# 007/ Captain Morgenstern


ARAKAWA

 

Zum Öffnen der Sequenz bitte auf das Bild klicken. Aus: Dencker: AMBIGUITY & MORE. Sequences. Redfoxpress: Dugort, Achill Island, County Mayo/Ireland 2010.

 

POESIE – THEORIE – BIOGRAFIE


Gegen Ende der 1960er Jahre hatte ich beschlossen, das regelrechte Schreiben von Poesie für die Buchseite aufzugeben. Da ich einerseits der traditionellen Poesie nichts Neues hinzufügen konnte, andererseits aber meine Arbeiten, die seit Anfang der 1960er Jahre entstanden und der Gruppe der Phantastischen Realisten in Wien nahe standen, sich schon immer am Bild orientierten, war es ein kleiner Schritt, zunächst Poesie zu visualisieren. Es waren Plakatgedichte, die ich im Dezember 1969 zum ersten Mal in der Mobilia-Galerie in Erlangen ausstellte, z. T. beeinflusst durch die Dokumentation Die Wiener Gruppe von Gerhard Rühm 1967, aber auch von der Konkreten Poesie in der Anthologie (ebenfalls 1967) von Emmett Williams.


Als ich dazu 1970 mit den Filmexperimenten begann und versuchte, die auf den Plakaten statisch wirkenden Gedichte nicht nur zu visualisieren, sondern auch in Bewegung zu versetzen, so dass sich z. B. aus den Buchstaben eines Wortes immer neue Wörter bilden ließen und diese mit filmischem Material gespiegelt oder konterkariert werden konnten, entstand die Idee einer TV-Poesie, die unter dem Titel Visuelle Poesie zu 3 Experimentalfilmen führte, die ich 1971 beim Südwestfunk/ Fernsehen realisieren konnte.


Von da an entwickelte sich eine rege Filmtätigkeit, aus der ich viel für meine Visuelle Poesie auf dem Papier gelernt habe. Hinzu kam das Suchen in der Historie und in anderen Ländern nach Vorformen, um nicht der Gefahr zu unterliegen, bereits Ausprobiertes neu zu erfinden. So entstanden 1972 die erste deutsche Anthologie zur Visuellen Poesie Textbilder. Visuelle Poesie international (DuMont, Köln) und die erste TV-Dokumentation Visuelle Poesie für HR 3. Dieses Interesse am Suchen hielt über 40 Jahre an und das Ergebnis war 2011 die umfangreiche internationale Bestandsaufnahme Optische Poesie. Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart (De Gruyter, Berlin/New York).


Meine Visuelle Poesie hat sich unter dem Eindruck all dieser Kenntnisse von den Ein-Blatt-Arbeiten bis hin zu Sequenzen entwickelt, in der Regel auf DIN A 4 Blättern. Die bisher längste Sequenz Die Reise nach Rom umfasst 120 Blätter. In der Sequenz wurde es möglich, zunächst innerhalb eines Blattes, dann aber auch von Blatt zu Blatt Geschichten zu erzählen.


Dabei gibt es innerhalb des Blattes und über die ganze Sequenz drei Ebenen: die poetische, die theoretische und die biografische, die sich ineinander vermischen und wie in einem Netz mit Korrespondenzen verknüpft werden. Das Poetisieren wird begleitet vom Nachdenken über das, was ich gerade mache, und alles wird durchzogen von privaten Elementen. Das macht die Arbeiten für den Betrachter zwar rätselhaft, aber auch wieder interessant in der Weise, dass er nicht genötigt wird, die einzig gültige Geschichte zu finden, sondern im Sinne Ecos selbst produktiv werden und aus dem angebotenen Material seine eigene Geschichte erfinden kann. Bei allem aber gilt, was schon in den 1960er Jahren wichtig war: Sprache und Wörter zu sezieren, um für mich Neues zu erfahren.


Klaus Peter Dencker



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954