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Lyrik-Rettungsschirm wird Vertrauen der Leser wiederherstellen

Charles Bernstein liest an der »New School for Social Research« in New York, im Rahmen eines Marketing-Events anlässlich des Erscheinens von The Best American Poetry 2008. David Lehman ist der Herausgeber der Reihe Best American Poetry; Robert Polito ist der Leiter des Literaturprogramms der New School.

 

Sehr geehrter Vorstandsvorsitzender Herr Dr. Lehman, sehr geehrter Schriftführer Herr Dr. Polito, erlesene Lyriker und Leser, mein Damen und Herren — Ich bedaure die Festlichkeiten des heutigen Abends mit einer wichtigen Mitteilung unterbrechen zu müssen. Wie Sie wissen, verstopft das Überangebot illiquider, insolventer und in der Krise befindlicher Gedichte die literarischen Arterien der westlichen Welt. Diese hochverschuldeten Gedichte drohen nun auch andere Bereiche des Literatursektors zu infizieren und schließlich unsere Kulturindustrie insgesamt ins Wanken zu bringen.

Die Troika der kulturellen Elite hat sich versammelt, um eine massive Lyrikübernahme  bekannt zu geben: kreditgestützte und ungedeckte Gedichte, Poesie-Derivate, säumige und Subprime-Gedichte werden durch den größten Lyrik-Rettungsschirm seit der viktorianischen Epoche aus dem Umlauf genommen. Es ist unsere Überzeugung, dass dies ein umfassender und richtiger Plan ist, um den Druck von unseren literarischen Institutionen und Märkten zu nehmen.

Lassen wir uns nicht täuschen: die neoliberal-konservativen Grundlagen unserer Lyrik sind solide. Das Problem ist nicht die Lyrik, sondern sind die Gedichte. Die Krise ist herbeigeführt worden durch die Ausweitung der Lyrikschulden — von Gedichten, die unkontrolliert am Markt zirkulieren und infolge ihrer Schwierigkeit, Inkompetenz oder Belanglosigkeit wirtschaftlichen Schaden verursachen.

Illiquide Lyrikanlagen unterbrechen den für unsere Literatur so lebenswichtigen Phantasiefluss. Wenn das Literatursystem arbeitet, wie es sollte, fließen Lyrikanlagen von und zu Lesern und Autoren, um einen produktiven Teil des kulturellen Feldes zu bilden. Wenn aber weiterhin toxische Lyrikpapiere  das System blockieren, könnte diese Vergiftung des Literaturmarkts unsere kulturellen Institutionen irreparabel beschädigen.
Wie wir wissen, haben nachlässige Kompositionsverfahren und Schreibpraxen seit Beginn des Modernismus zu verantwortungslosen Lyrikern und verantwortungslosen Lesern geführt. Einfach gesagt: Zu viele Lyriker haben Werke verfasst, die keine verlässliche Ausrichtung besitzen. Wir sehen heute, wie sich das auf die Lyrik auswirkt, mit einem massiven Vertrauensverlust von Seiten der Leser. Was als Problem bonitätsschwacher Lyrik auf unregulierten Lyrik-Websites begann, hat auf andere, stabilere Literaturmagazine und -verlage übergegriffen und entscheidend zu einem Überschuß von Lyrikinventaren beigetragen, die verantwortungsvolle Gedichte im Wert gedrückt haben.

Die Risiken, die von Lyrikern eingegangen wurden, waren zu groß; eine tiefgreifende ästhetische Fahrlässigkeit. Die Zeit der Dekadenz muss und wird ein Ende nehmen. Mit der obligatorischen Aufsicht und Regulierung von Kompositionsverfahren und Veröffentlichungspraxen.

Es ist unser fester Glaube, dass unser Kultursektor – sind diese Gedichte erst aus dem Umlauf genommen – sich erholen wird und Leser das Vertrauen in die amerikanische Literatur zurückgewinnen werden. Wir schätzen, dass für eine erfolgreiche Übernahme alle nach 1904 geschriebenen Gedichte aus dem Umlauf genommen werden müssen.
Dies wird ein Neuanfang sein, die neue Morgendämmerung eines neuen Tages. Wenn Leser nicht länger Gefahr laufen, von illiquiden Gedichten überwältigt zu werden, können wir eine literarische Kultur mit einer soliden ästhetischen Basis schaffen.

Mein Name ist Charles Bernstein und ich stehe hinter dieser Mitteilung.



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