# 003/ Leichte Geografie


Walt Whitman nimmt ein Bad

Jürgen Brôcan

- - - real straight talk about souls,
for life is holy and every moment is precious.

— Jack Kerouac

 

Überteuert, das Geld nicht wert. Das hatte ihm sein Bruder mit dem geschult urteilenden Blick des Kanalinspektors ins Gesicht gesagt. Das Haus war klein, nahezu schäbig, es gab keinen richtigen Ofen, die Hintertür ließ sich nicht schließen, dort bildete sich im Winter eine Eisschicht im Türspalt, das Wasser tropfte von der Dachrinne in den ohnehin schon feuchten Keller und die meisten Bretter mußten festgenagelt werden; er hatte das Haus trotzdem gekauft, er war jetzt vierundsechzig, und zum ersten Mal reichten seine Ersparnisse für die buchstäblichen eigenen vier Wände.
Mit der einen Hand umklammerte er den Stock, ohne den er keinen Schritt mehr tat, und verfluchte sich, daß er kein Geländer hatte anbringen lassen, an dem er sich mit der anderen Hand die drei Stufen bis zum Eingang hätte hochziehen können. Als er den Schlüssel ins Schloß steckte, den Knauf drehte und die Tür öffnete, bemerkte er die abgestandene Luft und den leicht schalen Geruch, den bewohntes Holz schnell annimmt. Dann blies der Januarwind hinein und die Zimmer verwandelten sich in weite reifüberfrorene Grasebenen, nach denen ihn schrecklich verlangte. Gott sei Dank war das ältliche Ehepaar ausgezogen, mit dem er in den ersten Wochen gemeinsam zu Mittag gegessen hatte, zuletzt hatten die Reibereien und kleinen Streitigkeiten, ohne die ein Leben auf engem Raum offenbar nicht ablief, zugenommen und an seinen Nerven gezerrt.
Vor der Treppe blieb er stehen. Er zählte die Stufen. Ein junger Mensch hätte zwei auf einmal genommen und wäre in wenigen Sekunden im oberen Stockwerk gewesen. Er dagegen betrachtete die Treppe wie einen Berg, den es unter Aufbietung aller Kräfte zu erklimmen galt. Doch belohnen nicht Ausblick und stürmisch um die Nase jagende Winde denjenigen, der auf dem Gipfel steht? Er atmete tief durch, setzte den rechten Fuß auf die erste Stufe und zog das andere Bein hinterher, dann auf die nächste, und immer so weiter. Nach drei, vier Stufen blieb er jedesmal stehen, vermaß die Strecke, die er zurückgelegt, und die, die er noch vor sich hatte.
Der Körper ist ein herrliches Gefüge. Die Architektur der Knochen, ihre Statik. Das Zusammenspiel von Sehnen und Muskeln. Und der Kopf, diese erstaunliche Zentrale — auf einen Gedanken hin bewegen sich Arme und Beine, wie die Maschinen in den großen Fabrikhallen. Warum soll man nicht lobpreisen, was schön ist und lustvoll zu berühren, bloß weil es eines Tages zerfällt? Wir sind die Götter des Augenblicks, dachte er und nahm die letzte Stufe.
Mit dem Taschentuch wischte er sich über die Stirn und tupfte Schweißtropfen aus dem langen, grauen Bart. Er war froh, daß er nach seinen Schlaganfällen wieder laufen konnte, auch wenn dieses Laufen eher dem Hinken eines verwundeten Tieres glich. In dem rückwärtigen Zimmer, das auf eine Wiese mit einem Birnbaum blickte, öffnete er das Fenster. Dann wackelte er, schwer auf den Stock gestützt, in den größeren, zur Straße hinausführenden Raum. Die Fensterläden waren wie immer geschlossen, es war schummerig, und er mußte aufpassen, daß er nicht über die aufgeschlagenen Bücher, Zeitschriftenstapel, Briefumschläge und Notizzettel stolperte, die verstreut auf dem Boden lagen. Besuchern gegenüber nannte er diese Unordnung sein fruchtbares Chaos, dann lachten sie freundlich, als würden sie tatsächlich verstehen, was er meinte. Wenn er las oder schrieb, fing er schnell Feuer, aufgeregt glühten seine Wangen, Ideen und Bilder tosten umher bis ihm schwindlig wurde, Klassen, Systeme, vorgegebene Ordnungen verloren ihre Bedeutung. In diesem Zustand ließ er die Zettel einfach dort zu Boden segeln und die Bücher dort aus der Hand fallen, wo er gerade war.
Er öffnete das linke und das mittlere Fenster und stieß die Fensterläden so heftig zurück, daß sie mit einem Krach gegen die Hauswand schlugen. Das rechte Fenster blieb geschlossen, weil er sich nicht über den davorstehenden Schreibtisch lehnen konnte. Sofort strömte die kühle Januarluft hinein und der Durchzug fegte durch die Papiere, die wie Herbstlaub aufstoben. Obwohl seine Hand zitterte, war seine Schrift noch immer schön, sie lief über die Blätter wie feine Adern oder subtile Ameisenstraßen.
»Ich brauche endlich einen Holzofen«, murmelte er entschlossen und betrachtete mitleidig die Öllampe, einzige Wärmequelle und Kochmöglichkeit, die mit seinen ungelenken Fingern anzuzünden nicht ungefährlich war. Obwohl die Kälte durch die Kleidung drang, steckte er den Kopf aus dem Fenster. Eine Gruppe Jungens lief die Straße entlang, runter zum Fährhafen, sie winkten ihm zu, denn sie kannten und mochten ihn, weil er manchmal zu ihnen kam und nach ihrem Spiel fragte. Dann stand er bloß da und schaute zu. Er war die Nabe, sie die wirbelnden Speichen, und in seine Augen trat ein abwesendes, tiefgründiges Leuchten.

