# 001/ Hugo Ball


Die Liebe zur Anarchie

Michael Braun

 

Seine Neigung zur intellektuellen Ketzerei war unbezähmbar, sein rebellischer Eigensinn stets größer als die Fähigkeit zum wohltemperierten Kompromiss: Hugo Ball, der Dichter, Mystiker und Pionier des Dadaismus, rühmte sich selbst gerne seines »seltenen Talents«, sich mit allen »geistigen Menschen« in seiner Nähe »alsbald zu verkrachen«. Mit seinem polemischen Temperament vermochte es der passionierte Querkopf aus dem pfälzischen Pirmasens, Freund und Feind gegen sich aufzubringen. Mit provozierendem Scharfsinn vollführte er die widersprüchlichsten Denkbewegungen, so dass sich seine Weggefährten aus der expressionistischen Generation kopfschüttelnd von ihm abwandten. Zu verworren erschien den meisten Zeitgenossen der geistige Kosmos Balls, als dass sich auf Dauer eine gefestigte Denkschule um ihn herum hätte bilden können. Der Rechtsphilosoph Carl Schmitt, für kurze Zeit ein Bewunderer Balls, nannte ihn einmal den »Typus des neuen deutschen Gelehrten«, des »Konfessors«, der von der Überzeugung ausgeht, »dass Ideen das Leben beherrschen«.

Es sind vor allem die Ideen der geistesgeschichtlichen Verlierer, der unterdrückten Idealisten und ohnmächtig Gescheiterten, die große Anziehungskraft auf Ball ausübten. In seiner 1919 publizierten Streitschrift »Zur Kritik der deutschen Intelligenz« nennt Ball eine Reihe vom Vorbildern, mit denen er gegen die mächtigen Denkströmungen seiner Zeit Stellung bezieht: Den radikalen Mystiker Thomas Müntzer  stellt er weit über den ihm verhassten Luther, den romantischen Mystiker Franz von Baader mobilisiert er gegen Hegel – und gegen den »jüdischen Geist« eines Karl Marx empfiehlt er die Ideen des christlichen Sozialisten Wilhelm Weitling.

Eine weitere unpopuläre Idee brachte der Emigrant Ball aus Berlin im Mai 1915 nach Zürich mit: Er war beseelt von der Mission, das Denken des russischen Anarchisten und Revolutionärs Michael Bakunin im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Bis zu diesem Zeitpunkt existierten kaum deutsche Übersetzungen des russischen Revolutionärs. Das hatte auch mit den scharfen Kampagnen zu tun, die Jahrzehnte zuvor Karl Marx und seine Anhänger aus der »Sozialistischen Internationale« gegen den angeblichen »Hochverräter« Bakunin entfesselt hatten. Durch die denunziatorischen Attacken von Marx waren Bakunins Ideen einer aktionistischen Revolte gegen die europäischen Monarchien in Verruf geraten. Ein zentraler Impuls für die Bakunin-Studien Hugo Balls war so zunächst der Versuch, den Denker Bakunin gegen den Rufmord durch Marx zu rehabilitieren. In einer Anmerkung zur »Kritik der deutschen Intelligenz« hat Ball hierzu eine aufschlussreiche Genealogie der kommunistischen Ideen entwickelt. Dort verweist er auf die Herkunft des Marxschen Kommunismus aus dem Geiste des christlichen Evangeliums und der jüdischen Sekte der Essäer. Seine Bilanz im Jahr 1919 enthält schon alle wesentlichen Ingredienzien der Totalitarismus-Kritik am »doktrinären Staatskommunismus« der Sowjetunion.

In einer seiner kühnen Volten koppelt Ball hier den Erfolg der kommunistischen Idee an die Existenz einer religiös und vor allem katholisch grundierten Gesellschaft. Einen sozial verwirklichten Kommunismus kann es für ihn nur geben, »wo eine starke religiöse, katholische Tradition vorgearbeitet hat«. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu dem schönen Diktum des Publizisten Franz Blei, das Ball so gerne zitiert hat: »Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche!«

Unterstützung für sein Projekt fand Ball bei dem Zürcher Anarchosyndikalisten Fritz Brupbacher, der ihm umfangreiches Material zur Geschichte der sozialistischen Bewegung zur Verfügung stellte. Nach verheißungsvollen Anfängen geriet Balls Arbeit ins Stocken. Der Schriftsteller René Schickele und der Verleger Erwin Reiss, die zunächst Interesse an einer Publikation des »Bakunin-Breviers« bekundet hatten, zogen sich zurück und Ball musste sein unvollendetes Werk im Frühjahr 1918 aufgeben. Zwei Teile seines »Breviers«, die aus einer Montage biografischer Dokumente und Porträts über Bakunin bestehen, hat Ball in zwei Jahren mühsamer Recherche und Übersetzung fertig gestellt. Als er diese ersten Teile an seinen Verleger schickte, hatte die russische Geschichte sich erneut gegen die Ideen Bakunins entschieden: Die Oktoberrevolution hatte das Zarentum hinweggefegt, aber keine freie Assoziation der Arbeiter hervorgebracht, sondern die autoritäre Despotie der Bolschewiki.

Die Ball-Forschung hat lange gerätselt, wie sich die politisch-anarchistischen Impulse des Dichters zu seiner ästhetischen Revolte und seiner Dada-Zeit im »Cabaret Voltaire« verhalten. Der neue Band der Hugo Ball-Werkausgabe, der erstmals das Bakunin-Brevier in seiner überlieferten Textgestalt publiziert, hat darauf eine aufschlussreiche Antwort gegeben. In dem fast 400 Seiten umfassenden, immens lehrreichen Kommentar verweist der Herausgeber Hans-Burkhard Schlichting auf die Struktureinheit der totalen politischen und ästhetischen Revolte: Die libertäre Bewegung in Russland, die auf Bakunins Ideen zurückging, habe Ball ebenso als avantgardistische Kraft gesehen wie den dadaistischen Umsturz der Kultur. Insofern ist es auch von enormer Bedeutung für das Verständnis des Ballschen Denkkosmos, dass nun auch dieses unvollendete Werk aus dem Nachlass innerhalb der Werkausgabe erscheint. Nachdem er im Frühjahr 1918 seinen Brevier-Plan aufgeben musste, hatte Ball im Vorwort zu seiner Streitschrift »Zur Kritik der deutschen Intelligenz« bereits eine neuerliche Wendung seines Denkens angekündigt, mit der er erneut seine Freunde verprellte: Als »neue Denkart« empfahl er ein »konsequent christliches« Weltbild. Es gehe darum – so Ball –, »das neue Ideal ausserhalb des Staates und der historischen Kirche in einer neuen Internationale der religiösen Intelligenz zu begründen«.

Hugo Ball: Michael Bakunin. Ein Brevier. Hrsg. v. Hans Burkhard Schlichting unter Mitarbeit von Gisela Erbslöh. Sämtliche Werke und Briefe Bd. 4. 579 Seiten, Wallstein Verlag, 39 Euro.



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