# 001/ Hugo Ball


»Ich kann in der Luft schreiben« – Gespräch mit Valeri Scherstjanoi

Der Lautpoet Valeri Scherstjanoi spricht mit karawa.net über Hugo Ball und seine russische Übersetzung von »Karawane«, über die mystisch-religiösen Hintergründe der Lautpoesie, und darüber, wie das alles mit dem Futurismus und seiner eigenen Kunst zusammenhängt.

 

KARAWA.NET: Bei deinen Auftritten sagst du oft, dass die Errungenschaften der russischen Futuristen, zum Beispiel von Alexei Krutschonych oder Wladimir Majakowski, von großer Bedeutung für deine eigene Arbeit sind. Gibt es einen ähnlichen Einfluss durch den Dadaismus, insbesondere durch Hugo Ball, oder ist Dada nur nebenbei von Interesse?

VALERI SCHERSTJANOI: Als ich in die damalige DDR kam, hatte ich keine Ahnung, was Dadaismus überhaupt ist. Zuerst war der russische Futurismus da, die »phonetischen Reden«, die russische übersinnliche Poesie, die man Sa-Um nennt. Ich durfte Anfang der achtziger Jahre im Archiv eines Kunstwissenschaftlers arbeiten, und dort habe ich die Ausgaben von Herwarth Waldens »Sturm« kennen gelernt. Ich begegnete den Texten von Rudolf Blümner, Kurt Schwitters, Herbert Behrens-Hangeler  und August Stramm. An einer Wand des Archivs hing eine von Schwitters Merz-Collagen. Von Ball wusste ich damals noch nichts. Ende der achtziger Jahre stand ich dann im Briefwechsel mit dem Dada-Spezialisten Karl Riha. Er hatte von mir erfahren und fragte mich, ob ich ein Buch in seiner Reihe »Experimentelle Texte« machen würde. In der Dada-Anthologie, die er herausgegeben hatte, habe ich Hugo Ball entdeckt. Aber Balls Texte haben mich nicht beeindruckt.

KARAWA.NET: Sie haben dich nicht beeindruckt?

SCHERSTJANOI: Natürlich ist Hugo Ball ein erstklassiger Schriftsteller. Aber bis heute glaube ich, dass er nicht der erste Lautpoet ist. Wenn ich mir seine sechs Klang- und Lautgedichte und das »Krippenspiel« von 1916 auf dem Blatt ansehe, denke ich: sie sind bloß Lautpoesie auf dem Papier. Das widerspricht sich: Lautpoesie auf dem Papier. Wie liest man das vor? Es gibt keine Tonaufnahmen von Ball.

KARAWA.NET: Nahmen die russischen Futuristen Ball zur Kenntnis? Gab es einen Austausch?

SCHERSTJANOI: In seiner Münchener Zeit war Ball mit Kandinsky befreundet. Kandinsky hatte zwei Bücher veröffentlicht: Eines, im Piper-Verlag, trug den deutschen Titel »Gedichte ohne Worte«, aber eigentlich hätte der Titel mit »Verse ohne Worte« übersetzt werden müssen. Hugo Ball bezeichnete seine Lautgedichte ebenfalls als »Verse ohne Worte«. Man kann also einen Einfluss vermuten. Umgekehrt weiß man nicht, ob Kandinsky in Russland von der deutschen Kunstszene erzählt hat. Aber er stand im freundlichen Kontakt mit Hugo Ball und der Züricher Dada-Szene. Kandinskys Texte waren auch ein Teil des Repertoires im Cabaret Voltaire. Man hat dort übrigens auch Leonid Andrejew vorgelesen, dazwischen haben russische Kosaken was getanzt, und ein Chor war da, es gab Texte von Tschechow, oder Musik von Skrjabin. In Zürich waren die Veranstaltungen weit gefächert. Ein Dada-Gedicht muss keineswegs ein Lautgedicht sein. Doch das deutsche Lautgedicht entstand im Dadaismus. Krutschonych, der eigentliche Begründer der russischen Lautpoesie, sprach hingegen nicht vom Lautgedicht. Seine »nackten Neologismen«, »phonetischen Reden« der transrationalen Sprache sind der deutschen phonetischen Poesie der Nachkriegszeit viel näher als dem Dadaismus. Bei den Dadaisten spürt man keine Spur von einem Chlebnikow oder Krutschonych. Mit Kandinsky ist die Tür zu. Seit 1968 beschäftige ich mich mit dem Futurismus, und da findet man kein Wort »Dada«, »Hugo Ball«, »Kurt Schwitters« – nichts. Was man in Deutschland von Chlebnikow finden kann, sind zwei Bände, die Peter Urban herausgegeben hat. In der DDR sind zwei Bändchen von Chlebnikow erschienen. Nur die konkreten und die phonetischen deutschsprachigen Autoren waren in der Lage, sie nachzudichten. Und dann ist es aus.