Zum Frühstück ging er jeden Morgen zur Witwe eines Kapitäns. In der Nachbarschaft war sie dafür bekannt, daß sie die Älteren pflegte, und deshalb hatte er sich nicht gescheut, eines Tages bei ihr zu klopfen, um sie zu bitten, gegen einen geringen Lohn seine Schuhe zu polieren und die zerschlissenen Hosen und Hemden zu flicken. Mrs. Davis hatte sich dazu bereiterklärt, sie war auf jede Verbesserung ihres Einkommens angewiesen, denn ihr Mann starb auf See so kurz nach ihrer Hochzeit, daß er keine Vorkehrungen zu ihrer Versorgung mehr hatte treffen können. Natürlich fühlte sie sich auch ein wenig geschmeichelt, daß der berühmte Dichter (von dem sie allerdings keine Zeile gelesen hatte) ausgerechnet sie um diesen Dienst bat.
Die Verdauung bereitete ihm Schwierigkeiten, und sein Arzt hatte dringend zu einer Diät geraten, aber Mrs. Davis kochte gut — deftig und fett, so wie er es mochte — , deshalb fragte er sie eines Morgens, nachdem er einen ziemlich dicken Bissen heruntergeschluckt hatte, ob sie nicht zu ihm ziehen wollte: »Ich besitze ein Haus, Sie wohnen zur Miete; Sie haben Möbel, meine Zimmer sind kahl; warum kommen Sie nicht zu mir, dann können wir beide Ihre Möbel benutzen?« Mrs. Davis lachte verschämt in ihre Hand, der Dichter zwinkerte ihr aufmunternd zu und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.
Der morgendlichen Kälte Ende Februar trotzend, saß er auf einer Bank auf dem grasbewachsenen Fußweg vorm Haus, um auf den Wagen mit den Möbeln zu warten. Ungeduldig blickte er die baumgesäumte Straße hinab. Die Händler zogen klapperige Karren, boten lautstark ihre Waren an, Kohl oder Fisch, und die Hausierer klingelten mit den Glöckchen und riefen ihr Angebot aus, einige besaßen recht melodiöse Stimmen, die ihn an Opernsänger erinnerten. In diesen wunderbaren Lärm mischten sich das scharfe Läuten der Methodistenkirche und der Gestank von der nahen Fabrik, die Guanodünger für die Felder des mittleren Westens herstellte. Mehr als zwanzig Mal tags wie nachts fuhr die Eisenbahn von Camden nach Amboy, südlich von New York. Ratternde Schienen, quietschende Bremsen, laute Rufe, dann schnaufender Dampf, Glocken, Signale — unablässig setzten sich die Güter in Bewegung, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Am meisten gefiel ihm das Treiben auf dem Delaware River, die Heulbojen der Werft von King’s Point, die sich wie der Sirenengesang auf dem homerischen Meer anhörten, die Kommandos beim Beladen und Entladen der Schiffe, die Pfeifen der Fähren, ihr gewaltiges langgezogenes bu-r-r-r, das von der andern Uferseite, von Philadelphia herübertönte.
Anderen Dichtern hätten die Ohren geschmerzt von diesem Tumult, für ihn jedoch waren es die Instrumente einer universellen Symphonie. Nur wenn die uniformierten Burschen bei ihren Umzügen auf die Trommeln droschen, bumm, buMM, BUMM, dröhnte ihm der Schädel. Solche mechanischen Festivitäten hatten nichts mit dem Elan und Aufschwung zu tun, der vor über zwanzig Jahren die jungen Männer in Reih und Glied trieb. Heute jedoch beherrschte nur reger Geschäftsverkehr — klappernde, rappelnde Wagen — die Straße. Er streckte sich auf der Bank vorm Haus, drehte den Kopf nach rechts, dann nach links, als wäre er eine spähende Drossel: Jeden Augenblick müßten die Möbel eintreffen … Unruhig rutschte er auf der Bank umher.
Die Geräusche kamen in Wellen und brandeten über ihn hinweg. Die unregelmäßigen Rhythmen machten ihn schläfrig, lullten ihn trotz der Kälte wohlig ein. Aber dann kroch, ohne daß es ihm bewußt wurde, eine Erinnerung aus den Winkeln seines Hirns und entfaltete sich zum Panoramabild vor seinem inneren Auge. Da waren sie wieder, die Höllenszenen, und sie durchbohrten ihn wie damals. Im nächtlichen Regen, ohne Pfiff und Ruf, fuhren die Boote den Fluß hinauf. Vollbeladen mit menschlicher Fracht. Am Quai warteten Träger und Kutscher und einige wenige Pfleger mit ihren Gehilfen, geizig beleuchtet von den Fackeln, die im Regen blakten und erloschen. Die Boote legten an, und die Fracht des Krieges wurde ausgeladen. Auf Decken, die schnell durchnäßten, lagen die Verwundeten. Regen vermischte sich mit Blut. Das Stöhnen war unbeschreiblich. Das war nicht das Gewimmel, das er liebte, das waren Elendshaufen. Sie hatten blutgetränkte Lumpen um Arme, Beine und Köpfe geschlungen. Auch wenn man es nicht sah, man wußte, wo Gliedmaßen fehlten.


