Complete Communion

Der Kritiker Meinolf Reul über das Album Complete Communion (1965) von Don Cherry, Gato Barbieri, Henry Grimes und Ed Blackwell, einen Klassiker des Free Jazz.

 

Der Berliner Alfred Löw (oder Loew), der sich nach seiner Flucht in die USA Mitte/Ende der 1930er Jahre in Lion umbenannte, und sein ebenfalls aus Berlin stammender Jugendfreund Frank (Francis) Wolff schufen, als sie im Exil wieder zusammentrafen (Wolff kam 1939 nach New York), das Label Blue Note. In einer aus dem Gründungsjahr datierenden Werbebroschüre formulierte Lion:

Blue Note Records are designed simply to serve the uncompromising expressions of hot jazz or swing, in general. […] Hot jazz […] is expression and communication, a musical and social manifestation […].[1]

Complete Communion, am 24.12.1965 in der Besetzung Don Cherry (Kornett), Gato Barbieri (Tenorsaxophon), Henry Grimes (Bass) und Ed Blackwell (Schlagzeug) im Studio von Rudy van Gelder in Englewood Cliffs, New Jersey, eingespielt, löst dies Credo in erstaunlicher Weise ein. Es ist das erste von drei Alben, die Cherry Mitte der 60er Jahre bei Blue Note veröffentlichte, und das erste unter eigenem Namen.[2] Produzent war, wie bei allen Veröffentlichungen des Labels, Alfred Lion.[3] Er, der – so geht die Legende – 'seinen' Musikern mit starkem deutschem Akzent das Leitwort »It must schwing!« mitzugeben pflegte, dürfte mit Complete Communion hoch zufrieden gewesen sein.

Complete Communion enthält zwei Suiten, »Complete Communion« und »Elephantasy«, die jeweils eine Plattenseite einnehmen und in je einem Take[4] aufgenommen wurden – ein Prinzip, das Cherry auch in Symphony For Improvisers verwendet. Die A-Seite umfasst Cherrys Kompositionen »Complete Communion«, »And Now«, »Golden Heart« und »Remembrance« (20:38 Minuten), die B-Seite »Elephantasy«, »Our Feelings«, »Bishmallah« und »Wind, Sand and Stars« (19:36 Minuten).

Das Zusammenspiel der vier Musiker ist wie das eines Streichquartetts angelegt – »man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten« (Goethe im Brief an Zelter[5]) – mit Cherry als primus inter pares, was sich vor allem darin zeigt, dass er es ist, der die Kompositionen anstimmt, oft unisono mit Barbieri, und jeweils das erste Solo hat. Das dialogische Prinzip selbst ist nicht neu, schon der frühe Jazz kannte die Ruf-Antwort-Form (Call and Response). Hier ist es aber umfassend realisiert und bildet die Basis des Musizierens; vor allem ist es keiner Etikette mehr unterworfen. Die Regeln von Harmonie, 'erlaubter' musikalischer Gestalt, Melodieverlauf, Takt sind zwar nicht außer Kraft gesetzt (wie könnten sie?), werden aber so weit interpretiert, dass sie nichts Hemmendes mehr haben: sie gehorchen nun den Musikern und nicht umgekehrt.[6] Trotz dieser Freiheiten, klingt die Musik kohärent und gut strukturiert, die Soli sind kurz und knusprig.

Neben Kornett und Saxophon übernehmen Bass und Schlagzeug – John Litweiler spricht in seinem Buch Das Prinzip Freiheit vom »mächtig swingenden Rhythmusgespann aus Blackwell und […] Grimes«[7] – solistische Funktionen, vor allem in der »Elephantasy« tritt Grimes als von den klassischen (begleitenden) Aufgaben eines Bassisten vollkommen emanzipierter Quartettpartner in Erscheinung. Beispielhaft hierfür sein gestrichenes Solo in »Our Feelings«, oder sein Solo in »Bishmallah« – der Titel ist wohl eine Variante des arabischen Substantivs Basmala, das die Anrufungsformel bezeichnet, die am Anfang jeder (mit einer Ausnahme) Sure steht und mit dem Wort Bismillah beginnt, das heißt: »Im Namen Gottes«.[8] Musikalisch greift hier ein Konzept, das Henry Threadgill, selbst ein bedeutender Interpret und Komponist der Great Black Music, in die Worte fasste:

Man hört so oft, daß ein Instrument im Vordergrund steht und die […] anderen eineArt Begleitung sind. Davon möchte ich wirklich loskommen. Also schreibe ich Musik aus der Vorstellung heraus, ich sei der Schlagzeuger. Manchmal gehe ich auch vom Baß aus […]. Das verändert den ganzen Kontext in Bezug darauf, was Begleitung ist. Es tötet sozusagen die Begleitung und stellt alles auf die gleiche Stufe, und das ist es, was ich zu erreichen versuche.[9]

Barbieri, der später mit seiner Filmmusik zu Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris (1972) einem breiteren Publikum bekannt wurde, spielt vor allem in den hohen Registern des Tenorsaxophons (das so oft eher wie ein Altsaxophon klingt), mit Sopransax-Spitzen- und Quietschtönen – Demonstration einer ausgefeilten Überblastechnik und Ausdruck einer Spielfreude, der der herkömmliche Klangbereich des Instruments zu eng geworden ist.[10] Er produziert, wo er sie braucht, rauhe Spaltklänge und hat insgesamt einen großen, weit ausschwingenden, beredten, hin und wieder grobkörnig-knurrigen oder angeschmutzt-rotzigen Ton.