KARAWA.NET: Man denkt bei Balls Gedichten automatisch an den Wohlklang der Vokale, der alles durchzieht. Bei Raoul Hausmann hat man hingegen das berühmte »fmsbwtözäu« im Ohr, das Schwitters später übernahm. Wie wichtig ist dir Schönheit oder Wohlklang im Lautgedicht?

SCHERSTJANOI: Ich habe versucht, meine Studenten am Leipziger Literaturinstitut davon zu überzeugen: wenn ihr ein Lautgedicht macht, dann vergesst die Welt der Vokale. Im Plakatgedicht von Hausmann gibt’s kaum Vokale: »fmsbwt«, und dann kommt ein »ö« als Unterstützung, aber es beginnt mit einer Reihe Konsonanten. Das spielte auch für Carlfriedrich Claus eine große Rolle. Er wollte Widerstand spüren, immer Widerstand spüren. Es gibt auch glossolalische Texte, die man als Lauttexte vorlesen kann, weil sie fast nur aus Konsonanten bestehen. Und ein Konsonantengedicht so zu deklamieren, dass es ohne Vokale auskommt, ohne reduzierten Vokal, geht eigentlich nicht, doch man versucht es. Man probiert diesen Widerstand aus, versucht das Denken neu zu färben. Claus sprach von den »inneren Stauungen«, die in ihm sind.

KARAWA.NET: Mit der Glossolalie, der Zungenrede, hat sich auch Hugo Ball auseinandergesetzt. Wie beurteilst du die Bedeutung solcher Texte für die Entwicklung der Lautpoesie?

SCHERSTJANOI: Für Krutschonych lag darin eine Inspirationsquelle. Er war allerdings überzeugter Atheist, und hatte schon als Kind gegen seine Eltern und gegen seine gläubige Tante protestiert. Es war Mode bei den Futuristen, bei den Russen, dass sie auf Gott und auf die Welt schimpften. Aber Roman Jakobson machte Krutschonych und Chlebnikow auf einen Text aufmerksam, der »Ekstatische Reden« hieß, aus einem Band, den Warlaam Schischkow Ende des 19. Jh. herausgegeben hatte. Der Band enthielt viele glossolalische Texte. Krutschonych fand in dem Sammelband einen Text von Schischkow: »Religiöse Ekstase im russischen mystischen Sektierertum«. Interessanterweise waren in dem Band auch Texte aus Italien, England und Deutschland versammelt: Fantastische Gebete. Die religiöse Ekstase der russischen glossolalischen Texte hat für Krutschonych das Muster abgegeben. In einem Manifest schreibt er: »Das ist für uns nicht Puschkin. Das ist für uns eine Quelle für die neue Dichtung.«

KARAWA.NET: Ging es ihm nur um die Form der Glossolalie, oder auch um eigenes mystisches Erleben?

SCHERSTJANOI: Ihm ging es um die Ekstase, darum, dass die Seele glüht, verglüht, dass man, wenn man den Text vorträgt, eine vollkommen neue Sprache erschafft, die andere Formen der Kommunikation ermöglicht. Wenn ich mir diesen Text ansehe, will ich ihn sofort lesen. Er wirkt wie ein Zungenbrecher. Ich habe ein Experiment gemacht. Ich trug diesen Text immer wieder vor. Man kann ihn flüsternd, sprechend, seufzend, hustend, pathetisch vortragen, er ist eine unglaubliche Quelle. Er ist nicht fein, nicht feingeschliffen, eher ein Rohstoff. Dieses Raue, Grobe nimmt Ball zurück, wenn er seinen Gedichten impressionistische Titel gibt: »Wolken«. Dass es »Wolken« heißt, stört mich. Jemand kann den Wolkentext vortragen, und dann hört man trotzdem eine »Totenklage«. Die Titel stören mich. Natürlich bleibt sein Verdienst, dass er den Begriff »Lautgedicht« eingeführt hat. Aber wenn Christian Morgenstern gesagt hätte, dass er »Lautgedichte« macht, dann würden wir jetzt nicht über Ball sprechen. Dabei wollte Ball gar keinen neuen Ismus beginnen, keine neue Handelsmarke wie Pepsi-Cola. Da gibt es sehr zornige Worte. Kein Wunder, dass er mit Emmy Hennings aus der Szene ausstieg. Er dachte nicht so kommerziell wie Tristan Tzara.