Mrs. Davis brachte nicht nur ihr Mobiliar mit. Sie war eine gute Seele, die ihre Erfüllung und Aufgabe auf Erden darin fand, sich zu kümmern. Böswillige Zungen hätten behauptet, sie zöge perverses Vergnügen daraus, Menschen von ihrer Güte und Dienstbarkeit abhängig zu machen. Und nicht nur Menschen: Sie besaß einen Hund, zwei Turteltauben, einen Kanarienvogel und ein Rotkehlchen, das sie aus den Krallen ihrer Katze gerettet hatte. Außerdem hielt sie in einem Verschlag hinter dem Haus ein paar Hühner.
Aus der zweisamen Ruhe wurde nichts. Er hatte vorgehabt, bei geschlossenen Fenstern in seinem Zimmer zu sitzen, die Lehne des Schaukelstuhls gegen den großen Schreibtisch gekippt, überm gesunden Knie ein Brett, auf den ein Stapel Papier geklemmt war. Stattdessen tschilpten die Vögel in den Käfigen, kläffte der Hund, kratzte die Katze neugierig miauend vor der Tür. Als er jünger war, hatte er einmal geschrieben: Ich denke, ich könnte mich zu den Tieren wenden und mit ihnen leben, sie sind so gelassen und selbstgenügsam, sie schwitzen und winseln nicht über ihre Lage, sie liegen nicht wach im Dunklen und weinen über ihre Sünden, sie machen mich nicht krank mit ihrem Streit wegen ihrer Pflicht vor Gott, nicht eines ist unzufrieden, nicht eines ist von dem Wahn besessen, Dinge zu besitzen … Weil er inzwischen zu gebrechlich war, um hinauszugehen, Spaziergänge zu unternehmen, in den Feldern zu stromern, kam die Natur zu ihm ins Haus. Jedenfalls ihr lautstarker Teil. Jetzt hatte er die Gelegenheit, seine früheren Ansichten zu überprüfen. Zu Mrs. Davis sagte er: »Uns fehlt bloß noch eine Schlange, dann ist die Menagerie vollständig.«
Die Ansichten hielten der Prüfung nicht lange stand. Beim geringsten Anlaß bellte der Hund zu jeder Tages- und Nachtstunde. Da er wußte, mit welcher Liebe Mrs. Davis an ihm hing, brachte er es nicht über sich, sie zu bitten, ihn abzugeben. Mit an die Ohren gepreßten Fäusten lag er nachts im Bett, schlaflos, mild vor sich hinbrummelnd. Das Fürchterliche an diesen Nachtstunden war, daß er die Gedanken in keine bestimmte Richtung lenken konnte, so sehr er sich auch darum mühte. Die Träume, sie glichen Vögeln, die von den Dächern aufsteigen und hierhin und dorthin fliegen, wohin der Wind sie trägt. Über die Erde hin, zu den anderen Schläfern. Der Traum führt sie alle in Freundschaft und Liebe zueinander. Dagegen waren die Gedanken kleine, überaus lästige Insekten. Man konnte sie verscheuchen, so oft man wollte, sie ließen sich immer wieder an denselben Stellen von Dreck und Aas nieder.

Manchmal saß er auch tagsüber im Sessel und träumte, die Fensterläden wie üblich geschlossen. Natürlich durstete er nach Licht, vor allem nach dem klargespülten Licht des in Knospen unendlich leise aufsprengenden Frühlings, doch nur so gelang es, den Fäulnisgestank von der Düngerfabrik und das Gekeife der Frauen aus der Nachbarschaft, die den Gehweg mit einer an Besessenheit grenzenden Leidenschaft kehrten, auszusperren. Manchmal schien ihm, sie müßten den Tag mit nichts anderem ausfüllen, als Lärm vor seinem Fenster zu machen, bis ihre Männer (darunter viele RR-Men, Arbeiter bei der Eisenbahn oder im großen Depot, das vor zwanzig Jahren bei einem Brand fast komplett zerstört worden war) nach Hause kamen.
»Gräßliche Bretterbude«, schimpfte er auf das Haus, das eines der ärmlichsten des Blocks war, in das er sich aber an schlimmen Tagen gerne zurückzog wie eine Schnecke oder ein Taschenkrebs. Die Unbeweglichkeit seines Körpers gab ihm das Gefühl, die Mauern des Hauses wüchsen direkt an seiner Haut wie eine Kruste, ein mit jedem Kratzen sich verdickender Schorf. Dann gärte Neid in ihm: Longfellow wohnte im hübschen Cambridge in einem weitläufigen Anwesen, das bereits George Washington im Unabhängigkeitskrieg zum Hauptquartier erklärt hatte; nicht weniger prächtig war das Farmhaus, in dem Whittier in Amesbury lebte, wohlhabend genug, um einen Anbau nach dem anderen zu finanzieren; Emerson besaß ausreichend Platz für eine erlesene Bibliothek, Melville waren auf Arrowhead herrliche Ausblicke ins Grüne vergönnt, Holmes residierte fürstlich in der Beacon Street in Boston und William Cuillen Bryant hockte in seinem stuckverzierten Cedamere, die Wasser des Atlantiks gleich vor der Türe.
Die Melancholie ging vorüber. Etwas zu schroff wies er Mrs. Davis an, ihm das Waschwasser in den ersten Stock zu tragen, und versprach, eines nicht fernen Tages würde er eine Wanne einbauen lassen. Er verließ das Haus wieder zu den unregelmäßigsten Zeiten und krauchte zur Straßenbahn, auf den Stock gestützt und an Mrs. Davis’ Arm geklammert. Schon damals in Mannahatta hatte er größtes Vergnügen daran gefunden, in den pferdegezogenen Straßenbahnen durch die Stadt zu fahren. Er belauschte die Gespräche der Arbeiter, sah den Liebespaaren zu, unterhielt sich mit den Schaffnern. Das Klackern der Pferdehufe auf dem Pflaster war eine Melodie, die in so manchen seiner Verse einfloß. O die vor Anstrengung dampfenden Pferde!
Für die Nachbarn war der alte Mann ein Quell nie versiegenden Geschwätzes. Immer derselbe Anblick: Breitkrempiger Hut, graue Jacke, Arbeiterhosen, ein Hemd aus ungebleichter Baumwolle mit offenem Kragen, alles irgendwie zu groß und nicht richtig sitzend, ordentlich gebügelt, aber ziemlich abgetragen. Er humpelte davon und kam mit einem Stoß Papiere oder diesem seltsamen Ding namens Buch wieder zurück, manchmal unter den Arm geklemmt, meistens jedoch der armen Mrs. Davis aufgebürdet, die ihn von der Straßenbahn abholte. Einige Kinder, die auf der Straße spielten, fürchteten das Haus. Beim Abendessen erzählten sie den Eltern, was sie beobachtet hatten: Es gingen Fremde zu dem graubärtigen Alten, fremde junge Männer, die neu in der Stadt waren, sie verschwanden im Haus und wurden nie wieder gesehen —

