledermäuse siehst.

Vampyrella zwickt die Schwester in die rechte Backe. 

Es gibt auch keine Engel, entgegnet sie. 

Dann streift sie allein durch die Landschaft. Nein, stimmt nicht. Sie hat ihren Plastikhund mit. Den mit den rosa Zotteln. Der Himmel  sieht aus, als würd er verbluten. Das mag Vampyrella Die Wolken liegen zerteilt in ihm drin, kommen ganz nah an den Boden heran. Wenn es silbrig ist in der Luft, denkt Vampyrella, dass einer der Vampire sein langes Haar hinter sich her zieht. Als eine Art Schleppe oder so. 

Du träumst, sagt die Schwester dann immer. 

Na und?

Du träumst mit offenen Augen, weil du zu wenig schläfst.

Da hat sie Recht, denkt Vampyrella dann. Vampyrella mag nichts versäumen. Erst wenn es dunkel wird, wird sie wach. Oft steht sie nachts am Fenster, fragt sich, wie es wäre, zu fliegen. Hinaus zu fliegen. 

Dass der Schlaf der Bruder des Todes ist, hat der Vater einmal gesagt. Seitdem mag Vampyrella den Schlaf nicht. Sie will ewig leben. Das ist ihr großes Ziel. Aber nicht so. Dass sie sich dafür verwandeln muss, ist Vampyrella irgendwie klar. Sie schläft schlecht, knirscht mit den Zähnen, zerbeißt ihr Kopfkissen. Man lässt ihr eine Zahnspange machen, die ihr das Kiefer gefangen hält. 

Ich hätte lieber Eckzähne, erklärt Vampyrella dem Zahnarzt. Denn sie hat auch einen Vampir, ganz geheim. Der spricht in ihrem Kopf. Aber das sagt Vampyrella keinem 

Was?

Ich hätt lieber Eckzähne. 

Aha. 

Hin und wieder, wenn sie in die Finsternis hinein starrt, kommt es Vampyrella so vor, als würde sie die Spitzen eines Umhangs sehen, aber die Nacht ist dunkel, und es kann sein, dass sie doch schläft und träumt. Ein Hund bellt, und der Depp aus dem Dorf, der lange Hans, der immer alle küssen will, irrt über die Straße. Ein Betrunkener schwankt hinter ihm her, schreit etwas, wirft nach ihm, dann ploppt ein Schwall aus ihm heraus und auf die Straße. Es gibt falsche Vampire und es gibt echte, denkt Vampyrella. Die Menschen sind falsche. Sie saugen einander aus, treten auf die nieder, die unter ihnen liegen, nehmen sich von ihnen, was sie brauchen, und dann tun sie so, als wär nix passiert. Die echten Vampire saugen, weil sie überleben müssen. Sie schenken ewiges Leben. Denen, die damit umgehen können. That´s a different story. 

Vamyrella weiß, dass der Depp aus dem Dorf die echten Vampire kennt. Am nächsten Tag beschließt sie, ihn zu fragen. 

Onkel Depp, wo kommen die Vampire her?

Seine Augen verdrehen sich nach Oben, er drückt einen seiner Handstümpfe gegen Vampyrellas Stirne. Sie blickt zu ihm als. 

Feder, sagt der Depp. 

Ja, Fledermäuse. Genau.

Er scheint keine Angst zu haben. 

Brut, sagt er. 

Aha.

Vampyrella versteht nicht ganz, aber sie nickt. Sieht seinem Finger nach, der in die Schilflandschaft hinein deutet, zum See, an dem Vampyrella im Winter nicht spielen darf, weil angeblich das Eis bricht. Vampyrella streift durch die Straßen. Alles ist sinnlos, wenn es nicht von den bleichen Gestalten der Nacht bewohnt wird. Alles ist Hohn. Auch die Flüge der Fledermäuse langweilen Vampyrella, und das Heulen der Wölfe interessiert sie nicht mehr. 

Wo gehst du hin, ruft der Nachbarsbub ihr nach. Aber Vampyrella hört es gar nicht erst hin. 

Sie streift weiter. Alle Zeichen werden gedeutet. Werden als Hinweise auf den Vampir gelesen. Das Surren des Flugzeuges vielleicht ein Flügelschlag, das Rascheln eines Fasans zwischen den Sträuchern vielleicht doch die Schritte eines Vampirs? Vampyrella dreht die Welt um. 