KARAWA.NET: Wie erlebst du diese Literaturgeschichte? Es sind bald hundert Jahre vergangen.

SCHERSTJANOI: Diese Texte sind frisch, das sind Gedichte, wie von Zeitgenossen geschrieben. Auch die Texte von Ball, sie werden nach wie vor auf der Bühne aufgeführt, schaut mal auf YouTube. Ganz gleich, ob er nun ein deutscher Lautdichter war oder nicht, und was seine Texte bedeuten. Da gibt es viele Analysen. In seiner Doktorarbeit (Untersuchungen zur Geschichte und Typologie der Lautpoesie, 1988) versucht Christian Scholz zu entziffern, was bei Ball was bedeutet. Er blättert. Hier schreibt Scholz über »Karawane«: »Nicht nur die Überschrift, sondern auch die Lautfolgen der einzelnen Verse bestimmen den Vorstellungsraum, den der Rezipient verwirklichen muss« – Was heißt muss? Ich muss gar nix! – »jolifanto enthält den Bezug zu 'elefant' …« Er lacht. »… Wobei hier auch die Kontraktion aus französischem 'jolie' und französisch 'enfant' vorliegen könnte.« – Ja, sehr schön. – »Weitere Anspielungen beziehen sich auf den Rüssel: 'russula'.« – Vielleicht auch Luigi 'Russolo'? Vielleicht die 'Russen'? Die Russen waren da. Vielleicht sitzt da Kandinsky.

KARAWA.NET: Du selbst hast »Karawane« ins Russische übersetzt.

SCHERSTJANOI: Ja, für mich waren das nicht 'Rüssel', 'Russen' waren das! Selbstverständlich kann man Lautgedichte nicht übersetzen. Aber die Stimmung der Texte lässt sich übertragen.

 


Valeri Scherstjanoi: Кarawane von Hugo Ball auf Russisch

Freie Interpretation zum freien Gesang

Beim Laden der Seite ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es in Kürze noch einmal.

Karawane

jolifanto bambla ô falli bambla
großiga m’pfa habla horem
égiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung
blago bung
bosso fataka
ü üü ü
schampa wulla wussa ólobo
hej tatta gôrem
eschige zunbada
wulubu ssubudu uluw ssubudu
tumba ba-umf
kusagauma
ba - umf

 

Караваны
Бллллл яф яф рант О! гО Л Л Л х А
А БаН РосГ Ыиииииииии иииииГГГо
О! ГорьеУм
Е во го го РРР ами
Бой ко бой ко РУССССУЛЛЛА
Бла ГОБУНТ Бла ГОБУНТ
О лю лю лю ля ля ля
Щё еее с и н ! ДАБА
Вуууу! Ухуху люб л Волю лю лю уДуб!
Тум Ба-Ба
Бан! РА РАБГЛЯ РАБГЛЯ
Уффф
Караваны

 

aus: lauter scherben. Texte Zeichnungen Chronik.
Norderstedt: 2008



KARAWA.NET: Was hat dich daran gereizt, den Text zu übersetzen? Wenn man die Aufnahme anhört, merkt man: du hast die Verszeilen nicht beibehalten. Dein russischer Text ist kürzer. Es gibt ein paar Fragmente, die man wieder erkennt, z. B. »blago bung«.