Freundliches, milderes Wetter machte ihn kribbelig. Dann war es Zeit, sich aus der umsorgenden Güte von Mrs. Davis zu befreien und bei einem Spaziergang die Augen schweifen zu lassen oder einfach mit irgendeinem Arbeiter oder Bettler ins Gespräch zu kommen. Die Unterhaltungen mit literarischen Freunden genoß er für eine oder zwei Stunden, dann wurden sie schal und abgeschmackt. Das war nicht das Leben, das Leben waren diese Bilder, diese Szenen, die auf ihn einprasselten. Er ging hinunter zum Delaware, und es dauerte den ganzen Vormittag, bis er mit lahmem Schritt und völlig durchgeschwitzt das Flußufer erreichte. Das träge Wasser hatte etwas Lebendiges. Er ging ein Stück weiter zu der Fähre, nur um in Bewegung zu sein, es gab nichts, was er auf der anderen Seite erledigen mußte. Nur von Camden nach Philadelphia fahren. Unterwegs sein. Hin und zurück. Vier oder fünf Mal. Oft bis Mitternacht. Mit den Lotsen sprechen, die mehr zu sagen hatten als die meisten Dichter.
Einmal in einem besonders harten Winter war der Delaware zugefroren. So hatte er sich die arktischen Regionen vorgestellt, die schneebedeckten Ebenen, über denen der Wind klirrte und die Samojeden eine einsame Spur zogen. Die Fähre unternahm immer wieder Anläufe, um gegen das von allen Seiten andrängende Packeis vorzustoßen. Mit aller Kraft schob sie sich vorwärts. Meterweise. Er stand auf dem Deck, an die Reling gelehnt, das Schneegestöber schoß ihm glühende Nadeln ins Gesicht, aber die Belohnung war groß: Eisschollen knirschten den Fluß hinauf und hinab, ein unglaubliches Getöse, ihre Blöcke krachten in der Strömung aneinander, schoben sich klüftig übereinander; und in der einsetzenden Dämmerung leuchteten die Ufer, die Piers, die Dächer, die Oberflächen. Die Fähre schwankte, und er fühlte sich, als würde er auf einem Stern durch die Weiten des Weltalls rasen.
Die heutige Überfahrt verlief ruhig. Er betrachtete die Leute auf Deck, versuchte anhand der Kleidung ihren Beruf zu erraten. Viele Frauen, wie damals in Brooklyn, Frauen, die ihren letzten Cent dafür hergaben, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Er hatte darüber geschrieben, hatte die Eigner der Fähren aufgefordert, verbilligte Tickets zu verkaufen — es hatte nichts genützt. Heute wollte er nicht in Rage kommen, wollte nur die Gesichter sehen und sich darin verlieren. Denn er selbst hatte nicht nur dieses eine bärtige, faltige Gesicht, er hatte viele Gesichter, jede Zeile seiner Gedichte war ein anderes, neues Gesicht.
Am gegenüberliegenden Ende der Reling stand ein Mann mit derber Jacke und tief in die Stirn gezogener Mütze. Die Stirn hielt er wie einen Rammbock in den Wind. Als der Mann sich umdrehte, baumelte ein leerer Ärmel, flatterte wie eine Fahne. Ein Veteran. Sofort setzte das Sperrfeuer der Bilder wieder ein. Er sah das Lazarett, sah die Wagenladungen abgetrennter Gliedmaßen. Wenn die Märkte florieren, wenn die Leute fett und zufrieden sind, geht der Vorwurf der Kriegstreiberei leicht über die Zunge, aber damals stand viel auf dem Spiel, und deshalb hatte er den Krieg begrüßt als die einzige Chance für ein Land von Einigkeit und Gleichheit, ein Land, in dem keiner des anderen Sklave ist.
Lincoln. Er hatte überall erzählt, er kenne den Präsidenten gut, fast seien sie befreundet; er hatte das so oft erzählt, daß er in schwachen Augenblicken selbst daran glaubte. Lincoln hatte ihn bei seinen Ausritten durch Washington ein paar Mal freundlich gegrüßt, so wie er wahrscheinlich jeden gegrüßt hätte, der ihm zuwinkte und aussah wie ein verdienter Soldat. Das war alles. Aber wäre es nicht schön gewesen, wenn der Präsident seine Verse gelesen, wenn er aus ihnen Kraft und Rat für sein Amt gezogen hätte? Deshalb blieb er bei seiner Geschichte. Eine Utopie, die oft genug wiederholt wird, setzt sich vielleicht in den Köpfen der Leute fest.
Die Fähre landete am Quai. Als der Veteran an ihm vorbeiging, einen Sack über der Schulter, der leere, verknotete Ärmel seiner Jacke wie eine Anklage, nickte er ihm zu.