Hinterm Haus nimmt Vampyrella ihren Plastikhund heraus und beginnt, ihm die Zotteln zu kämmen. Weil ihr sonst nichts einfällt. Da steht er dann auf einmal. Der Vampir. Der, der sie mit seiner Stimme gerufen hat, davor immer. 

Der Vampir ist kein großer, schöner mit langen Händen und breiten, sinnlichen Lippen, wie Vampyrella ihn im Fernsehen gesehen hat. Er ist ein Kind, hat ein rundes Gesicht, zerstrubbelte Haare. Er trägt einen Umhang, das ja. Der bauscht sich im Wind auf. Sein Blick aber ist ein wenig harmlos, verängstigt fast. 

Wer bist du?

Ich bin Hieronymus. Kannst du mir sagen, wie ich sterben kann.

Vampyrella greift nach den Händen des Vampirs. 

Nein. Kannst du mir sagen, wie ich ewig leben kann?

Ja.

Wächst dein Umhänge mit dir mit?

Ich wachse nicht. 

Kannst du mich beißen?

Vielleicht, aber nicht in den Hals.

Warum?

Du bist dann nur ein halber Vampir.

Ok. Was heißt das?

Die Zähne wachsen kaum. Du kannst nachts fliegen. Aber du schläfst auch nicht am Tag.

Dann bin ich immer wach?

Ja.

In Ordnung. Und wo beißt du mich jetzt rein?

In den Zeh. Aber nicht heute. Ein anderes Mal. 

Bist du sicher?

Ja.

Aber ein anderes Mal dann versprochen?

In Ordnung.

Danke.

Gute Nacht.

Meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft, singt die Großmutter gern. Ihre Brüste wogen dabei. Sie kocht Buchteln, in deren Mitte sie ein paar Löffel Marmelade versteckt. Der Vater singt über die schönen Burgenländerinnen, und sie essen die Buchteln. Abends. Wenn es hinterm Fenster dämmert. Manchmal ist ein Flügel von einem der Insekten drin, die sich in die Küche verirrt haben. Aber das ist egal. Vampyrella wusste, dass die Großmutter zaubern kann. Sie kann die Angst weg streicheln, die unglaublichsten Grimassen ziehen, ihre Stimme verändern. In ihrem riesigen Kleiderschrank gibt es Schürzen, Hüte und rosa Tüll. Auf den Regalen stehen Madonnen, die man am Kopf aufschrauben und deren Wasser man trinken kann. Es schmeckt bitter. Kreuze hängen an der Wand, schwarzweiße Fotos, und Tiere aus Porzellan stehen auf den Tischchen. 

Es gibt Vampire, Oma, sagt Vampyrella, als sie im Garten hocken. 

Natürlich. Aber sag das nicht den Erwachsenen. 

Nimmst du mich mit in die Kirche, auch wenn ich Vampire mag?

Klar. 

Vampyrella lächelt und blickt in die Baumkronen der Birken. 

In der Kirche, oben dann: Die Großmutter zieht Vampyrella neben sich auf das Bänkchen der Orgel. Schält die angeschwollenen alten Finger aus den Lederhandschuhen. Dann beginnt sie, Vampyrella die Hände aus den Fäustlingen ziehen. Die Fäustlinge baumeln an einer Schnur vom Handgelenk des Kindes. Vampyrella guckt die schwarzweißen Muster der Tasten an. Zähne, denkt Vampyrella. Baumelt mit den Füßen von der Bank. Wie die kleinen schwieligen Hände der Großmutter das Weiß niederdrücken. 

Macht das Riesenlärm! 

Es dröhnt, dass Vampyrella nur so der Atem stockt. Das Gesicht der Großmutter ist verknittert, die Mundwinkel nach unten gezogen, wie wenn es was Ernstes wär jetzt. 

Vampyrella hört in den Pausen noch den Klängen nach. 

Einmal dann das Verbotene: Vampyrella ruckelt rum am Sitz, streckt die Beine aus bis es mit den Fussspitzen eines der Pedale erwischt. Ein Dröhnen. Vampyrella zuckt zusammen. Die leiernde Stimme des Mannes, der in weißem wallenden Kleid vor den Kopftuchweibern steht, bricht ab. Die Großmutter packt Vampyrella am Kragen, zieht es zu sich in die Höhe zurück. Fächelt mit Händen in der Luft rum. Ihr  ist der Klang in die Knochen gefahren. Es hält den Atem an. 