SCHERSTJANOI: Ja, bei »blago« dachte ich an »благо«: »Wohlergehen«. Und bei »bung«, verstand ich »бунт«: »Rebellion«, »rebellieren«. »Goramen«, »gore«, Germanen – ich dachte an »горе« – »leiden«, »Germanen« und »Gram«. Vielleicht habe ich auch dieses Gefühl gehabt: Als Kind – ich bin in Südrussland aufgewachsen – als Kind gehe ich mit Mutter auf den Basar, und da sind – im Nordkaukasus – Armenier, Tschetschenen, Georgier, und alle sprechen Russisch, jeder mit seinem Akzent. Mich interessiert dieses Lustigsein in »Karawane«, da ist viel Dramaturgie drin. »blago« ist: »oh, mir geht’s gut«. Ich kann nur dieses Wörtchen »blago« nehmen – da steckt so viel drin. »blago« – oh: Unendlichkeit! Aber was heißt »bloiko«? Da denke ich an »бойко«. Was soll das alles bedeuten? »anlogo«: klar, hier ist »logo« das deutsche Präfix »an«. Aber ist es deswegen ein deutsches Lautgedicht? Deutsch ist nur der Titel: »Karawane«.

KARAWA.NET: Wenn es nicht darum ging, etwas mitzuteilen, ging es dann um eine andere Wirkung der Sprache?

SCHERSTJANOI: Ich bin davon überzeugt, dass Ball sich wirklich in religiöser Ekstase befand. Und ich habe mal gelesen, in der Spiegelgasse, wo das Cabaret Voltaire war, hat es ca. 10 Jahre vorher Pfingsttreffen gegeben. Ball hat von diesen Zungenrednern gehört. Es ist ein Wunder, dass er das verbinden konnte: dieses ekstatische Gefühl und das Bewusstsein am Ende einer Zivilisation zu sein. Die blöde Mehrheit der Europäer, von denen welche gestern noch irgendwo bei Walden im »Sturm« gemeinsam ausgestellt haben und sich jetzt in den Gräben gegenüberstehen und aufeinander schießen. Es gab nur wenige, die sagten: Euer Scheißkrieg - was geht uns das an? Die Dadaisten fragten: Was können wir als Künstler gegen diese Blödigkeit da auf der Straße draußen machen?

KARAWA.NET: Die Poesie als Widerstand, als Opposition gegen angepasste Meinungen, aber auch gegen eine angepasste Sprache?
 
SCHERSTJANOI: Claus sagte einmal: »wir befinden uns im Kerker der Sprache«. Das ist vielleicht eine Antwort. Oder er sagte: »Wortlärm zerreißt die Stille.« Das finde ich sehr schön. Weil, fast alles, was wir hören, Alltagssprache, egal, wo wir sind, darunter fällt.

KARAWA.NET: Er wollte die »natürliche Sprache« verlassen.

SCHERSTJANOI: Das war sein Programm. Ganz bewusst: raus, Verzicht auf die natürlichen Sprachen, einschließlich seiner Muttersprache. Ich habe dieses Experiment fortgesetzt. Was nicht von heute auf morgen geht. Erst jetzt bin ich in der Phase, wo ich auf der Bühne stehe, und aus dem Stehgreif eine Komposition erfinden kann, einfach so. Mit den Worten von Raoul Hausmann: das Lautgedicht geschieht im Mund. Aber es hat mit den feinen Artikulationstechniken zu tun. Das Schreiben hat für mich drei Aspekte. Ich schreibe – die Reihenfolge kann auch anders ein – auf dem Papier, auf dem Tonband, und in der Luft. Raoul Hausmann schrieb einmal an Claus: »in der Luft schreiben, lieber Carlfriedrich Claus«. Er betrachtete ihn wahrscheinlich als seinen Lehrling. Ich kann in der Luft schreiben. Die Sprache ist dann im ganzen Körper und nicht auf dem Papier. Das ist nur Partitur, was auf dem Papier ist. Aber wenn ich einmal ein Gedicht von jemandem gehört habe, dann funktioniert es. Ich habe jetzt Elsa von Freytag-Loringhoven entdeckt, was ich der israelischen Lautdichterin Anat Pick zu verdanken habe. Die zentrale Figur im New Yorker Dadaismus. Eine Deutsche. Eine tragische Persönlichkeit. Wenn ich einen Text von ihr nur sehe, kann ich damit nicht viel anfangen. Aber Anat Pick hat mir eine Aufnahme gemacht. Ja, dann denk ich, jetzt muss ich Anat Pick hören. Aber man kann auch experimentieren, selbst lesen. Man muss mehrmals lesen und jede einzelne Silbe in den Mund  nehmen und sich dran gewöhnen. Wenn ich die Worte jeden Tag spreche und höre, dann sind sie in meinem Körper, es ist dann ganz vertraut.