Eines Morgens klopfte Mrs. Davis aufgeregt an die Tür. »Kommen Sie raus und sehen Sie sich das an!« Er machte ein mürrisches Baah, begleitet von einer wegwerfenden Handbewegung. »Nun kommen Sie schon, Mr. Whitman, es ist eine Überraschung.« Das gelähmte Bein meuterte, aber er rief es zur Ordnung und schnaufte die Treppe hinab. Im Flur stand erwartungvoll Thomas Donaldson, ein Rechtsanwalt aus Philadelphia, der ihm eine Freikarte für die Fähre besorgt hatte, von den boshafteren Jungens auf der Straße nur der fette Mann gerufen.
»Sie werden es kaum glauben«, sagte Mrs. Davis.
»Ich bin bereit, alles zu glauben, wenn es die Seele erfreut«, sagte er zu Mrs. Davis und begrüßte Mr. Donaldson mit einem Händedruck. »Es ist immer ein Vergnügen, Sie zu sehen, mein Freund. Was führt Sie heute hierher?«
»Seien Sie ihr nicht böse, Walt, die arme Mrs. Davis hat mir einen Brief geschrieben, wie schwer es Ihnen fällt, das Haus ohne stützenden Arm zu verlassen. Daraufhin habe ich mir etwas überlegt und ein paar Kontakte spielen lassen. Sie haben sich alle an meinem Aufruf beteiligt, Mark Twain, Whittier, Oliver Wendell Holmes waren auch dabei …«
Er zog ein erstauntes Gesicht. Die Werke seiner Kollegen hatte er nicht immer sehr gnädig aufgenommen. Doch bevor er darüber nachdenken konnte, reichte ihm Mrs. Davis Jacke und Hut und öffnete die Tür. Die Haushälterin und der junge Rechtsanwalt führten ihn, der vor Aufregung leicht zu zittern begann, auf die Straße hinaus. Gegenüber dem Haus wartete ein Einspänner samt Pferd. »Der gehört jetzt Ihnen«, sagte Mr. Donaldson.
Ihm liefen vor Rührung die Tränen über die Wangen. Sie hatten ihn nicht vergessen, sie standen auf seiner Seite. Es gab sie also noch, in diesen Zeiten, in denen alles nach Auflösung strebte, die Gemeinschaft der Dichter. Die von geliebten Freunden umspannte Erde. Er ging zu dem Pferd hin und strich ihm über die Mähne. »Wir beide«, sagte er zu ihm, »werden ein Wind sein, der durch die Straßen fegt.«
Nicht allein die Straßen. Am liebsten hätte er die ganze Welt aufgesogen. Hätte ihren Strom, ihre Sturzfluten im Kopf gefiltert und als Gedichte wieder entlassen. Solange er in der Stadt war, brauchte er das Gespräch und riß alle seine Sinne weit auf. Zurück im Haus sehnte er sich nach Stille, er mußte sich mehr und mehr konzentrieren, um zum Kern der Schönheit vorzudringen, und schon einen kurzen Blick durch einen Spalt in den Fensterläden zu werfen war manchmal zuviel. In der Dunkelheit stellte er sich die dunklen Wasser vor, auf denen er bald hinaus ins Unbekannte segeln würde. Stundenlang saß er im Schaukelstuhl, wiegte vor, wiegte zurück, bis er dachte, der Boden unter ihm beginne zu schwanken, würde flüssig, Dünung des hohen Meeres. Er hatte soviel gesehen. Soviel geliebt. Alles war da, auch wenn die Einzelheiten fadenscheiniger wurden. Wenn er ins Schummerlicht starrte, bröckelten die Wände, brach die Zimmerdecke auf, und alles lag so vor ihm, wie er es erlebt hatte.
Nachdem ihm ein junger Bursche aus der Nachbarschaft beigebracht hatte, wie man den Buggy lenkt, konnte er von den Fahrten nicht genug bekommen. Er spornte das Pferd an und sauste mit den Zügeln in seiner gesunden Hand in waghalsigen Manövern um die Straßenecken. »Hinaus, hinaus«, rief er, »wir riskieren alles, nur immer weiter und niemals stehen bleiben!« Es störte ihn nicht, wenn ihm die Leute auf der Straße hinterhersahen oder ihn als verrückten Knacker beschimpften. Die, die wußten, daß er ein Dichter war, schüttelten ohnehin den Kopf.
Die neuen Eindrücke und die zurückgewonnene Beweglichkeit ließen seine Erinnerungen jedoch nicht wie erhofft zu harmlosen lichten Gespenstern verblassen. Wenn das Gekläff des Hundes nicht manchen Tagtraum rüde unterbrochen hätte, wäre er oft mit wirrem Haar und geröteten Augen am Abendbrottisch erschienen, und Mrs. Davis hätte ihn mit besorgten Fragen noch weiter gequält. Bereits in jungen Jahren hatte die wackere Frau ertragen müssen, wie ihr Mann auf See verschollen ist, nein, es gab keinen Grund, ihr all die Toten zu schildern.
Er liebte das Land, die Landschaften. Heimat war ein Privileg. Deshalb litt er körperlich, als sich die Nation in Norden und Süden spaltete. Ohne Zögern hatte sich sein Bruder George beim Dreizehnten Brooklyner Regiment gemeldet und für hundert Tage verpflichtet. Niemand glaubte damals, der Krieg würde lange dauern. Dann kam Bull Run, und alles hatte sich geändert. Der Bruder schloß sich den Fifty-First New York Volunteers an, war von Schlacht zu Schlacht gezogen und zuletzt bei Fredericksburg verwundet worden. Und er, den man niemals einberief, reiste nach Washington, um den Bruder zu pflegen. Verzweifelt durchkämmte er die Hospitäler; und als er George endlich gefunden hatte, stellte sich heraus, sein Bruder hatte Glück gehabt, es war nur eine aufgerissene Wange.
Aber er war vor Ort. Mittendrin. Achtlos aufgehäufte Leichenberge, amputierte Gliedmaßen, die Frauen und Söhne liebkosen und einen Pflug hätten führen sollen, aufgebahrte junge Männer, kaum bärtig geworden, Verwundete, um die sich niemand kümmerte, Schreie nach der Mutter, Schmerzensschreie wegen klaffender Löcher im Bauch, im Kopf, oder wegen brandiger, eitrig stinkender Wunden. Die wahre Dichtung bestand darin, zu helfen, Leiden zu lindern. Er wollte freiwillig als Pfleger arbeiten, doch man lehnte ihn ab. Deshalb suchte er sich einen schlechtbezahlten Job als Kopist, schrieb nebenher ein paar Artikel für Zeitungen, nahm ein einfaches Zimmer und verbrachte jede freie Minute an den Lazarettbetten. Er schrieb Briefe für die Amputierten, brachte Süßigkeiten und Erfrischungen, soviel er eben vom schmalen Lohn kaufen konnte, oder saß bei den Sterbenden, um Trost und letzter Weggefährte zu sein.
Leichen für eine Idee, Leichen für die Freiheit, Leichen ohne Ende, weil die Geldgier der Plantagenbesitzer unermeßlich war. Das alles brannte sich unauslöschlich wie in frischen Ton, und jetzt in der Düsternis des Zimmers stand es ihm wieder vor Augen. Wenn alle schwiegen (und er hatte selbst oft schweigend auf die Leiden der Welt geschaut), dann mußte er sprechen, und seine Sprache war klar, unmißverständlich, respektlos (sie verdienten keinen Respekt: die Politiker waren nichts als bezahlte Beauftragte — und weil sie das vergaßen, nannte er sie, wenn ihm der Zorn diktierte, Scheißefresser, Giftmischer, Lobbyisten, Leichenräuber).
Das Land blutete. Die jungen Männer bluteten. Ein gräßlicher Dünger, der in den Boden sickerte. Er ging durch die Reihen der Betten und blickte in die Gesichter. Da waren die leeren Augen, aus denen jede Regung verschwunden war, die wie irre umherflitzenden Augen, die ein schöneres Land suchten oder nur einen Ausweg aus dem Kerker, die Augen, die ihn mit einer solchen Verzweiflung ansahen, daß es ihn Mühe kostete, den Blick zu erwidern und ihm standzuhalten. Er blickte in alle Gesichter, und er liebte sie alle. Der Körper, dieser Freudenspender, war unbegreiflich kostbar, und er war dahin.
Wie Kinder freuten sich die Soldaten, wenn er ihnen Schokolade in den Mund steckte oder bei ihnen saß und Geschichten erzählte, manchmal einfach drauflosplaudernd. Die Genesenden ihrerseits, die wieder genug Luft schöpfen konnten, berichteten von ihrer Heimat, von den Eltern, von dem Mädchen, das sie liebten, von dem Beruf, den sie gegen die Waffe eingetauscht hatten.
Wenn er abends von seinen Runden durch die verschiedenen Hospitäler der Stadt zurückkam, nahm er einen Stuhl, stellte ihn vors Fenster und starrte hinaus. Er fühlte sich wie ein ausgewrungener Lappen, als hätten die armen Kreaturen in ihren Betten seine Hoffnungen und Freuden aus ihm gesogen, um sich daran für einen verzweifelten weiteren Tag zu nähren. Er dachte an Southold. Niemals würde er den Morast aus ländlichem Dung und alkoholischem Dunst vergessen, den er durchwatet hatte, bis ihn diese tappenden Schritte zu der ein für alle Mal gültigen Entscheidung führten: Das Schöne zu preisen, das Sichtbare zu loben.
Aber soll ein Dichter den Krieg mit aromatischen Lügen salben, damit er klänge wie ein Prediger? Er starrte aus dem Fenster und befürchtete, er würde jeden Augenblick in zwei Hälften zerrissen, die nach rechts und nach links vom Stuhl kippten. Das Schreckliche benennen und gleichzeitig an die Schönheit erinnern, ohne Schnörkel und ohne Ornamente, die nackte Schönheit, die einem entgegensprang, mit geöffneten Schenkeln mitten ins Gesicht.