Wenn die Großmutter Vampyrella nach Hause bringt, sind die Maroni im Rohr aufgesprungen. Vampyrella graust vor den gelblichen Häuten, die aussehn wie Eiter. Die Hände des Vaters, die mit der braunen Schale knacksen. 

Achtung heiß. 

Der Honig am Löffel zieht Schlieren. Vampyrella trinkt Früchtetee. Rotes mag sie. Früchtetee, Ketchup, Radieschen, Erdbeermarmelade.  Vampyrella taucht ihn ein in den roten Früchtetee.Hebt ihn wieder in die Höhe. Rumrühren. Kleine Kleckse am Holztisch. Das Geräusch der Rolleaus, die die Mutter schließt. Scheiben aus Holz, die sich immer dichter aneinander fügen, bis das dunkle Blau hinterm Fenster nicht mehr durch die Schlitze dringen kann.  Da schießt es Vampyrella nur so in die Ohren. Rasseln. Guten Abend, gut Nacht. 

Vampyrella  beginnt eine neue Freundschaft mit der Rothaarigen aus dem Dorf. Jetzt traut sie sich. Denn sie weiß, sie hat schon einen Freund, der sich immer als Stimme rufen lässt. Die Haut der Freundin ist hell und ein Feld roter großer Flecken. Sommersprossenlandschaft. Das gefällt Vampyrella. Der Vampir, der in Vaters Schlafzimmer hängt, sieht auch so aus. Dass es ein »Munch« ist, erklärt man Vampyrella später. Die weiß nicht, was ein Munch sein soll. Egal. Sie will jedenfalls so eine Freundin haben. Mit rotem Haar, bleicher Haut. Anämisch. Damit sie zu ihr passt. Vampyrella guckt nach ihr, wenn es den hölzernen Puppenwagen vor sich her schiebt. Die Rothaarige hockt auf einer Schaukel des Kinderspielplatzes, barfuss. Trippelt mit kleinen fliegenden Füßen. Wirbelt Sand auf unter den Sohlen. Fliegt. 

Du darfst nicht über die Kreuzung gehen, haben sie Vampyrella gesagt. Das sei gefährlich. Im Wagen des Kindes liegt eine Gummipuppe, die nach Plastik stinkt. Der Boden ist holprig. Vereinzelt Steine. 

Du hast rote Haare, sagt Vampyrella zu der Rothaarigen. 

Selber, der Arsch wird immer gelber. 

Riesige Welt. Die zwei Minuten, die Vampyrella braucht, um bis über die Straße zu gelangen, dauern an. Vampyrella rasselt der Atem. Aber es hat die Rothaarige an seiner Seite. Die Rollen des Holzwagens quietschen.  Vampyrella singt zum Rhythmus des Quietschens ein Lied. Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. 

Das Gästezimmer im Haus der Großmutter steht manchmal leer. Dunkler Raum. Hohe Wände, die Vorhänge zugezogen. In breiten langen Kästen hängen dicht aneinander gedrängt Kleider, Hosen, Westen, Mäntel. Ein rosaroter Plüschmuff. Hüte. Tüll. Vampyrella und die Freundin kramen nach Schürzen. Schlüpfen in hohe Stiefel und Lederhandschuhe. Dann: Die Lippen mit rosaroter Farbe einrahmen, drumherum malen, bis es säuerlich schmeckt. 

Sie stellen Reptilien aus Plastik nebeneinander. Godzilla, ein Triceratops, Trolle, Schlümpfe. Sie schlichten Monster neben Monster. Der Fauteuil riecht nach Motten und altem Mann. Die Rothaarige krizzelt Vampire auf karierte Blätter. Schreibt Stammbäume.Vampyrella aber sagt ihr nichts von Hieronymus. Sie spielt, als wäre das alles ein Spiel. Es gibt doch keine Vampire, meint sie immer ganz laut. Das Geheimnis muss vertuscht werden. Sie passt darauf auf.  Vampyrella hängt sich den Rosenkranz um. Lässt den Dinosaurier den Kopf der Muttergottesstatue abbeißen. Den kann man aufschrauben. Die Muttergottes ist weiß wie ein Geist. Ihre Krone blau. Vampyrella lässt den Kopf des Dinosauriers in den Napf mit stinkendem Katzenfutter schwappen. Die Rothaarige lacht. Die Großmutter öffnet die Türe. Ihr langer Hals. Der Kropf wabert wie der eines Gockels. Die Augenbrauen hat sie mit schwarzem Kajalstift nachgezogen. 

