# 006/ Eine von uns ist die Frau


Das Sehen versuchen

BIRGIT KEMPKER – DAS SEHEN VERSUCHEN

Das Sehen versuchen - Umverteilungsübungen

 
Kapital 1
Das Sehen des Sammlers

gehört hier hin. Das Sehen des Sammlers gehört zur Biografie des Sehens des Sehens. Es gehört in die Sammlung. Es fächert den Weg etwas platt. Das Sehen des Sammlers ist Ansehen. Sein Ansehen. Der Sammler will stolz sein auf seine Sammlung. Das Sehen des Sammlers ist Stolz. Stolz ist das Codewort. Sehnsucht verbindet uns. 

Der Sammler sehnt sich. Die Sehnen des Sammlers sind die Strecken zwischen ihm und seiner Sammlung. Die elastische Knochenverbindung. Deshalb wächst der Sammler mit seiner Sammlung mit. Das sind seine Übungen. Seine Knochenübungen. Seine Schönheitsexerzitien. Sein Schicksal. Seine Zerstörung. Sein Aufbau. Sein Todestrieb. Sein Überschuss. Er muss es verkraften können was er sammeln kann. Die Ausdehnung in Schönheit verkörpern ohne zu platzen. Nebenkörper bilden. Mentale Gastfreundschaften leisten. Blut spenden und in Blutaustausch treten. Blutrausch zelebrieren. Fremde Herzen essen und sich die Hände dreckig machen an Geschäften. Der Sammler mischt sich ein und düngt sein Sehen mit Gier. Ohne Gier und Angst, ohne unschöne Aneignungsoperation keine schöne Sammlungsoption. Nichts wächst ohne Mist. Der Sammler ist ein Kompostexperte. Er muss. Er ist ein Mann der Fäulnis, der Alchemie. Er ist ein edles Stinktier. Die durch seine Sammlung in seinen Sammlerkörper hineinverschobene aufgeschobene verspätete Sterblichkeit ist der unsichtbare magische Raum zwischen seinen Augenbrauen, wenn er sich in seiner Sammlung und in Zukunft vorstellt und hin, vor seine Nachkommenschaft. Ich wollte den Sammler sehen und sehen, wie er mich sieht, wie ich ihn sehe und seine Sammlung, den Sehwert ermitteln und Teil davon sein, mutwillig, exemplarisch. Ich wollte etwas abseits von mir das Sehen sammeln in Bildern von welchen, die sammeln, um zu sein. 

 
Ich sehe mir den Körper des Sammlers an. Die Sehnenstränge des Sammlers halten die Gelenke des Sammlerkörpers elastisch und sind ein bewegliches Sehen. Ein omnipotentes Sehen. Ein ausgreifendes, raumnehmdes und einbeziehendes Sehen. Ein eindrückliches Sehen. Ein Sehen, das seinen Eindruck hinterlässt auf dem, was es sieht. Als Pranke, als Stempel, als Krone. Die Sehsehnen des Sammlers sind sein Lasso. Der Sammler ist eine Krake, ein Cowboy. Er sieht und schon baut er Ställe und pachtet Wiesen fürs eigene Stroh. Er drischt und lässt dreschen. Er stellt sich die Behausung vor, die Bewunderung. Das Pferd des Sammlers hat keine Flügel, wie der Pegasus des Schreibers, doch viel mehr PS. Der Sammler wirft sein Lasso aus, zirkelt, kreist und das Ding gerät in den Bannkreis. Es wird besessen. Ein gebanntes Ding unter Dingen. Verzaubert. Verhext. Eingenäht. Verflixt. Verliebt. Verheiratet. Harem. Erotik per Reihung. Tür zu. Anbau. Aussicht auf Vermehrung. Fütterung. Polyperverse Anordnung. Hallo Leben, ich sammle. Siehst du mich?