Die Fahrten im Buggy verliehen ihm noch einmal neuen Schwung und neue Kräfte. Natürlich gemahnte das halbgelähmte linke Bein an das, was unwiederbringlich in die Kloake der Zeit gespült worden war. Aber der Geist kennt am Ende keine Barrieren, und geduldig wartet das Meer auf die Seele, die es befährt.
Einem Freund schrieb er: Die Tage gleiten dahin, & der Gram scheint sich — obwohl er nicht endet — im Verlaufe der Zeit zu mildern & zu zerstreuen. Wie sehr täuschte er sich darin. Die Tage in der Mickle Street hätten in stiller Routine verstreichen können, wäre ihm nicht immer wieder ein Gesicht erschienen, das eine unvergeßliche Gesicht unter den Tausenden im Lazarett notierten Namen und Adressen.
Das war seine letzte Gelegenheit! Mrs. Davis, die kleine, tapfere Mrs. Davis, das Haar straff aufgesteckt, das Kleid streng geschlossen und trotzdem ein häuslicher Wirbelwind, besuchte gerade für einen oder zwei Tage eine Verwandte, die ihre Hilfe benötigte. Er humpelte zu dem Einspänner, hievte sich auf den Sitz und lenkte das Pferd zur Bahnstation. Einem Jungen gab er ein paar Pennies, damit er auf das Pferd aufpaßte und ihm Hafer gab. Dann kaufte er eine Fahrkarte und ging auf den Bahnsteig. Es dauerte lange, diese kleine Strecke zurückzulegen, und er war nicht sicher, ob er es wirklich schaffen würde, doch er sprach sich Mut zu — und schließlich stand er vor der Lokomotive. Ein Schaffner half ihm in den Wagen, sagte »Väterchen« zu ihm, auch wenn sie wohl nur wenige Jahre trennten. Er hatte immer älter ausgesehen als er war. Er blickte aus dem Fenster, Dampf schnob über den Bahnsteig zwischen die Beine der Winkenden, dann setzte sich der stählerne Koloß unter herrlichen Pfeifsignalen in Bewegung. Wie ein kaum bezähmbares Kraftpaket schoß die Lokomotive durch die Landschaft. Der menschliche Geist hat diese Kraft erdacht und ihr seinen Willen aufgezwungen — würde ihm das mit seinem lahmen Bein doch auch gelingen. Stehe auf und wandle! Ach, Bruder, du hattest mehr Willen …
Nach einer Stunde hatten sie Jersey durchquert und Atlantic City erreicht. Am Bahnhof mietete er einen Wagen. Skeptisch blickte ihn der Kutscher an, als er ihm das Reiseziel nannte, doch in Mannahatta war er mit den Kutschern immer rasch ins vertraute Gespräch gekommen, und so war es auch hier. Auf den letzten fünf, sechs Meilen führte der Weg durch Salzgraswiesen. Der Duft von Riedgras erinnerte ihn an die Maische und die südliche Bucht seiner heimatlichen Insel. Er hätte bis in die verrückte elektrische Nacht durch diese Meeresprärien fahren können. Dann wehten ihm Brisen um die Ohren, das Rauschen der Wellen machte ihn schwindlig, und da war es, das Meer, das Meer, dessen Bauch sich um die halbe Erde wölbte!
Er wies den Kutscher an, ein paar Meilen am Strand entlang zu fahren, der Sand war fest und die Räder hinterließen kaum Spuren. Dann erreichten sie ein Gebäude, das einmal die Halle einer Badeanstalt gewesen war, es schien seit Jahren unbetreten, die Scheiben waren eingeschlagen und die Farbe blätterte allmählich in der Salzluft ab. Draußen in der Ferne konnte er Vollschiffe, Briggs und Schoner, deren Segel den Wind voll einfingen, und weiter im Hintergrund, fast schon außer Sicht, die langgezogene Fahne eines Dampfers erkennen. »Hier sollst du verrotten, in dieser Monotonie, vor diesem Ebenmaß der Wellen«, sagte er zu dem alten Gebäude.
Während er ins Gebäude humpelte, dessen Türen unverschlossen waren, vertrat sich der Kutscher abseits die Beine und rauchte eine Zigarette. Fragmente des Tabaks wehten durch die zersplitterten Fenster in den Raum, in dem er sich auszog. Er war zeitlebens Nichtraucher, aber das würzige Aroma gefiel ihm. Die Kleider mit einer gelähmten Körperhälfte und ohne die gewohnte Hilfe von Mrs. Davis abzustreifen erforderte viel Geduld und die Aufbietung aller Kräfte, doch er machte so rasch es ging, weil ihn Unruhe gepackt hatte. Zwischendurch schaute er an sich hinab: Über diese Brust hatten Hände gestrichen auf der Suche nach Lust, und an diesem verschrumpelten Zipfel hatten seine eigenen Finger gespielt, voller Scham und in großem Einklang mit der Welt, wenn der milchweiße Strahl hervorschoß wie die Sonne morgens über die Berggipfel.
Er stützte sich auf den Stock und hinkte über den Strand zum Meer hinab. Die kühlen Wellen kitzelten an seinen Zehen. Er wich zurück, stieg dann erneut ins Wasser. Am liebsten wäre er gerannt, jauchzend, hätte sich, so wie damals, mit einem Bauchklatscher hineingeworfen, hätte sich gewälzt in der Flut. Das wagte er nicht. Er stand nur bis zu den Knien im Wasser, und kleine Schaumkronen schwappten gegen sie, hinterließen ein leicht klebriges Weiß. Mit seiner ganzen Seele glitt er über die Brandung, tauchte untermeer zu den Millionen fruchtbarer unentdeckter Fische, zu den treibenden Algen, den genügsamen Korallen, und ritt auf den Wellen der Ekstase auf diesem Ejakulat Gottes. Er bückte sich und spritzte sich das Wasser über den nackten Körper. Das alles war im höchsten Maße unvernünftig, er würde dafür büßen, morgen oder am übernächsten Tag, eine furchtbare Erkältung wäre wohl noch das wenigste, und Mrs. Davis würde ihn einen alten Sturkopf schelten, ihn jedoch nach Kräften bemuttern. Er würde im Bett liegen, eingemummelt, und hoffen, daß das Meer den Toten endgültig von ihm gespült hatte, zu den anderen, die bei Handelsfahrt oder unbezwingbar neugieriger Entdeckung ersoffen waren im unersättlichen Schlund des Meeres.

