# 002/ Rubik’s Cube


Donauwürfel: Zwölfter Würfel

Zsuzsanna Gahses Donauwürfel sind 2010 in der Edition Korrespondenzen in Wien erschienen. Zehn Silben mal zehn Zeilen sind ein Donauquadrat, zehn Quadrate ein Würfel; mit siebenundzwanzig Würfeln wird vom Fluss, vom Wasser selbst, von der Vergangenheit der Donau und von ihrer Umgebung erzählt. Die Würfel sind eine gezählte aber fließende Erzählung. Im folgenden Ergänzungstext franst die Zählung aus, die Donau versandet.

 

Zwölfter Würfel

1.
Ein Bekannter aus Salzburg kennt einen
Pavol aus der Slowakei, der Pavol
nennt sich Captain, er hat ein kleines Schiff,
das er Paula getauft hat, und mit dem
nicht grade neuen Schiff unternimmt er
nicht grade offizielle Touren
an der Donau. Kurzerhand beschlossen
wir, bei ihm einzusteigen, es waren
schon vier Passagiere an Bord, falls man
auch uns Passagiere nennen wollte.

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Notiz über die Donau

1.

Immerhin, wollte ich schreiben, nur hat
das Wort eine Silbe zu viel, daher
schrieb ich statt immerhin aber, aber
da hat sich der Sinn verschoben, so dass
ich nun zurücksteuern muss, um das zu
sagen, was ich ursprünglich wollte. Zehn
Silben pro Zeile muss es geben, zehn 
solche Zeilen sind ein Donauquadrat,
mit zweitausendsiebenhundert Silben
bin ich diesem Plan gefolgt, nur lief ich 

 

2.

zwischendurch ständig gegen zu lange 
oder zu kurze Wörter an, die ich
auswechseln musste, musste Wörter und
Sätze verändern, dann nochmals ändern, 
und dabei war mir, als säße ich in
einem Motorboot, mit dem ich, falls es
vorwärts nicht weiterging, rückwärts fahren
musste, ich steuerte mit meinem Boot 
durch Sanddünen und Klippen, stoppte bei 
jedem hinderlichen Stein, schaltete

3.

den Rückwärtsgang ein, aber immerhin(!) 
besaß ich ein Motorboot, mit dem ich
ungeschoren durch die Wortklippen kam.
Bei beinah jeder Fahrt gingen Wörter
verloren, ich hab sie abgeladen,
konnte sie nicht durch die Fahrrinnen schleusen. Daher treten in den zweitausendsiebenhundert Silben meiner Donaugeschichten einige Bezeichnungen, die geplant waren, gar nicht an, zum Beispiel die Fahrrinne, die Bugwelle oder das wichtige Kehrwasser. 

 

Manchmal kam ich zügig voran, dann prallte ich unerwartet auf, wie bei einer Gokart-Fahrt (das ist hier ein zweiter Vergleich), und wie bei einer Gokart-Fahrt war der abrupte Stopp teils lustig, beinahe zum Lachen, teils auch entnervend. 

 

Wahrscheinlich werde ich mit den Quadraten und Würfeln fortfahren, um das gesamte Wassernetz der Kontinente hervorzuheben. Zunächst ginge es dabei um Europa und da vor allem um die Ruhe nördlich der Donau, um die abgetrage Gebirgsruhe. Zwischen den alten, flachen Bergbuckeln und Berglandschaften müsste ich den Rhein skizzieren und die Weser mit ihren Nebenflüssen, die Elbe mit sämtlichen Nebenflüssen, die Oder, die Dwina, die Wolga. Später käme die schöne Lena hinzu, sobald ich den Sprung über Europa hinaus schaffe, dann der Nil und irgendwann der Mississippi. Aber vorerst – schätzungsweise hundertzwanzigtausend Silben lang – wäre von den europäischen Flüssen die Rede. Vom Dnepr und den Kranichen in seinem unteren Verlauf, von den Alpenflüssen, die in Richtung Süden führen, ein anderes Mal dann von dem opak grünen Rhein, den ich bei Konstanz gesehen habe, und überhaupt würde ich gern eine ganze Weile über Flussfarben reden, über diese Farben aus nächster Nähe und aus unterschiedlichen Entfernungen. Das wäre Flussmalerei, ich würde gerne Flussmalerei betreiben, bis zur Schmerzensgrenze, endlos. (Bei diesen Farben wären unweigerlich die Spuren von Dieselöl zu sehen und neben anderen Giftspuren nun auch jener Ölteppich, der sich gerade in den Mississippi schiebt, und vorgesehen hatte ich für die schon fertigen Donauwürfel einen Blick auf Kraftwerke, Stromschnellen und Kläranlagen, aber diese Sehenswürdigkeiten liegen nun still in einer Mappe – und genau genommen kann man angesichts des Ölteppichs kein richtiges Wort mehr sagen).

 

Und weitere Notizen:

 

Die Flussrobbenfrauen, die in den bisherigen Donauwürfeln auftauchen, werden immer runder, glatter, sie haben Mandelaugen oder Nussaugen, und Flusspferde (richtige Pferde) gibt es auch. Wichtig sind außerdem die Kavernen unmittelbar unterhalb oder am Grund der Donau, die durch urzeitliche Meere entstanden sind. 

 

Bei den Kavernen nähern sich die Fische jeder zugänglichen Kuhle, stechen den Kopf in das Erdreich, wackeln mit dem gesamten Leib, sind kurz vor dem Erkennen und verdummen, weil sie nichts Genaues sehen.

 

Große Schulung im Strom. Das Wissen hat Oberwasser. 

 

Das Wasser schlechthin, durchsichtig in einer Wanne, in einem Kochtopf, trüb und abgestanden in einer fremden Küche, jemand hat hineingespuckt, 

 

Die Donau hat ihre drei riesigen Seitenarme, den Inn, die Save und die Theiß und endlos viele Nebenarme, die armen Arme. 

 

Die Drau habe ich nie gesehen. Ich, sage ich betont, um meinen Vater zu ärgern (er kann das viele Ich nicht leiden), aber er lacht. Die Drau ist wohl vielfach gewunden, sagt er, darum heißt sie so. 

 

Der Schluckauf ist jeweils ein kleiner Elektroschock im Hirn. (Das habe ich mir notiert, und nach wie vor weiß ich nicht, wie das mit dem Wasser oder mit der Donau zusammenhängen soll, meine aber nach wie vor, dass der Satz hierher gehört.)

 

Dann kroch neben mir ein Wappentier hervor, eine Schildlaus, genau wie die Wappen vieler Ortschaften, grün und blau (die Wappen werden den Käferläusen nachgebildet), und ich schlug auf das Tier zu, bis das Schild zerfallen war, weil ich von Käfern so gut wie nichts weiß.



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KARAWA.NET ERSCHEINT EIN MAL IM JAHR / ISSN 2192-1954