 

Freud stellte jede neue Figur erst auf den Esstisch, dann in sein Sprechzimmer zu den anderen gefangenen Dingen. Die Familie sah die Figur während sie Essen in den Körper schob. Die neue Figur wurde einverleibt und verdaut in den Familienkörper, dann ins Sprechzimmer überführt und ab und zu wieder ins Esszimmer zurück gestellt. Für Freud war die Wohnung von Charcot, neurologische Koryphäe, - das Mobiliar in seiner Wohnung, Trophäen, Kuriositäten - Vorbild und Inbild eines Mannes, den man bewundert. Freud und seine Patienten lebten in seiner Sammlung, die Figuren halfen Ideen einzufangen. Sie waren vorbildliche Manifestationen von Urzeitlichem. Bei Freud wird auf der Couch Bildschichtgrabung und Deutung der gehobenen Schätze geboten. 

 
Das Gesammelte bildet den Sammler und schleift ihn, den Diamanten. Es sieht ihn inwendig an und auch dahin, wohin der Sammler nicht sehen kann. Der Sammler wird sich selbst etwas unheimlich und auch magisch. Er wird dadurch magnetisch. Er ist in Besitz eines Sehens, das ihn sieht, das er besitzt und selbst nicht sieht. Das zieht an. Dinge an. Sehen an. Ansehen. Frauen, Männer, grosse Tiere und andere Sammler. Der Sammler entreisst die Kunst dem fremden Dschungel und speist sie dem eigenen ein. Er reist dafür in gefährliche Gebiete oder er bestellt per Internet. Er bietet am Telefon, schickt seine Agenten. Er speist die Künstler bei sich zuhause. Dann sehen sie, während sie essen, was ihn von innen sieht und bildet und sehen bald selbst in ihm ihn an mit dem, was sie sehen, indem sie es tun. Der Sammler wird in diesem unsichtbaren Sehen Komplize des Künstlers, der auch nicht sieht, was er sieht, sonst sähe er es nicht. Das inwendige Sehen, mit fremden Augen und mächtiger als ein Mensch, ist der allmächtige Transportstrahl. 

Was der Sammler sammelt, speist er nicht ein, um es zu verdauen. Er verdaut es nicht. Er konserviert es. Er kümmert sich um seine Kunstwerke. Er kümmert sich vielleicht um seine Künstler. Er isst sie nicht auf. Er füttert sie. Das unterscheidet ihn vom Kannibalen. Er verschafft ihnen Bedeutung durch Auslegung. Durch Anlegung an Wertvolles. Er tut ihnen gut. Er ist gut. Er vermehrt ihren Wert. Alles kommt von sich selbst. Was er ansieht ist dadurch von ihm angesehen. Der Sammler stiftet wertvolle Nachbarschaften und Auslegungsanordnungen. Er wird die Auslegung anstellen, füttern, fordern, fördern und besetzen. Diese Auslegung gehört ihm, wie das, was sie auslegt. Er hat die Aufsicht. Er bestimmt die Ordnung der Deutung, erringt, errichtet mächtige Deutungsschauplätze, Meister über die Ansichten. Er richtet sie an. Er setzt Preise aus. Er veröffentlicht Bedeutendes und verteilt es. Er sieht mit einem Blick, was nützt. Er riecht es. Was ihm nützt, nützt seiner Sammlung. Was seiner Sammlung nützt, nützt ihm. Perfekte Symbiose. Dies ist ein Prachtexemplar von Sammler. Dies ist seine Wunderkammer. An ihren Wunden kann ich sie erkennen. 

Gestern brachte mir eine längst verloren geglaubte Freundin den toten Körper. Es war eine Frau, in Kleidern, mit braunen Haaren. Sie stellte sie in mein Zimmer in die Ecke. Ich plauderte etwas, dann legte ich sie vor das Haus auf ein Mäuerchen in die Sonne. Da kam mein Tiger zum Haus raus und biss ihr in de Kopf, der schwoll davon an. Wir begraben sie zusammen, sagte ich, schade, zwar war er gefährlich und ich lebte nie ohne Furcht im Haus, doch jetzt ist er tot. 



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954