Das Gesicht des Toten hatte ihn verfolgt. Jahrelang. Immer, wenn ihn Selbstzweifel aus der Bahn warfen, war es erschienen, hatte sich unter den Gesichtern des täglichen Umgangs hervorgeschoben. Dann war lange Zeit Frieden gewesen. Doch als er in Washington durch die Reihen der Lazarettbetten schritt und ein Gesicht nach dem anderen betrachtete, fremd und ihnen allen gleichermaßen in brüderlicher Liebe zugetan, da traf ihn ein Hammerschlag zwischen die Augen.
Das Haar von dunkel geronnenem Blut verklebt, die Wangen schmutzig vom Schlamm, in den der Soldat gefallen war, als ihn die Kugel in den Bauch getroffen hatte. Er holte ein Stück Scharpie, feuchtete es an und wischte den Schlamm zärtlich ab. Die Haut, die zum Vorschein kam, schimmerte weiß wie ein Laken. Es war das Gesicht des Gekreuzigten, es war das Gesicht des Judas. Zwanzig Jahre und die entsetzlichen Dinge auf den Schlachtfeldern, wo der Mensch seinen bestialischen Ursprüngen, seiner Abkunft aus Reißzahn und Klaue frönte, hatten seine Züge vergröbert, trotzdem erkannte er das Gesicht wieder, erkannte die aufgeweckten Augen seines ehemaligen Schülers.