Cherry, der im Coleman-Quartett pocket trumpet gespielt hatte, wechselte danach zum Kornett, einem trompetenähnlichen Instrument, »the metal’s softer, you get a far better sound.«[11] Für die Spieleigenschaften eines Kornetts im Vergleich zu denen einer Trompete findet sich die folgende Beschreibung: »The conical bore of the cornet […] makes it more agile than the trumpet when playing fast passages, but correct pitching is often less assured.«[12]

Cherrys lyrisch-untriumphaler, manchmal brüchiger Ton bildet einen schönen Kontrast zu Barbieris strahlenden Breitseiten. Überhaupt die Klangfarben – großartig die besondere, um den hellen Beckenklang reduzierte Kolorierung durch Bass und Schlagzeug in »Remembrance«. Die Soli von Cherry und Barbieri werden hier nur von Blackwells Spiel (mit den bloßen Fingern?) auf den Trommeln und Grimes’ Pizzicati gestützt (Grimes, der dann selber noch ein abschließendes Solo hat). Balance, Homogenität und Eleganz, die das Quartett auszeichnen, scheinen in Triostärke noch potenziert.

Die Kollektivimprovisationen von Complete Communion fußen auf den revolutionären neuen Prinzipien Ornette Colemans; Cherry war einer seiner ersten Schüler gewesen.[13] Getreu seiner sprichwörtlich gewordenen Devise »Let’s play the music, not the background«, gab Coleman seinen Musikern nur die Melodie, aber keine Akkordfolgen, über die sie hätten improvisieren können. Coleman beschreibt die Arbeit seines Quartetts im Interview mit Litweiler:

Wenn wir […] zusammenkamen, war die interessanteste Frage immer: Was spielt man, wenn man das Thema gespielt hat, wenn man sonst nichts hat, woran man sich festhalten kann? […] Wenn Du eine Melodie spielst, dann hast Du normalerweise ein festgelegtes Schema, das Dir sagt, was Du tun kannst, während jemand anders etwas anderes spielt. Aber nun war es auf einmal so, daß, wenn wir die Melodie gespielt hatten, keiner wußte, in welche Richtung er gehen sollte oder wie er den anderen andeuten könnte, daß er es doch wüßte. […] Schließlich hatte ich sie so weit, daß sie merkten, daß sie sich auch ohne Orientierung an einem festgelegten Raster ausdrücken konnten… Ich glaube, es ging darum, ihnen beizubringen, mehr Vertrauen in den eigenen unmittelbaren Ausdruck zu entwickeln.«[14]

Das erklärt den offenen und transparenten Charakter der Musik. Sie klingt oft kindlich fröhlich und auch humorvoll; immer ist sie voller Energie und Wärme.
Die communion – Joachim-Ernst Berendt und Günther Huesmann weisen auf die »messianische, die Welt umarmende Liebesgeste« hin, die aus den Platten- bzw. Kompositionstiteln des Neuen Jazz spreche: Spiritual Unity, Holy Ghost (Albert Ayler), Communication (Carla Bley), A Love Supreme (John Coltrane), Peace (Ornette Coleman) etc.[15] – besteht nicht nur zwischen den Spielern, sondern auch zwischen den Stücken selbst. Jede Komposition 'hat' ungefähr fünf Minuten, bevor sie von der nachfolgenden abgelöst wird, doch bleiben die Themen potentiell alle im Spiel, klingen zum Beispiel im Schlagzeug an, das Blackwell, ein extrem subtiler Musiker, der hier zuweilen mit flickernd-funkenden Beats auf dem Becken überrascht, beinahe wie ein Melodieinstrument zu spielen versteht, oder sie treten als Reprisen oder als nur angerissene Zitate wieder in den Vordergrund. Beide Suiten enden mit der Wiederaufnahme eben des Themas, mit dem sie angefangen haben, die »Elephantasy« macht noch einen Schlenker zu »Salt Peanuts«, das Dizzy Gillespie und Charlie Parker zwanzig Jahre vorher aufgenommen hatten.

Ein Stück wie das ähnlich einem Paisley-Muster in sich selbst verschlungene, ostinatohafte »Golden Heart« mit seinem aus vier aufsteigenden und wieder absteigenden Noten bestehendem Anfangsmotiv offenbart seine flirrend-hypnotischen Qualitäten, nimmt man es in einem langsameren Tempo, wie dies Neneh Cherry und The Thing tun (The Cherry Thing), die den Effekt zudem durch Einsatz eines Loops betonen – und auf einmal klingt es wie Wüstenmusik.