Na, ihr Lieben? Sagt sie. 

Vampyrella grinst. Später versucht sie, der Freundin das Lied von den Königskindenr beizubringen. Aber sie kann nicht singen. Sie hat einfach kein Gehör. Irgendwann gibt Vampyrella auf, singt nur für sich. Es waren zwei Königskinder. 

Einmal aber: Die Freundin sperrt Vampyrella in der Garage ein. Einfach so. Sie ist wie die anderen Menschen, denkt Vampyrella. Sie quält, weil sie Lust hat. 

Gut, dass Hieronymus da ist. 

Manchmal kommt es Vampyrella  so vor, als müsste sie Hieronymus die Nacht aus dem Haar kämmen. So komisch schimmert es. Als hätten sich alle Sterne darin verfangen. Dann teilt sich Vampyrella ein wenig auf. 

Hast du mich lieb?

Ja.

Wirst du mich beißen?

Noch einmal?

Ja. 

In Ordnung. 

Weißt du, ich hab eine Blutkrankheit.

Welche.

Die Traurigkeit. 

Das ist gut. Dann werde ich sterben. 

Nein.

Doch. Dafür lebst du ewig.

Du musst mir was versprechen, sagt Vampyrella. 

Ja.

Dass du da bleibst.

Wie?

Als Stimme. Wie vorher. 

In Ordnung. 

Jetzt beiß mich. 

Nein, morgen. 

Er beißt Vampyrella. Das geht leicht. Er schiebt ihr die Haare aus der Stirn und weg vom Hals. Streicht ihr zart über die Halsschlagader. Vampyrella reckt den Kopf in die Höhe. Stolz vielleicht. Die Angst macht Spass. Die Angst ist ein Abenteuer. Es passiert wie zufällig: Im Spiel. Vampyrellas Nacken. Tut gar nicht weh. 

Dann: Schmerz. Weißes Rauschen.

Als Vampyrella aufwacht, ist sie allein. Fühlt sich gut. Leicht. Jetzt umfließt sie alles, wie Wasser den Stein. Gibt es sie zweimal. Zerteiltes Kind. Splittermädl. Zombie on the move. 

Vampyrella teilt sich, sie strömt um die Angst herum. Wie Wasser. Sie reden. 

Irgendwann findet die Großmutter Vampyrella. 

Was hast du da gemacht? fragt. Ihr Blick ist sanft. 

Vampyrella zuckt mit den Achseln und zieht ihren Rollkragenpullover noch mehr in die Höhe, dass die Großmutter auch ja nicht den Biss sehen kann. 

Hat die Freundin dich in der Garage eingesperrt?

Ja.

Die Großmutter lächelt. 

Gut, dass dein Freund dabei war. 

Du kannst die Vampire sehen? fragt Vampyrella . 

Die Großmutter lächelt. 

Ja, aber sag es keinem. Sie halten dich für verrückt. 

Vampyrella nickt. 

In Ordnung. 

Dann geht es sehr schnell. Die Großmutter fällt hin. Einmal, zweimal. Als es zum dritten Mal passiert, kann sie nicht mehr alleine aufstehen. Vampyrella freut sich. Jetzt wird sie was übers Leben lernen, denkt sie. Und über das Sterben. Dass sie das gut gebrauchen kann, für ihr eigenes Altwerden. Oder.  Aber nein. Es ist zu spät. Sie ist jetzt ein Vampir. Sie wird nicht mehr wie die anderen Frauen werden. Sie wird nie verrotten. 

Vampyrella stützt die Großmutter, bringt sie ins Bett, deckt sie zu, streichelt ihre Hand. Hilflos. 

Ihre Handflächen sind blau. Sie haben ihr eine Menge Blut abgenommen. Im Krankenhaus. Vampyrella hat es gesehen, und in hirem Geschlecht hat es gezogen. 