Das Purgatorium von Southold. Er würde diese Schande niemals loswerden. Er hatte seit einigen Monaten eine Stelle als Schullehrer, nichts, was ihn wirklich erfüllte, und schlief im Haus der Familie eines seiner Schüler, wie es üblich war in den ärmlichen Dörfern, die sich keine Unterkunft für ihren Lehrer leisten konnten. Geschrei weckte ihn eines abends auf. Er zündete eine Kerze an, warf einen Blick aus dem Fenster und sah den vielköpfigen Mob mit Fackeln über den Hügel kommen. Rasch löschte er die Kerze wieder, kleidete sich an und floh durch die Hintertür. Einige fromme Mitglieder der Kirchengemeinde hatten sich heißen Teer beschafft, wie er überall zum Ausbessern der Fischernetze herumstand; das Fäßchen vor sich schwenkend und mit Knüppeln bewaffnet, zogen sie durch die Straßen. Ein besonders gottesfürchtiger Bürger entdeckte ihn, wie er durch die Hinterhöfe schlich, und das stachelte den Mob, heizte die Jagd durch die Straßen nur an. Schließlich konnte er sich im Haus des Doktors unter Strohmatratzen verstecken. Bange Minuten, in denen er regungslos lauschte, verstrichen wie Stunden. Als es an der Tür klopfte, gab es keine Flucht mehr. Er kroch tiefer ins Stroh, doch die Hände zerrten ihn hervor. Vor der Tür stieß man ihn in den Staub; abwehrend hob er die Hände, stammelte verzweifelte Erklärungen und Entschuldigungen, doch im allgemeinen Gebrüll und Gelächter wurden sie nicht mehr gehört. Man überschüttete ihn mit Teer und Federn, fesselte ihn an eine Stange und trug ihn aus der Stadt. Als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, schnitt man ihn ab und hetzte ihn mit Fußtritten davon.
Von allen Geschöpfen Gottes waren diese flachstirnigen Lümmel, diese ungebildeten vulgären Clowns des Geldes die schlimmsten. Doch ein Junge war nicht so. Um diesen kümmerte er sich besonders. Wenn die anderen Schüler stumpf auf die Wände glotzten, während er sie für irgendetwas zu interessieren versuchte, folgte ihm dieser Junge mit hellen Augen. Eines Tages stand er vor seiner Tür und fragte, ob er ihm ein Buch ausleihen würde. Sein Herz schlug bis zum Hals, er holte das gewünschte Buch aus dem Regal und strich dem Jungen, als er es ihm gab, stolz über den Kopf.
Der Körper ist heilig. Die junge straffe Haut, die Muskeln, die unterm Fleisch schwellen. Das Hirn, in das eine ganze Welt, ein Universum hineinpassen, das Hirn, das die Sterne und Galaxien vermißt. Und die unermeßliche Seele, diese prachtvollste Blüte des Hirns. Dieser Junge würde all das eines Tages erfahren. Obwohl er selbst nur wenige Jahre älter war, beneidete er ihn um seine Jugend und um das, was ihm offenstand.
Er hatte ihm übers Haar gestrichen.
Er hatte ihm beide Schultern gedrückt.
Er hätte jede Faser in sich aufsaugen mögen.

Bis zu den Knien stand er im Meer. »Bade mich, o Gott, in dir«, schrie er so laut, wie es seine altersbrüchige Stimme und die schwachen Lungen erlaubten.
Dann stützte er sich auf den Stock, humpelte aus dem Wasser und fuhr zurück zu seinem Haus.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954