Wie stets bei Blue Note, zeichnen Francis Wolff und Reid Miles für Photographie und Coverdesign verantwortlich. Miles setzte Wolffs Musikeraufnahmen entweder ganz groß oder ganz klein aufs Cover – bei Complete Communion hat er sich für die kleine Variante entschieden. Das schmale hochformatige Bildnis Cherrys, im oberen Drittel links auf weißem Grund placiert, betont sein Gesicht und das Kornett, das er in seiner Rechten hält, und belässt den Rest schwarz. Der nach unten weisende Schalltrichter des Instruments zeigt auf den zweizeiligen, rechtsbündig gesetzten Namenszug »Don / Cherry«, so schmal wie die Photographie selbst. Die Optik dieser Bild-Wort-Kombination erinnert an das Ausrufungszeichen eines weiteren bedeutenden Labels jener Jahre, »Impulse!« Die Namen von Leandro 'Gato' Barbieri, Henry Grimes und Edward Blackwell stehen in kleinerer Type rechts von dem Cherrys. Ein unmittelbar an die Porträtphotographie anschließendes, ihr gegenüber leicht nach unten versetztes, rotes Formelement unterlegt und erhöht sie; sich verbreiternd, erstreckt es sich wie ein asymmetrischer roter Teppich bis zum Rand des Covers. Ein abstraktes Gemälde in den erdigen Farben Ocker, Braun, Rotbraun und Schwarz füllt dessen untere zwei Drittel aus. Das Rot und das Schwarz des Gemäldes nehmen die Schwarz- und Rottöne der Photographie und des Graphikelements wieder auf. Links der Photographie, um 90° gedreht, in Kleinschreibung, der Plattentitel.

Complete Communion wurde ursprünglich unter der Titelnummer BST 84226 veröffentlicht. Die CD-Neuauflage hat die 22673, die im Logo – es besteht, jeder kennt es, aus einer stilisierten Note und dem (wie die Coverschrift insgesamt) in serifenloser Type gesetzten Schriftzug BLUE NOTE – in den Notenkopf eingefügt ist. Im Fähnchen der berühmte Slogan »The Finest In Jazz Since 1939« sowie, etwas größer darüber: »STEREO«.

Complete Communion ist eines der Meisterwerke des Free Jazz. In späteren Jahren wurde Don Cherry zu einem der Wegbereiter und wichtigsten Protagonisten des World Jazz, der Verbindung von Jazz mit nichtwestlichen Musiken, wie sie sich im afrikanisch-orientalischen Melos von »Golden Heart« und »Bishmallah« schon ankündigt.

 

 

Anmerkungen

[1] Wikipedia-Artikel »Alfred Lion«
[2] Auf Complete Communion (1966) folgte im selben Jahr Symphony For Improvisers (mit einem Septett, dem Barbieri (ts), Grimes (b), Blackwell (dr), Pharoah Sanders (ts, piccolo) Karl Berger (vb, p) und Jean-François Jenny-Clark (b) angehörten), 1967, wieder in Quartettbesetzung (Cherry, Sanders, Grimes, Blackwell), Where Is Brooklyn?
[3] Erst 1967, nach Lions Rückzug aus der Firma, die er bereits zwei Jahre zuvor an Liberty Records verkauft hatte, übernahm Francis Wolff von ihm diese Aufgabe.
[4] Steve Hueys Schallplattenkritik auf Allmusic
[5] Brief an Friedrich Zelter vom 9.11.1829, zit. nach: Wikipedia-Artikel »Aufklärung«, im Abschnitt »Instrumentalmusik«, Anmerkung 47.
[6] Vgl. Nat Hentoff, Begleittext zu Complete Communion. Blue Note Records, New York, N.Y., 2000, S. 6f.
[7] John Litweiler, Das Prinzip Freiheit. Jazz nach 1958. Oreos Verlag, Schaftlach 1988, S. 263.
[8] Wikipedia-Artikel »Basmala«
[9] John Litweiler, a.a.O., S. 172.
[10] Berendt/Huesmann sehen hierin, unter dem Stichwort »high energy playing«, ein verbindendes Merkmal der Musiker des Free Jazz überhaupt. Vgl. Joachim-Ernst Berendt/Günther Huesmann, »Die Stile des Jazz. Seit 1960 – Free Jazz«, in: Das Jazzbuch. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011, S. 26-41; hier: S. 33.
[11] Zit. nach: Nat Hentoff, Booklet zu Complete Communion. Blue Note Records, New York, N.Y., 2000, S. 7.
[12] Wikipedia-Artikel »Cornet«
[13] John Litweiler, a.a.O., S. 38.
[14] John Litweiler, a.a.O., S. 28.
[15] Joachim-Ernst Berendt/Günther Huesmann, a.a.O. , S. 26-41; hier: S. 33.