KARAWA.NET: Wir sprachen über die ekstatischen Reden, die Krutschonych inspirierten. Wir sprachen über Hugo Ball, der sich später dem Katholizismus zuwandte. Würdest du sagen, dass es ein Ziel der Lautpoesie ist, einen mystisch-ekstatischen Moment zu erreichen, den man sonst, im Alltag, nicht findet? Etwas, das sonst nur das religiöse Erleben ermöglicht?

SCHERSTJANOI: Für mich ist es eine Befreiung. Es ist etwas im Geiste des Zen-Buddhismus und hat etwas Meditatives. Von Buddhismus bis John Cage und Claus. Es hat was Egoistisches, weil man versucht, an nichts zu denken. Nach einem Auftritt weiß ich oft nicht mehr, was ich vorgetragen habe. Aber ich weiß, dass es ging. Ich kann nicht sagen: ich habe dieses oder jenes Lautgedicht vorgetragen. Ich improvisiere. Später schaue ich mir das auf Video an und frage mich: warum sind die Leute begeistert? Dann analysiere ich mich, mache den Ton aus, achte auf die Körpersprache, schließe die Augen, um nur zu hören. Warum konnte ich dem Publikum etwas mitteilen? Es ist nicht mystisch, aber etwas Übersinnliches möglicherweise.

KARAWA.NET: Vielleicht ist es das Moment, dass jemand nichts vorspielt, sondern etwas unmittelbar zum Ausdruck bringt. Das erlebt man sehr selten.

SCHERSTJANOI: Das alles ist Sprache. Lautpoesie hat mit Parasemantik zu tun, also allem, was aus dem menschlichen Körper, dem Klangkörper herauskommt. Aber es ist natürlich harte Arbeit. Besonders, wenn man kein Sänger ist. Ich habe jetzt mit Michael Lentz Aufnahmen gemacht, ohne Hemmungen, eine halbe Stunde lang, mit Pausen, immer wieder, und ich wusste nicht, was er macht, ich wusste nicht, was ich mache. Wir standen in seinem Studio, Rücken an Rücken, und dann ca. nach 5-7 Minuten schaut er mich an und ich ihn, und er sagt: jetzt ist Schluss, ok. Es hat funktioniert, aber wir wissen nicht, warum. Übrigens gab es in diesen 30 Minuten keinen einzigen Vokal. Lautpoesie hat mit Freiheit zu tun. Wenn das Lautgedicht eine Seite lang ist, heißt es nicht, dass es eine Seite lang sein muss. Das Sprechen tut gut, ist auch gesund. Es ist gut für die Sprecherziehung, es ist gut zum Lesen. Und es ist gut, dass man laut lesend die auf den ersten Blick normal klingende Sprache anders wahrnimmt, noch intensiver. Die richtigen Lautpoeten sind eigentlich keine. Die Sprache verlassen, bedeutet nicht, sie zu verfluchen. Und Claus hat geniale Kommentare geschrieben, über seine Lautexerzitien und seine Bewusstseinstätigkeit im Schlaf. Wie er schreibt, das ist hochpoetisch und philosophisch. Es ist wirklich Befreiung.

KARAWA.NET: Wie schätzt du die Zukunft der Lautpoesie ein?

SCHERSTJANOI: Solange es die menschliche Sprache und die Poesie gibt, wird es Lautpoesie geben. Aber jetzt sind wir ein bisschen in der Krise, weil die wichtigsten Vertreter in den letzten zehn Jahren gestorben sind. Von Ernst Jandl bis Oskar Pastior. Das war sensationell. Wenn Jandl in Berlin gelesen hat, und niemand wusste, dass Jandl liest waren trotzdem fünfhundert Leute da. Natürlich wollte er kein populärer Dichter sein. Und er war nicht immer Lautdichter. Aber er hat diese österreichische Seele in der Sprache, und er gibt das dem Deutschen, und jeder Deutsche versteht das. Er stand da und sagte: »jetzt ein kurzes Lautgedicht«, und dann: »so«.

Das Gespräch führten Tobias Amslinger und Norbert Lange am 20. August 2010 in Berlin.


Zum weiteren Einhören und Verständnis, auf UbuWeb:



Secondary menu

KARAWA.NET ERSCHEINT ZWEIMAL JÄHRLICH / ISSN 2192-1954