Vampyrella küsst die zitternden Finger und umarmt die Großmutter. Wie ein Kind liegt sie da, klein und lächelnd, und sie ist nie so schön gewesen. Sie verschwindet fast in der großen Bettdeckenlandschaft, liegt ein bisschen schief und ihre Augen sind hell und leuchtend, mit diesem Blick, der in die Ferne geht, entgleitet.

Nice, denkt Vampyrella. 

Als hätte jemand einen Schleier von den Augen genommen und dafür einen anderen darüber getan, denkt sie. Und: Schade, dass ich nich sterben werde. Sie umarmt die Großmutter noch einmal, schmiegt sich an die liegende, von Altersflecken übersäte Brust, die unter dem Krankenhaushemdchen zum Vorschein kommt. Die Großmutter malt Vampyrella  mit der Fingerkuppe ein Kreuz auf die Stirne, das war ihr altes Ritual. Sie tut dasselbe. Wie nahe das Geborenwerden am Sterben liegt, denkt sie. Und dass die Großmutter wieder ein kleines Kind ist, das man lieben muss. Und warum jeder die Kinder liebt, und keiner die Alten. Und dass es eine Quelle geben musste, von der alles kommt und zu der alles wieder hin geht. Denn warum waren sonst die Augen der Alten so ähnlich wie die der kleinen Kinder. 

Aber sie ist wie Wasser, das einen Stein umfließt. Weiß Vampyrella. Sie ist nicht klein. Sie war nicht jung, sie wird nicht alt werden. 

Es ist zu spät um sich tot zu sterben, sagt Hieronymus in ihrem Kopf. So sorry. 

Die Hände der Großmutter zittern ihr wurde täglich Blut abgenommen, und die Hand rücken waren mit blau- violetten Mustern übersät. Sie kann kaum das Telefon in der Hand  halten. 

Alles klar? 

Die Mutter betritt den Raum. 

Sie ist müde, erklärte Vampyrella . 

Die Gehhilfe steht vor dem Bett wie ein Käfig. 

Sollen wir die Gehhilfe wieder mitnehmen? fragte Vampryella.

Die Großmutter nickt.

Brauchst du noch was?

Nein. 

Nie braucht sie etwas; immer ist sie zufrieden und freundlich. 

Gieß meine Pflanzen, ja? Vergiss das nicht. 

Vampyrella schüttelte den Kopf. Nein, das würde sie nicht vergessen. Die Großmutter ist nicht wie die anderen Menschen. Sie ist keine, die aussaugt und unschuldig tut. Vampyrella wäre gern so ein Mensch gewesen. Zu spät. Vampyrella ist ein Vampir. Sie kerbt ihre Zähne in den Hals der Großmutter. Einmal, zweimal. Die Großmutter stöhnt kurz. Dann nicht mehr. Vampyrella hat zum ersten mal getötet. Das Töten ist hell und macht Freude. Mit glasigen Augen zieht Vamprella die Türe zu. Sie weint. Sie weint, weil sie nicht mit gehen kann. Nie mit gehen wird können. Sie schimpft mit Hieronymus. Sie wird noch Jahre später so schimpfen, nach innen. Wenn die Stimme ihr immer wieder die Erinnerungen erzählt. 

Jetzt ist die Großmutter ein siechender Fleischberg. Vampyrella alleine mit ihrer Stimme im Kopf. Dafür wird sie ewig leben. Sie hat einen Umhang. Die Eltern haben wenig Zeit. Sie lassen sich aussaugen, von ihrer Arbeit. Die Mutter ist Volksschullehrerin, der Vater Anwalt. Sie lassen sich aussaugen, von der Arbeit, und zu Hause saugen sie dann aneinander. Und wenn sie ausgesaugt haben, saugen sie an den Kindern weiter. Zuerst an der großen Schwester. Und die saugt dann an Vampyrella. Manchmal saugt der vater Vampyrella auch zwischen den Beinen, aber das sagt sie keinem, und sie wird sich daran auch nicht erinnern können. Aber alle lutschen sie einander aus.Und am Ende tun alle scheinheilig. Und keiner lebt ewig. Vampyrella aber kann damit umgehen. Sie ist ein echter Vampir. Sie sperrt sich ein. Sie spricht in ihrem Kopf mit Hieronymus. Über alles Mögliche. So wird sie auch später immer wieder mit ihm sprechen. Etwa so: 



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KARAWA.NET ERSCHEINT ZWEIMAL JÄHRLICH / ISSN 2192-1954